Turmbau zu Babel – Gespräche in der Klausurenphase

Es ist Klausurenphase! Das bedeutet: Alle Studis sind gerade in ihrem eigenen Film. Trifft man sich mit Menschen aus verschiedenen Studiengängen, kann es schnell dazu kommen, dass eine moderne Version des Turmbau zu Babel stattfindet. Damit nicht alles in Chaos ausartet, hat die Psychologiestudentin Greta Kluge eine Analyse durchgeführt, damit ihr eure Gesprächspartner*innen beim nächsten Treffen auch richtig lesen könnt und ein kleines Lexikon zur Hand habt.

So fragil wie ein Kartenhaus sollten Gespräche unter Studis nicht sein. Foto: Greta Kluge

Forstwirtschaft

Die Forstwirtin gibt sich die Blöße und startet das Gespräch, indem sie erzählt, sie komme nicht aus der Bib, sondern gerade aus einem Bannwald, man möge die Verspätung entschuldigen. Damit meint sie nicht, dass sie von der Uni suspendiert worden ist, sondern: 

Eine Blöße ist eine vorübergehend unbestockte Fläche innerhalb eines Waldgebietes, die keine Bäume trägt, aber forstwirtschaftlich genutzt wird und in der Regel wieder aufgeforstet werden soll. Sie entsteht oft durch Holznutzung (Kahlschlag) oder Kalamitäten wie Sturm oder Borkenkäferbefall.
Ein Bannwald ist ein speziell geschützter Wald, der aufgrund seiner Funktion für Klima, Wasserhaushalt, Luftreinigung oder als Immissionsschutz (Lärm/Staub) in Ballungsräumen und waldarmen Gebieten unersetzlich ist. Er muss in seiner Flächensubstanz erhalten bleiben, weshalb Rodungen nur unter sehr strengen Voraussetzungen erlaubt sind.

Biologie

Der Biologe sieht ihr die Verspätung nach und fragt neugierig, ob sie dort ein BAMBI gesehen hätte?

Das BAMBI-Protein fungiert als Pseudorezeptor, der den TGF-Beta-Signalweg hemmt. Es ahmt Rezeptoren nach, kann aber keine Signale in die Zelle leiten. Es ist unter anderem bei der Unterdrückung von Tumoren und der Entwicklung von Gewebe von Relevanz und hat eine Schutzfunktion im Herz. 

BWL

Die BWL-erin dagegen ist kein Fan von Disney, schwärmt aber von Taylorismus. Woraufhin alle erwarten, sie packe jetzt ihre Spotify-Playlist aus. Allerdings meint sie nicht Taylor Swift, sondern…

…ein von Frederick Winslow Taylor (1856–1915) entwickeltes Prinzip der wissenschaftlichen Betriebsführung zur drastischen Steigerung der Arbeitsproduktivität. Durch die Zerlegung von Arbeitsabläufen in kleinste, repetitive Einheiten, die Trennung von Kopf- und Handarbeit sowie Zeitstudien werden Prozesse rationalisiert und standardisiert, oft verbunden mit Leistungslohn und hoher Spezialisierung. 

Mathematik

Dem Mathematiker ist die Musik der amerikanischen Sängerin allerdings viel zu monoton. Und so verdreht er, funktional wie er ist, nur die Augen und versucht herauszufinden, wer ihm gegenübersitzt. 


Die Monotonie in der Mathematikbeschreibt das Steigungsverhalten von Funktionen oder Zahlenfolgen in bestimmten Intervallen. Sie gibt an, ob Funktionsgraphen steigen (Funktionswerte werden größer), fallen (Werte werden kleiner) oder konstant bleiben.

Politikwissenschaft

Sein Gegenüber verrät sich allerdings schnell, da sie nur in Floskeln vor sich hin schwafelt: Sie ist Politikwissenschaftlerin. Richtig mit Fachwörtern hantieren kann sie nicht, deshalb verliert sie sich in ewig langen, verschachtelten, mit Worthülsen gefüllten Sätzen. Sie brauche dringend ein „Entlastungspaket“ in den nächsten Wochen.

Literaturwissenschaften

„Papperlapapp!“, ruft der Literaturwissenschaftler dazwischen, denn ihm wird das Gerede der Politikerin zu viel und er setzt mit einer Onomatopoesie einen Schlussstrich. 


Onomatopoesie, auch Lautmalerei genannt, ist ein rhetorisches Stilmittel, das Geräusche durch Sprache imitiert oder nachbildet.

Architektur

Die Architektin wiederum will unbedingt mit dem Mediziner über den Skelettbau fachsimpeln, sie kommen aber leider nicht sehr weit und wenden sich schnell wieder ihren eigenen Diensten zu.

Im Gegensatz zum Massivbau ist der Skelettbau eine Bauweise, bei der ein System tragfähiger Glieder die dazwischen gespannten Wände trägt. Dieses Gliederskelett kann außen sichtbar bleiben, verputzt oder verkleidet werden. Oft wird es für den Bau von Hochhäusern verwendet.

Ein Dienst ist in der gotischen Baukunst eine viertel- bis dreiviertelkreisförmige oder birnenförmige, schlanke Säule, das Gewölbegurte, Gewölberippen oder Archivolten trägt.1

Medizin

Daraufhin murmelt der Mediziner: „In Indien Gibt’s Kaum Frisches Obst“. Er will sich damit aber wahrscheinlich nicht über seinen letzten Urlaub beschweren, denn eigentlich will er „To Zanzibar By Motocar“. Höchstwahrscheinlich ist er in Gedanken nicht ganz weit weg, sondern geht nur die Äste der Nerven in der Lende und des Gesichtsnerven durch.

Äste des Plexus lumbalis

  • N. iliohypogastricus
  • N. ilioinguinalis
  • N. genitofemoralis
  • N. cutaneus femoris lateralis
  • N. femoralis
  • N. obturatorius

Äste des Nervus facialis

  • Rami temporales
  • Rami zygomatici
  • Rami buccales
  • Ramus marginalis mandibulae
  • Ramus colli

Informatik

Die Informatikerin bietet zu diesem Zeitpunkt netterweise allen Cookies an, die ihr aber lieber nicht nehmen solltet, auch wenn ihr bei dieser Unterhaltung langsam dringend Nervennahrung bräuchtet. 

Cookies sind kleine Datenmengen. Der Server speichert sie beim Lesen von Internetseiten dauerhaft oder für eine bestimmte Zeit. Wenn man nochmal auf dieselbe Internetseite geht, erkennt der Server, dass man schon einmal da war. Das ist interessant für die Seitenbetreiber. Cookies werden meistens genutzt, um Werbung gezielt einzusetzen. Außerdem sind sie wirklich nicht nachhaltig: Schätzungen zufolge verbraucht der Betrieb von Cookie-Bannern weltweit täglich etwa 10 Millionen kWh Strom. Das entspricht dem täglichen Energiebedarf von zehntausenden Haushalten in der EU. Auch der CO₂-Fußabdruck ist nicht von Pappe: Das gesamte Ökosystem aus Tracking-Cookies auf den Top-Millionen-Websites verursacht monatlich ca.11.442 Tonnen CO₂.2

Psychologie

Der Psychologe ist wieder ganz deep unterwegs und bringt das Gespräch auf eine existenzielle Ebene. Er argumentiert, dass wir doch alle durch das wiederholte Aussetzen der Klausuren unseren Todestrieben nachgehen. 

Damit spielt er auf Sigmund Freud an: Er beschreibt das unbewusste Streben aller lebenden Systeme, Spannungen vollständig abzubauen, letztendlich ihren niedrigsten Energiezustand zu erreichen und sich selbst zu zerstören. Er wirkt als Gegenpol zum Eros (Lebenstrieb) und äußert sich in Aggression, Selbsthass oder Wiederholungszwang.

Philosophie

Daraufhin sagt die Philosophin, weise wie sie ist, einfach Nichts. Das muss euch aber nicht zwingend Sorgen machen, denn das kann viele Bedeutungen haben:

Angefangen mit Parmenides, der das Nichts als unmöglich definiert, steigert sich die Bejahung der Existenz bei ihm folgenden Philosophen immer weiter. Platon ist einer der ersten, der „dem Nichtsseienden irgend Seiendes“ zukommen lässt. Für Aristoteles gilt das Nichts zwar, aber nur im Denken, nicht in der Natur. Kant ist dem Nichts gegenüber schon etwas freundlicher eingestellt, er widmet ihm vier verschiedene Formen. Von einem leeren Begriff über die Abwesenheit einer Qualität oder Eigenschaft, eine leere Anschaungsfrom bis hin zu einem reinen Widerspruch. Hegel schließlich hebt das Nichts dann auf die gleiche Stufe, wie das Sein, indem er es als das Äquivalent des Seins betitelt: beide sind vollkommen unbestimmt.Seine Krönung findet das Nichts dann im Existentialismus, bei Sartre und Heidegger. Bei Letzterem offenbart sich das Sein erst durch das Nichts. Sartre behauptet Ähnliches: „Das Nichts sucht das Sein heim“. Diese Eigenschaft des Seins befähigt den Menschen Nein zu sagen, die Welt zu negieren und es ermöglicht uns Entscheidungen zu treffen und frei zu sein. 

Jura

Um aus der Tiefe wieder ein bisschen aufzutauchen, spricht der Jurist plötzlich von Rechtspositivismus. Damit will er keine Werbung für sein Studium machen, dahinter steckt eine klare Überzeugung:

Rechtspositivismus ist die Lehre, die – im Unterschied zum Naturrecht– die These vertritt, dass Recht und Moral streng getrennt werden sollten. Recht sei das, was der Gesetzgeber im vorgeschriebenen Verfahren als solches verabschiedet hat. Eine Beurteilung des Rechts an moralischen Maßstäben verbiete sich in modernen Gesellschaften, weil es keine einheitlichen oder gar homogenen Moralvorstellungen gebe. Verbindlichkeit beziehe das Recht dann aus der Legitimität seines Ursprungs, also regelmäßig aus demokratischen Verfahren und aus der Garantie von Rechtssicherheit.

Schauspiel/Regie/Musik

All das bringt aber nichts, um das Gespräch ein bisschen aufzulockern. Und so entschließen sich die darstellenden Studiengänge, ein kleines interdisziplinäres Spektakel vorzuführen.

Macht nicht den Fehler, euren Schauspiel-, Regie- oder Musikfreunden „viel Glück” zu wünschen, denn dann bleiben sie dem nächsten Gespräch vielleicht ganz fern. „Viel Glück” übersetzt man in der Bühnensprache mit „TOI TOI TOI”, alles andere soll Pech bringen.

Und weil die Klausurenphase ja bekanntlich Drama und/oder Tragödie ist, wünscht FURIOS für die weiteren Prüfungen und Hausarbeiten TOI TOI TOI!

  1. https://www.kunstgeschichte.uni-kiel.de/de/infos-fuer-das-studium/architektur-begriffe ↩︎
  2. https://www.bsc.es/news/bsc-news/the-cookies-the-million-most-visited-websites-produce-more-11000-metric-tons-co2-emissions-month
    https://www.legiscope.com/blog/hidden-productivity-drain-cookie-banners.html
    ↩︎

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