Was steckt hinter dem Hass gegen Return to Silent Hill?

Der neue Film Return to Silent Hill läuft endlich in den Kinos. Allerdings scheint ihn niemand zu schätzen. In den Sozialen Medien werden Zuschauer*innen, die den Film mögen, für ihre Meinungen beleidigt. Giuseppe Contrafatto, der auch diese Art von Cybermobbing erlebt hat, über die möglichen politischen und gesellschaftlichen Hintergründe – von Populismus bis zum Patriarchat.

Auch in einer Ausstellung im Dänischen Nationalmuseum meine ich, Figuren aus Silent Hill zu erkennen: James, Maria, Mary, Angela, Laura. Wikingerfrisuren. ‎⁨Dänisches Nationalmuseum, Kopenhagen. Foto: Giuseppe Contrafatto

Kennt ihr diesen Kumpel, der ständig alles mit seinen geliebten fiktionalen Werken vergleicht? Genau so einer bin ich, und ein Werk, auf das ich immer wieder mit seinen Bildern und Motiven Bezug nehme, ist das Videospiel Silent Hill. Ich bin so ein großer Fan, dass ich mein Auslandssemester am 23. Januar beendet habe – genau am Tag der Premiere von Return to Silent Hill – weil ich mit meiner Reise nach Berlin James Sunderlands Reise nach Silent Hill nachahmen wollte.

Wütende Fanbase und meine Erfahrung

Die Fanbase ist wütend, und die sozialen Medien polarisieren immer mehr. Im Internet, zum Beispiel auf YouTube findet man fast ausschließlich Videos mit sehr harscher Kritik zum Film. Der Regisseur Christophe Gans sprach über Morddrohungen, die er bereits seit dem ersten Film im Jahr 2006 erhält. Eine Form dieser Wut im Fandom habe ich selbst erlebt. Ich wurde von einem YouTuber lächerlich gemacht, weil ich meine Meinung unter seinem Video geteilt habe. Er hat meinen Kommentar angepinnt, und seine Follower haben mich belästigt. Ich habe mich gefühlt, als würde mich eine Gruppe von Leuten auf der Straße umzingeln und zusammenschlagen.

Nicht viel Unterschied

Laut vielen Reviews ist Return to Silent Hill eine Katastrophe. Der Film wird vor allem kritisiert, weil er die Handlung des Videospiels Silent Hill 2 nicht treu adaptiert. Außerdem werden einige Dialoge als holprig angesehen. Dazu wird der Schluss als zu hektisch bzw. zu verwirrend empfunden.

Trotz allem kann man bei näherem Hinsehen zugeben, dass zwischen dem Film und dem Spiel viele Gemeinsamkeiten bestehen. Sowohl im Film als auch im Videospiel kehrt James nach Silent Hill wegen eines Briefes seiner Frau Mary zurück. Langsam wird klar, dass James seine Partnerin getötet hat, um sie von einer belastenden Krankheit zu erlösen. Es gibt die gleichen Monster, die gleiche Ästhetik, die gleiche Atmosphäre wie in der Welt von SH2. Der Film zeigt jedoch einen wesentlichen Unterschied. Im Gegensatz zum Spiel scheint alles, was James erlebt, ein Produkt seiner Imagination. Tatsächlich befindet sich James in einem psychiatrischen Krankenhaus und was er erlebt, findet nur in seinem Kopf statt.

Aktuellpolitische und patriarchale Kritik

Meines Erachtens lässt sich die Kritik aus zwei Gründen erklären. Zunächst spielt die aktuelle politische Lage eine Rolle. Return to Silent Hill wurde nicht in Hollywood produziert. Die „chaotische“ Handlung hat nichts zu tun mit der herkömmlichen Herangehensweise, Filme zu konzipieren, die man sonst von Netflix & Co. kennt. Sie ist nicht-linear, sehr autororientiert und als Serie von Ereignissen rund um Visionen und Flashbacks strukturiert. All das ist stark vom Stil des Regisseurs geprägt, der sich sehr barock und atmosphärisch auswirkt. RtS ist kein typischer schicker Indie-Film, der beim Sundance Festival gewinnen würde. 

Zudem merkt man, dass die Belegschaft nicht dem amerikanischen Mainstream entspricht. Der Regisseur ist ein Franzose. Weiterhin besteht die Liste der Crew im Abspann aus vielen nicht-englischen Namen. Zuletzt sind das Wappen der Republik Serbien sowie der Satz „Dieser Film wurde mit Unterstützung der Europäischen Union erstellt“ zu sehen. Ich glaube, dass die Regierung der Vereinigten Staaten, die engagiert alles ablehnt, was nicht amerikanisch ist, kein Interesse daran hat, den Erfolg dieses Filmes zu fördern. Meines Erachtens ist dies ein Fall, in dem eine Lobby die öffentliche Meinung – sei es für Profit oder Macht – beeinflusst hat. Auch der typische patriotische Zuschauer kann den Film – bewusst oder unbewusst – als Film 2.Klasse empfinden, unter anderem wegen der vielen ausländischen Namen im Abspann.

Darüber hinaus zeigt sich ein anderer Aspekt, der mir am Herzen liegt: das patriarchalische System. Kein Review hat die bemerkenswerte Leistung von Hannah Emily Anderson hervorgehoben, die vier Charaktere gespielt hat (Mary, Maria, Angela und Moth Mary). Sie hat sich Mühe gegeben: Jede Figur hat ihre Persönlichkeit, ihre Geschichte, ihr Kostüm. Sie ist einzigartig. Auch Evie Templeton, die erst 2008 geboren ist, liefert eine ausgezeichnete Darstellung der Figur Laura.

Eine gelungene Adaption

Return to Silent Hill hat mir sehr gut gefallen: Weil er anders als die üblichen Filme ist, die in letzter Zeit im Kino laufen. Weil die Autor*innen mutige Entscheidungen getroffen haben. Weil ihm gelingt, den Geisteszustand eines Menschen zu vermitteln, der am Rand der Realität lebt, wie von einem psychologischen Horrorwerk zu erwarten ist.

Aus diesen Gründen ist der Hass zu diesem Film nicht gerechtfertigt. Das Verfilmen von Videospielen ist kein einfacher Prozess. Trotz der Hindernisse haben Christophe Gans und die gesamte Crew ein gutes Produkt hervorgebracht.

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