Die meisten Studierenden gehören zur Nachwendegeneration: geboren Ende der 1990er oder Anfang der 2000er, mit Eltern, die ein geteiltes Land miterlebt haben. Auch wenn die Mauer weg ist, bleibt die Gesellschaft getrennt. Was bedeutet sie also für eine Generation, die sie selbst nie erlebt hat?

Die U3 brettert über die Oberbaumbrücke. Am Ende ihrer Strecke steige ich heute aus: Warschauer Straße. Hier bewege ich mich zwischen Einkaufszentren, Konzerthallen und Spreespaziergängen, und das, wie so oft in Berlin, ohne genau darüber nachzudenken, ob ich gerade im ehemaligen »Osten« oder »Westen« bin. Meist wird mir das nur bewusst, wenn ich genervt auf mein Handy schaue, weil der Fahrtweg »da rüber« schon wieder fast eine Stunde dauert. Oder wenn ich, wie hier, die Mauer sehen kann. Was früher trennte, ist heute farbenfrohes Touri-Material, das eine Freiheit zelebriert, die in meinem Leben schon immer selbstverständlich war. Die Schauergeschichten von Mauertoten und Stasi fühlen sich im Trubel rund um die Uber Arena wie Märchen an. Und trotzdem ertappe ich mich dabei, zu überlegen, wo ich hier denn gerade bin und dass ich mich früher nicht so frei hätte bewegen können.
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Lotti ist gebürtige Berlinerin und TU-Studentin. Sie fühlt sich im östlichen Pankow zu Hause. In Westberlin hat sie noch nie gewohnt. Ein Unterschied, der ihr zuerst einfällt und der sie bis heute in ihrer Familie begleitet: »Wertschätzung. Dinge länger nutzen, reparieren. Und auch dieses Bewusstsein dafür, dass wir heute so viel konsumieren können.« In ihrer Generation fällt ihr auf, dass Eigentum von Westdeutschen seltener hinterfragt wird.
»Ganz viele erzählen mir, ›meine Eltern haben ein Haus dort und dort‹ – und dann weiß ich schon, die kommen wahrscheinlich aus dem Westen.«
Lotti fängt an, zu erzählen, dass es in der DDR nicht so einfach war, Eigentum anzuhäufen. Nach der Wiedervereinigung hatte das Geld plötzlich keinen Wert, Abschlüsse waren nutzlos. Vieles aus der DDR schien entwertet. Ihre Eindrücke spiegeln sich in Fakten: Laut dem Statistischem Bundesamt besitzen Haushalte in Westdeutschland deutlich häufiger Wohneigentum als in Ostdeutschland. In vielen westdeutschen Bundesländern liegt die Eigentümerquote bei rund 50 %, in ostdeutschen bei 30–40 %. Die Vermögensungleichheit zeigt sich auch in anderen Zahlen: 2024 besaßen ostdeutsche Haushalte im Schnitt rund 151.000 Euro, und damit weniger als halb so viel wie Westdeutsche mit rund 360.000 Euro. Lotti nehme diesen Unterschied in unserer Generation noch immer stark wahr. Sie befürchtet, dass das »Ost-und-West-Thema« versanden wird, weil es zurzeit dringlichere Themen gibt.
»Ich kenne auch ehrlich gesagt keine Person, die da wirklich investet ist, auch nicht Leute aus dem Osten. Manchmal glaube ich, ich bin am meisten investet, obwohl ich einfach nur Geschichten von meinen Großeltern höre.«
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Zara wuchs im östlichen Treptow-Köpenick auf, ihr Vater kommt aus dem Westen. Sie studiert an einer Fernuni. Für sie steht ihre Ost-West-Zugehörigkeit nicht so sehr im Vordergrund wie ihr Migrationshintergrund:
»Wenn ich Leute treffe, denke ich gar nicht darüber nach, ob ihre Eltern ostdeutsch oder westdeutsch sind. Dieses Ost-West-Ding wird eher weitergegeben an Kinder, die keinen Migrationshintergrund haben.«
Für Zara verschiebt sich der Fokus weg von Ost und West hin zu breiteren Fragen nach Herkunft, Ethnie, Kultur und Vermögen: »Das wird sich auf jeden Fall intensivieren, weil ja auch diese Armutsschere auf der Welt immer größer wird, und die deutsche Teilung zeitlich weiter zurückliegt.«
Auch ich habe einen Migrationshintergrund, fühle mich meiner ostdeutschen Identität aber ebenso verbunden. Auch, aus einer Art Verantwortung, die Erfahrungen meines Vaters ernst zu nehmen. Dass Ostdeutsche ihre Identität stärker wahrnehmen, ist häufig der Fall. Eine OBS-Studie zur ersten Nachwendegeneration zeigt, dass für 65 % der Ostdeutschen ihre Identität noch heute relevant ist. Bei Westdeutschen ist es eher umgekehrt: 57 % finden, dass es keinen großen Unterschied macht, woher man kommt.
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Leona ist für ihr Studium an der FU vor vier Jahren von Bonn nach Berlin gezogen. Auch ihre Eltern sind im ehemaligen Westen groß geworden. In »Kreuzberg 61«, dem westlichen Teil der Stadt, nahm Leona als Zugezogene Unterschiede zwischen Ost- und Westberlin vor allem in der Architektur wahr. Ihrer westdeutschen Sozialisierung wird sie sich jedoch immer wieder bewusst: »Dass man das vielleicht überhaupt aus einer Perspektive sehen kann, wo der Westen nicht der Retter ist, das habe ich quasi erst hier von Ostdeutschen gelernt.« Besonders verbunden zum Westen fühle sich ihre Mutter, die in Hessen nahe der Grenze zu Thüringen aufgewachsen ist. Das hat Leona ebenfalls seit der Kindheit geprägt. Wenn sie im Ort unterwegs waren, war die Konfrontation von ehemaliger BRD und DDR spürbar.
»Wenn jemand komisch geguckt hat, weil mein Bruder irgendein obszönes T-Shirt anhatte, dann wussten wir, er war bestimmt aus dem Osten.«
Ihrer Westidentität fühlt Leona sich, wie ich mir meiner Ostidentität, immer noch zugehörig: »Es bleibt einfach ein Unterschied für mich. Das finde ich nicht schlimm, er kann ja auch existieren.«
»Eltern prägen ihre Kinder. Für mich ist es immer noch präsent, dass man sich einer dieser beiden Identitäten zugehörig fühlt, selbst wenn man in einem vereinigten Deutschland geboren ist.«
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In Berlin treffen beide Vergangenheiten aufeinander, selbst wenn sich jede*r irgendwie in die gewohnten Ecken zurückziehen kann. Als Berliner*in ist man von der Geschichte umgeben, ob im Stadtbild oder in Erzählungen. Für die Berliner Nachwende-Generation scheint Ost und West selten eine bewusste Entscheidung zu sein, trotzdem wirkt die Teilung weiter – ob in Erzählungen, in Besitzverhältnissen oder der eigenen Identität. Wer durch die Straßen läuft, sieht Plattenbauten neben Markengeschäften, hört die Tram neben der U-Bahn, und weiß nicht, ob Dreiviertel-Elf jetzt viertel vor oder viertel nach elf ist oder umgekehrt.
Vielleicht ist gerade das das Berlin der Nachwende-Generation: ein Ort, an dem man die Freiheit spürt, überall dabei sein zu dürfen und gleichzeitig daran erinnert wird, dass manche Spuren tiefer sitzen, als wir auf den ersten Blick wahrnehmen.
