Von den Vereinigten Staaten nach Deutschland und wieder zurück: Wie hat sich Feminismus an den Unis über die Zeit entwickelt? Lynn Dawid fragt sich: Zieht sich das Wasser gerade zurück, um dann als letzte große Welle alte Muster wegzuspülen?

Eine intensive Stille liegt über der juristischen Bibliothek. Studenten büffeln über ihren Fallanalysen, die Seiten der dicken Gesetzbücher knistern beim Umblättern. Nicht ein einziges geflüstertes Wort findet seinen Weg aus dem Mund der Lernenden, die die Augen konzentriert auf ihre Unterlagen geheftet haben. Die Tür schwingt auf. Eine Studentin betritt den Raum, klammert sich an Bücher, die sie schützend vor ihren Körper hält. Sie blickt in einen Raum voller Männer. Ihre Blicke kreuzen die eines Kommilitonen. Ein unangenehm schabendes Geräusch durchbricht die Stille, als er seinen Stuhl ruckartig nach hinten schiebt, und beginnt mit den Füßen zu scharren. Sein Blick streift erwartungsvoll durch die Reihen. Die Studentin verharrt für einen Moment in der Tür, während sich immer mehr Schuhe über den Boden schieben. Als der Lärmpegel seinen Höhepunkt erreicht, sacken ihre Schultern herunter, sie macht auf dem Absatz kehrt und die Tür schwingt geräuschlos hinter ihr zu. Jetzt bewegt sich kein einziger Fuß mehr von rechts nach links. Es scheint fast so, als wäre sie nie da gewesen.
Was heutzutage für Empörung sorgen würde, war noch in den 70ern für Studentinnen an der Universität in Florida kein Einzelfall. „Wenn eine Frau eintrat, haben sie alle mit den Füßen gescharrt. Die wollten da keine Frauen haben”, erinnert sich Helga Kraft an eine Erzählung ihrer Kollegin. Die ehemalige Professorin der University of Illinois at Chicago berichtet in einem Gespräch mit FURIOS von ihren Erfahrungen. Was hat sich in den letzten hundert Jahren bewegt? Steuern wir immer noch in Richtung vollständige Gleichstellung an den Universitäten?
Rückblick: Strukturelle Benachteiligung eines Geschlechts
Als Helga Kraft in den 60ern mit ihrem Studium der Germanistik beginnt, können Studentinnen aus einem breiten Fächerspektrum wählen. Doch die hart erkämpften Rechte bedeuten nicht automatisch gleiche Chancen auf eine berufliche Perspektive: Junge Frauen müssen sich nach ihrem Bachelor gezwungenermaßen neu orientieren. Denn ohne Unterstützung ihrer männlichen Professoren stehen ihre Chancen auf eine Karriere schlechter als die ihrer Kommilitonen. In ihrem Studium erlebt Kraft, dass Frauen als wortwörtliche Platzhalterinnen benutzt werden, um die Hörsäle für die Professoren zu füllen. Ihre Beiträge werden übergangen, stattdessen beobachtet sie eine intensive Förderung ihrer männlichen Mitstudierenden. Arbeitsstellen werden nur für Männer reserviert. „Helga Kraft is a lady”, schreibt ein Professor in einer ihrer Bewertungen – ein kurzer Satz, der später dafür sorgt, dass sämtliche ihrer Bewerbungen abgelehnt werden.Wie wichtig weibliche Vorbilder in Lehrpositionen sind, zeigt sich, als sie selbst die Möglichkeit hat, Lehrstellen anzutreten und mit der Gründung des Center for Women’s Studies and Gender Research in Florida gezielt Frauen zu fördern und intersektional zu unterstützen. Die Entwicklung der Unterstützung und Förderung von Studentinnen in den USA trug maßgeblich zur Bewegung in Deutschland bei, vermutet Kraft.
Und auch in den 70ern und 80ern bleibt ein Machtgefälle zwischen Professoren und Frauen, die eine akademische Laufbahn anstreben: Anzügliche Bemerkungen gehören zum Alltag. Leistungen von Frauen werden unter dem Namen ihrer vorgesetzten Professoren veröffentlicht. Und selbst physische Gewalt in Form von Vergewaltigungen an Studentinnen bleibt keine Ausnahme.
Aktueller denn je: Die gezielte Förderung von Studentinnen an der FU
Heute stecken die Unis (immer noch) in einer Zwischenphase. Die FU beschäftigt über 50 Gleichstellungsbeauftragte, die sich für die Gleichstellung der Geschlechter einsetzen und die Interessen von im Patriarchat unterdrückten Personen vertreten. Petra Salomon, dezentrale Gleichstellungsbeauftragte der Philosophie- und Geisteswissenschaften, berichtet: Während Studentinnen des Fachbereichs im Bachelor mit 70 % noch in der Überzahl seien, sinke der Anteil im Master auf 50 %. Diese Zahlen scheinen auf den ersten Blick vielversprechend. Ein Problem sei aber, dass die Notwendigkeit einer dauerhaften Förderung von Studentinnen zunehmend in Vergessenheit gerate – je höher der akademische Grad, desto kleiner der Frauenanteil. Nur noch um die 50 % der Frauen mit Masterabschluss promovieren. Um das zu kompensieren, werden Studentinnen, die eine gleiche Qualifikation aufweisen wie ihre Kommilitonen, bei der Bewerbung auf eine Stelle als studentische Hilfskraft bevorzugt. Für eine akademische Laufbahn sei das besonders wichtig, weil eine solche Stelle ein „Sprungbrett in die Wissenschaft” darstelle, so Salomon.
Die akademische Blase schirmt zudem keineswegs strukturelle gesellschaftliche Probleme ab. Auch an der FU ist die ungleiche Verteilung der Care-Arbeit sichtbar. Es seien immer noch ausschließlich Frauen, die sich an Salomon wenden, um sich über die Vereinbarkeit von Studium und Kindern zu informieren und finanzielle Hilfe in Anspruch nehmen. Und obwohl die Zahl der gemeldeten Fälle von sexueller Belästigung an Studentinnen aktuell rückläufig ist, könne, laut Salomon, keine vollkommene Sicherheit auf dem Campus gewährleistet werden. Immer wieder würden sich Frauen an sie wenden, weil sie auf dem Weg zur Mensa oder nach Hause von Männern bedrängt werden.
Status Quo: Rückschritt statt Fortschritt?
Eins ist klar: Am Ziel sind wir noch lange nicht. An der FU sollen Frauen zwar gezielt gefördert werden, aber jahrhundertelang geschaffene Strukturen lösen sich nicht einfach in Luft auf und werden Tag für Tag reproduziert. Außerdem stellt sich dieFrage, ob überhaupt alle am gleichen Strang ziehen. Liegt der Fokus an der FU nur auf der Gleichstellung oder auch auf weitreichenderer Gerechtigkeit? Wo wird an der Uni Raum für eine intersektionelle Förderung geschaffen? Und für wen bedeuten die bereits erkämpften Änderungen tatsächlich Freiheit? Helga Kraft warnt: „Die Emanzipation von Frauen kann wieder rückgängig gemacht werden”. Heute stelle die Bedrohung der akademischen Freiheit in den USA durch Trumps rückschrittliche Politik und die MAGA-Bewegung eine potenzielle Gefahr für die Gleichstellung dar. Und auch in Deutschland sollte der kritische Blick darauf nicht nachlassen, wenn das für die Politik bedeutet, dass Neoliberalismus von noch mehr Politiker*innen vorangetrieben wird.
Hoffnungsschimmer finden sich überall. So gibt es beispielsweise das Projekt der Gleichstellungsbeauftragten der Fächer Biologie, Chemie und Pharmazie: Period for free. Die Toiletten rund um den Campus der Fächer werden regelmäßig mit Hygieneartikeln gefüllt. Jetzt soll das Projekt auf die gesamte FU ausgeweitet werden. Das ist einer von vielen Schritten, die Mut machen und den Weg zu nachhaltiger Gerechtigkeit ebnen können. Damit uns davon weniger als ein Jahrhundert trennt, reicht ein Schrei nach Repräsentation aber nicht aus. Viel eher braucht es eine konsequente präventive Arbeit mit potentiellen Täter*innen – sowie ein klares Verständnis davon, was Gerechtigkeit in Bezug auf Geschlechterverhältnisse bedeutet.
