„Sollte eine Filmadaption einem Klassiker gerecht werden?“ fragt sich unsere Autorin, Juliania Bumazhnova, nachdem sie zuerst das Buch Sturmhöhe las und dann den Film “Wuthering Heights” sah. Nein, schließt sie, auch wenn es weh tut.

Filmplakat zum Film “Wuthering Heights” © Warner Bros/Courtesy Everett Collection
Kritik am Film “Wuthering Heights” setzte bereits vor seinem offiziellen Erscheinen ein. Ausgelöst wurde sie durch den Trailer, der – wie ein Kommentator spöttisch bemerkte – eher „50 Shades of Grey im Mittelalter“, als eine ernsthafte Literaturverfilmung suggeriere. Doch nicht nur die vermeintliche Sexualisierung eines Klassikers, in dem körperliche Liebe nie explizit dargestellt wird, sorgte für Empörung, sondern vor allem das Casting der Hauptfigur.
Heathcliff wird in Emily Brontës Roman “Wuthering Heights” als „dunkelhäutig“ und „schwarzäugig“ beschrieben, wobei andere Figuren ihn des Öfteren als Sinti- und Roma wahrnehmen. Merkmale, die ihn in seiner Umgebung zum Außenseiter machen und zu Misshandlungen führen. Seine soziale Herabstufung zum Stalljungen verstärkt diese Marginalisierung zusätzlich. Es liegt nahe, dass sowohl seine Hautfarbe, als auch sein niedriger sozialer Status Gründe dafür sind, weshalb Catherine Earnshaw sich eine Ehe mit ihm nicht vorstellen kann.
Brontë zeigt jedoch im Laufe des Romans mit der Figur des Heathcliffs, dass dieser trotz gesellschaftlicher Ausgrenzung einer großen, wenn auch zerstörerischen Liebesgeschichte würdig ist. Diese Dimension ging komplett verloren, als ein weißer Schauspieler, Jacob Elordi, als Heathcliff gecastet wurde.
Hinzu kommt, dass die destruktive Konsequenz der Beziehung zwischen Catherine und Heathcliff im Film deutlich reduziert wird. Heathcliffs jahrzehntelanger Rachefeldzug, ein zentrales Motiv des Romans, bleibt weitgehend ausgespart. Dadurch entsteht eine Verharmlosung und teilweise Romantisierung ihrer Liebe. Im Roman wird unmissverständlich deutlich: Diese Liebe ist von ungeheurer Intensität, aber keineswegs erstrebenswert. Sie ist obsessiv, selbstzerstörerisch und für alle Beteiligten verheerend. Genau diese Ambivalenz macht Brontës Werk so modern – und so unbequem.
Betrachtet man den Film jedoch losgelöst von seiner literarischen Vorlage, entfaltet er durchaus eine eigene ästhetische Qualität. Die in den Moorlandschaften inszenierte, fiebrige Leidenschaft erzeugt eine traumartige Atmosphäre. Regisseurin Emerald Fennell verteidigte ihre Adaption mit dem Hinweis, sie habe den Roman so umgesetzt, wie sie ihn als Vierzehnjährige erlebt habe: als Geschichte voller unterdrückter Lust– als emotionales Erdbeben eines Teenagers, der seine Gefühle noch nicht einordnen kann. Dieses Argument fungiert als rhetorisches Schutzschild, welches den Vorwurf „Das steht aber nicht so im Roman“ in die Leere laufen lässt.
Durch Emerald Fenells Lesart wird der Film zu einem eigenständigen Kunstwerk, das sich zwar auf Brontës Klassiker bezieht, jedoch bewusst eigene Akzente setzt. Das ist einer Adaption grundsätzlich erlaubt – ja. Wer den Film genießen möchte, sollte bereit sein, die literarische Vorlage für einen Moment beiseitezulegen. Andernfalls wird man weniger eine Neuinterpretation sehen als einen Verrat.
Und Verrat – das wissen wir spätestens durch Heathcliff – nimmt man sehr persönlich.
