Zufriedenstellend

Über den Spagat zwischen eigenem Anspruch und Leistungsdruck im Studium. Oder: Eine kleine Verteidigung des Mittelmaßes. Von Ida Weise.

Klausurenphase auf Café-Tischen. Foto: Ida Weise

Das Klischee der faulen Studierenden clasht mit der Wintersemester-Realität meiner Kommiliton*innen: prall gefüllte Kalender, gehetzte Mensa-Pausen und mindestens 17 permanent offene Tabs. Der Uni-Alltag besteht für die meisten aus Selbstorganisation, Vor- und Nachbereitung und Lernen. Die Anforderungen an uns selbst wachsen mit den Freiheiten, die uns unsere Semester gestalten lassen. Trotz aller Selbstbestimmtheit gab die Hälfte aller Studis in einer Befragung der Krankenkassen 2020 an, dauerhaft stark gestresst zu sein. Besonders zur Klausurenphase und zu Abgabe-Deadlines – also dann, wenn die Frage »Wie läuft die Uni?« noch ein bisschen mehr nervt als sonst. Drucksituationen, die zu nächtelangen Last-Minute-Bib-Sessions führen, hängen häufig mit den eigenen Leistungsansprüchen zusammen. Doch wie kommen diese Ansprüche zustande? Warum sind uns (sehr) gute Leistungen so wichtig?

Um diese Fragen zu beantworten, lohnt sich ein Blick auf den Ursprung unseres Verständnisses von Leistung. Laut gängigen Definitionen aus der Psychologie ist diese erst einmal ein Maßstab für Handlung und Handlungsergebnis. Universitäten setzen ebendas um: Sie prüfen Handlungsergebnisse, Mühen und Wissen der Studis. Je anspruchsvoller die erfüllte Aufgabe, desto besser die Leistung. Seit Beginn industrialisierter Gesellschaften erhielt der Leistungsbegriff  noch mehr Dimensionen. Im 19. Jahrhundert hielt Soziologe Max Weber die Grundprinzipien kapitalistischer Leistung fest: Zu leisten sei »eine moralische Pflicht des modernen Menschen«, Erfolg ein Zeichen von Fleiß und Misserfolg ein Zeichen von Faulheit. Schon hier lässt sich also erahnen, woher das Streben nach dem Bestmöglichen und die Angst vor unerfüllten Anforderungen stammen. 

Auch Foucaults Forschung zu Leistung bleibt bis heute relevant: Er beschrieb Leistung als »Produkt sozialer Normen«, die den Menschen »formbar« machen. Dazu gehören etwa beruflicher und sozialer Aufstieg durch Arbeit (bis zur Erschöpfung) und das Erlangen höherer Bildungsgrade durch sehr gut bewertete akademische Leistungen. Viele weitere Theorien beschreiben, wie der daraus resultierende Leistungsgedanke nicht nur gesellschaftlich, sondern auch psychologisch verankert ist. Positives Feedback auf Leistung löst Glückshormone aus. Ebenso anerzogen ist die Enttäuschung über weniger gute Bewertungen. Es steht für uns außer Frage, ob Leistung messbar ist, und die allermeisten von uns bringen den internalisierten Leistungszwang bereits mit an die Uni. Eine Studie des Bildungsministeriums unter Studierenden in Deutschland aus dem Jahr 2020 zeigte beispielsweise, dass die Zufriedenheit mit dem eigenen Studium maßgeblich mit den erreichten Noten zusammenhängt. 91 % der Befragten zeigten sich zufrieden und glücklich, wenn sie einen Durchschnitt von 1,5 oder besser erzielten. Bei einer Durchschnittsnote ab 2,8 waren es nur noch 15 %. Der empfundene Studienfortschritt hängt auch entscheidend mit Prüfungsbewertungen zusammen. Dass wir unsere Lernerfolge mithilfe der vorgegebenen Notenskala einordnen, fühlt sich aufgrund des verinnerlichten Leistungsgedanken komplett normal an. 

Hohe Ansprüche und persönliche Ambitionen sind keinesfalls automatisch ungesund. Problematisch wird es, wenn die Auswüchse des Leistungsbegriffs und der Bewertungssysteme befriedigende, komplett akzeptable Leistungen entwerten und die Selbstzufriedenheit negativ beeinflussen. 

Höher, schneller, weiter

Leistungsdruck im Inneren wird weiter verstärkt durch das gesellschaftliche Gleichsetzen von sehr guten akademischen Leistungen mit Erfolg. Im Uni-Alltag begegnet uns das immer wieder, sei es für den Zugang zu Praktikumsplätzen oder beim Einstieg ins Berufsleben. Noch verheerender: Mittelmaß wird nicht nur im Uni-Kontext abgewertet, sondern gilt auch gesamtgesellschaftlich als Versagen. Von spätkapitalistischen Selbstverwirklichungserzählungen getränkte Produktivitäts- und Selbstoptimierungs-Hacks warten überall und scheinen jede*n zu jeder Zeit überdurchschnittlich werden zu lassen. 

Seit jeher zeugen Literatur, Musik und Kunst vom Druck, den sich junge Menschen machen.  Tagebücher berühmter Schriftsteller*innen quellen über vor Befürchtungen eines verkannten, unbedeutenden Werks. Pop und Rap idealisieren seltene Aufstiegsgeschichten. Viele messen ihren Selbstwert daran, wer die eigene Brillanz erkennt. Auch im Beruf  wird suggeriert, dass es nur zwei Extreme geben kann: Wertloses Nicht-Schaffen oder große Erfolge. Dabei liegt hier der Fehler: Warum sollte das Mittelmaß, als weder-noch, unbedeutend sein? 

Die Gedankenspiralen, die sich aus dem künstlichen Horror vorm Mittelmäßigen entwickeln, versuche ich schon im Kleinen zu stoppen: Sei es, wenn ich auf die Benotung der nächsten Hausarbeit warte. Wir wachsen und lernen mit jeder Mühe und Energie, die wir ins Studium stecken, besonders wenn wir darauf pointierte Kritik und Feedback erhalten. Leistungen, die weder als besonders gut, noch als nicht-ausreichend beurteilt werden, bringen uns weiter, geben Denkanstöße und sind auch im Zweitversuch völlig ok. Die alte Phrase des Nicht-Vergleichs hilft mir persönlich wenig, aber es tut gut, sich manchmal die Konstruiertheit des Leistungsbegriffs und der Bewertungsskalen der Uni vor Augen zu führen. Bewertungen sind genauso individuell und subjektiv auslegbar wie der Lernprozess, der in einer Studierendenkarriere durchlebt werden soll. Also: auch das Mittelmäßige feiern. Besonders zwischen Weltschmerz-, Inflations- und Berliner-Winter-Bewältigung.

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