Zu Beginn des neuen Jahres enden viele Fristen zur Bewerbung um Erasmusplätze oder einen Direktaustausch. Dabei erfordert die Bewerbung für eine nicht unerhebliche Anzahl an Plätzen einen Sprachnachweis – unter anderem durch den sogenannten TOEFL-Test, welcher 265$ kostet. Unserer Autorin Hanna von Roschinsky ist dies aufgefallen und sie fragt sich daher: Ist das nicht ziemlich unfair?

Frankreich, Spanien und Italien – oder doch lieber außerhalb Europas? Für einige Studierende wie mich rückt die Zeit näher, um sich für einen Erasmus- oder Direktaustausch zu bewerben. Ein Studienaufenthalt im Ausland ist nicht nur eine einzigartige Gelegenheit um den eigenen Wissenshorizont zu erweitern, sondern darüber hinaus eine Möglichkeit interkulturelle Erfahrungen zu sammeln und neue Freundschaften zu knüpfen. Eigentlich ist das ein großartiges Konzept, oder? Wäre da nicht dieser verdammte TOEFL-Test, welcher mit 265$ nicht gerade kostengünstig daherkommt.
Was ist der TOEFL-Test?
Die Abkürzung TOEFL steht für „Test of English as a Foreign Language” und ist ein Sprachtest zur Feststellung des akademischen Englischniveaus. Der Test wird in über 160 Ländern und von über 13.000 Institutionen, darunter auch Elite-Universitäten wie Oxford, anerkannt. Auf der offiziellen Website heißt es beispielsweise: „TOEFL® isn’t just a test, it’s a gateway. For over 60 years, students around the world have trusted TOEFL to open doors to top universities, future careers, and life-changing opportunities.” So altruistisch, wie es scheint, ist dieses „Gateway” nicht. Beim GLS-Sprachenzentrum kostet der Test schlappe 265$, was umgerechnet ca. 226€ entspricht. Das ist eine Summe, die viele Studierende vor eine große Herausforderung stellen könnte.
Doch damit nicht genug. Wer sich nicht sicher genug fühlt, kann natürlich auf einige zusätzliche Angebote zur Verbesserung des eigenen Sprachniveaus zurückgreifen. So findet man neben digitalen Übungsbüchern für 25$ auch digitale Kurse für 149,99$, bis hin zu Übungspaketen für 312.86$. Auch das GLS bietet einen Kurs für 630€ an zzgl. einer Anmeldegebühr von 35€ und 20€ für ein Lehrbuch.
Armut im Studium: Das neue Normal?
Laut der Studienbefragung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (jetzt Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt) gingen im Jahr 2021 63% der Studierenden einer Nebentätigkeit neben ihrem Studium nach. Sowohl soziale Faktoren wie das Bildungsniveau der Eltern, als auch wirtschaftliche Einflüsse wie Inflation und Energiekrise spielen hierbei eine entscheidende Rolle. So stammen rund 67% der Studierenden aus einem nicht-akademischen Haushalt. Zudem zeigen aktuelle Berichte, dass mittlerweile rund ein Drittel aller Studierenden in Deutschland von Armut betroffen sind. Angesichts dieser sozialen und finanziellen Herausforderungen gestaltet sich die allgemeine Studienfinanzierung in Deutschland für viele Studierende bereits schwierig. Ein kostspieliger Auslandsaufenthalt stellt daher oft eine große Hemmschwelle dar. Zusätzliche Belastungen wie ein kostenpflichtiger Sprachnachweis (etwa der TOEFL) verstärken diese Exklusionsmechanismen noch weiter und verstärken den Eindruck einer selbsterfüllenden Prophezeiung.
TOEFL als Gatekeeper?
Die offizielle Website von TOEFL macht kein Geheimnis aus der potenziellen Gate-Keeper-Funktion ihres Testes. Vielmehr heben sie dies als Alleinstellungsmerkmal hervor. So heißt es dort etwa: „A test that opens doors and builds confidence – when students take TOEFL, they’re not just preparing for a test, they’re preparing for the future. It’s a stepping stone to global education and opportunity.“ In einem Blog-Beitrag verweist der Anbieter auf den möglichen positiven Einfluss eines hohen TOEFL-Scores bei der Vergabe von Stipendien. Die starke Abhängigkeit von einem guten Testergebnis stellt jedoch insbesondere für Studierende in finanziell prekären Situationen einen zusätzlichen Druck dar, sich womöglich mit kostenpflichtigen Zusatzmaterialien vorzubereiten.
Dass der TOEFL-Test nicht nur Türen öffnet, sondern auch schließen kann, verdeutlicht das Beispiel von Jenny Sommerfeld, einer Studentin an der Universität Rostock. Ursprünglich wollte sie einen Master in Computer Science in Potsdam beginnen. Voraussetzung dafür ist ein Englischnachweis auf Niveau C1. Da sie jedoch nicht unmittelbar vom Bachelor in den Masterstudiengang wechselte, wurden die Kosten für den Test nicht von der Uni übernommen. Neben ihrem teilweise auf Englisch stattfindenden Studium absolvierte Jenny auch einen Englisch-Sprachkurs an der Uni Potsdam, der über dem erforderlichen Niveau lag. Beides wurde jedoch von der Uni nicht anerkannt.
Jenny hat aufgrund ihres Zweitstudiums keinen Anspruch auf BAföG und kann von ihren Eltern nur begrenzt finanziell unterstützt werden. Die allgemeine Studienfinanzierung stellt somit auch für sie eine Belastung dar. Hinzu kommt, dass sie sich neben dem Studium ehrenamtlich engagiert, diese Tätigkeiten jedoch nur begrenzt monetär vergütet werden konnten. Die Prüfungsgebühr von über 200€ stellt für sie daher eine erhebliche Belastung dar. Dennoch möchte Jenny sich erneut für den Master bewerben und hat aus diesem Grund Geld für den Test zurückgelegt. Auf die Frage, wie sie die Finanzierung stemmt, sagt sie: „Ich habe hauptsächlich Honorarverträge oder einzelne Sachen, die man on top machen kann.“ Mit „on top” meint sie zusätzliche Tätigkeiten neben Studium und Ehrenamt. Auf Nachfrage, ob die Mehrfachbelastung nicht zu viel sei, antwortet Jenny: „Zu behaupten, dass ich Vollzeitstudentin wäre, ist vielleicht von den Leistungspunkten her korrekt, aber von der Tagesgestaltung absolut nicht und irgendwie auch ein bisschen utopisch. Wenn man schon einen Nebenjob hat, aber sich vielleicht auch in seinem Umfeld engagieren möchte, ist es nahezu unmöglich, auch noch sinnvoll zu studieren.“
Auch Kaja Schade, Studentin an der FU, machte negative Erfahrungen mit dem TOEFL-Test. Da Kaja sich spontan auf Restplätze beworben hatte, stand ihr für die Einreichung der Unterlagen nur ein kurzes Zeitfenster zur Verfügung. Für ihre Bewerbung um einen Erasmus-Aufenthalt in Frankreich reichte zwar ein kostenloser Sprachnachweis durch die Universität, aufgrund des fehlenden offiziellen Tests, wie dem TOEFL, ist es ihr dort jedoch nicht möglich, englischsprachige Kurse zu belegen. Auf die Frage, ob die Finanzierung des Testes für sie eine finanzielle Hürde dargestellt hätte, sagte sie: „Ja. Wenn es mir sehr wichtig gewesen wäre, hätte ich es auch irgendwie geschafft, aber ich habe nicht eingesehen, das Geld zu zahlen. Vor allem, weil es mal einen kostenlosen Test der FU gab, der aber abgeschafft wurde. Die kostenlose Alternative hat bei mir nicht funktioniert, die Website ist immer abgestürzt.“ Die eingeschränkte Kursauswahl wirkt sich auch auf Kajas Studienverlauf aus: „Es wäre für mich deutlich einfacher, Kurse auf Englisch zu belegen und darin auch Prüfungsleistungen abzulegen. Meine Abschlussnoten wären also voraussichtlich besser. Dadurch belege ich also weniger Kurse und werde mir auch weniger ECTS aus dem Erasmus anrechnen lassen, weil die französischen Kurse sehr viel schwerer für mich sind.“ Doch Kaja nimmt es gelassen: „Ich hatte im Erasmus eh nicht vor, die gleiche Workload wie in Berlin zu machen.“ Dies ist jedoch ein Privileg, dass nicht alle Studierenden haben. Gerade im Hinblick auf Studierende, die auf BAföG angewiesen sind, gestaltet sich eine Verlängerung der Regelstudienzeit als schwierig.
Kein TOEFL und was nun?
Bei aller Kritik ist der TOEFL-Test natürlich nicht verantwortlich für die finanzielle Notlage vieler Studierender und eine kostenfreie Alternative würde die bestehenden Probleme nicht vollständig lösen. Beispiele wie das von Jenny zeigen vielmehr, dass die Probleme tiefer liegen und strukturell bedingt sind. Studierende in ganz Deutschland kämpfen mit der Finanzierung ihres Studiums und den damit verbundenen laufenden zusätzlichen Kosten, etwa für Miete, Strom und Lebensmittel. Zudem ist der TOEFL-Test keineswegs der einzige kostenpflichtige Test. Weitere bekannte Prüfungen sind unter anderem IELTS, Cambridge English Exams oder der Pearson Test of English. Der TOEFL ist damit nur eines von vielen möglichen Beispielen. Dennoch finde ich das nach außen getragene Selbstbild der Marke problematisch. Mir fällt es schwer, mit der Spannung zwischen der Darstellung als altruistische, dem interkulturellen Austausch bemühte Organisation und der Realität eines gewinnorientierten Konzerns umzugehen.
Die gute Nachricht ist jedoch: Auch ohne teuren Sprachtest hat man eine Chance auf einen Auslandsaufenthalt: Einige Austauschplätze akzeptieren den kostenfreien Sprachnachweis der FU. Und im Rahmen von Erasmus-Aufenthalten werden Studiengebühren im Ausland erlassen, sowie finanzielle Förderung vergeben. Dennoch gilt auch hier Obacht, wie der Fall von FU-Studentin Kaja Schade zeigt.
Trotz aller Schwierigkeiten drücke ich allen Bewerber*innen die Daumen für eure Bewerbungen und wünsche euch viel Spaß im Ausland.
