Und dann sitzen wir einfach rum

Weder Zuhause, noch der Arbeitsplatz: Dritte Orte sollen gegen Einsamkeit helfen, Gemeinschaft ermöglichen und die Demokratie stärken. Reicht dafür ein Sofa auf dem Campus?

Der Innenhof zwischen Rost- und Silberlaube. Foto: Leonas de Roux

Der Innenhof zwischen Rost- und Silberlaube. Im Sommer ist er voller Menschen. Studierende sitzen auf der Wiese – lesen, dösen, trinken Kaffee und unterhalten sich mit ihren Kommiliton*innen. Der Innenhof bietet Sitzgelegenheiten im Sonnenschein und im Schatten. Er ist ein Ort, an dem viele Pause machen. Im Winter sieht es hier anders aus. Es ist grau, kalt, feucht. Der Hof wird zum Durchgang, alle wollen schnellstmöglich wieder weg. Die Pause verlagert sich nach drinnen: an die Tische in der Mensa, auf die harten, weißen Metallbänke auf den Fluren oder die weichen, abgenutzten Sofas in den Studicafés.

»Society is losing its places to chill« schrieb The Week-Autorin Devika Rao in einem Essay im März 2024. Mit »Places to chill«, meint sie das, was der US-amerikanische Soziologe Ray Oldenburg 1989 »Dritte Orte« nannte: Räume, die weder das Zuhause – der erste Ort – noch der Arbeitsplatz – der zweite Ort – sind. Dritte Orte sind gemeinschaftliche Treffpunkte: leicht zugänglich, neutral und offen für alle. Mit anderen Worten: Räume, in denen niemand sein muss, aber alle sein können. Es sind Orte, an denen zwanglose Begegnungen stattfinden: Bars, Parks, Bibliotheken, Buchläden, Friseursalons, Shopping Malls.

Die Debatte über Dritte Orte ist groß, besonders im US-amerikanischen Kontext. Unzählige Essays beklagen das Verschwinden oder den vollständigen Tod von Dritten Orten. Durch den allgemeinen Rückzug ins Private und der zunehmenden Kommerzialisierung des öffentlichen Raums gibt es immer weniger Orte, an denen Menschen ungezwungen »abhängen« können. Dazu kommen die Nachfolgen der Pandemie: Wer sich daran gewöhnt hat, alleine vor dem Bildschirm zu sitzen, findet den Weg zurück ins Ungeplante immer schwerer.

Cafés gelten oft als Idealform des Dritten Ortes, zumindest in der Theorie. Mit geringem finanziellen Aufwand bekommt man Zutritt zu einem Raum, in dem man stundenlang verweilen kann. Der Mythos der Wiener und Pariser Kaffeehäuser, in denen das Bürgertum über Gott und die Welt diskutiert, hält sich bis heute. Doch wer in Berlin-Mitte gehetzt überteuerten Flat White aus dem Pappbecher trinkt, spürt nur noch wenig davon. 

Alles nur PR?

Unternehmen haben das Potenzial des Konzepts als Marketingstrategie nämlich längst erkannt: Der CEO von Starbucks etwa erklärte, man wolle den Dritten Ort »reclaimen«. Auch die Coffee-Shop-Kette LAP spielt mit diesem Vokabular: »Das Gefühl von Gemeinschaft ist mir wichtig«, sagte Gründer Ralph Hage der Zeit. Doch eher hat man es hier mit »Ersatz Third Places« zu tun, wie Atlantic-Autorin Allie Conti schreibt. Es sind kommerzielle Räume, die Dritte Orte nur simulieren, aber nicht zum Verweilen gedacht sind. Die wenigen harten Hocker im Coffeeshop sind eigentlich nicht zum Sitzen gedacht. Das Mandel-Croissant soll man lieber im Gehen genießen. Ist das Gerede über Dritte Orte als zentrale Säule der Gesellschaft also nur gut verpackte PR?

Aber zurück an die FU, ab ins Pi Café. Ein perfekter Dritter Ort? Auf den ersten Blick scheint es so. Studierende hängen auf den Sofas ab und unterhalten sich darüber, welche Supermarkt-Kette sie bevorzugen und welche Spätis im Winter überdachte Sitzplätze haben. Auch wer nichts kauft, ist hier willkommen. Oldenburg wäre stolz. Doch nur ein paar Plätze weiter sind Studierende in ihre Laptops vertieft. Sie scrollen durch Foucault-PDFs, schreiben Mails an Dozierende oder diskutieren in Zoom-Meetings, wie die Gruppenpräsentation ablaufen soll. Das Pi Café ist also nicht nur ein Ort der Pause, hier liegt auch Arbeit in der Luft. Kann es an der Uni also überhaupt Dritte Orte geben?

Die Trennung von Freizeit und Uni, von Zweiten und Dritten Orten ist schwierig – die Studicafés auf dem Campus-Gelände liegen genau in diesem Dazwischen. Außerdem bleibt auch ein offener Ort wie das Pi Café sozial selektiv. Zwar treffen hier Studierende aus unterschiedlichen Fachrichtungen zusammen, die soziale Zusammensetzung der Menschen in der Silberlaube bleibt dennoch relativ homogen. Eigentlich sollen Dritte Orte gesellschaftlich durchmischt sein und Begegnungen über Grenzen hinweg ermöglichen.

Aber kommt es am Ende vielleicht gar nicht darauf an, den »perfekten« Dritten Ort zu finden? Vielleicht reicht es auch, wenn wir uns an einem Ort wohlfühlen – sei es das Fitnessstudio, der Tisch in der Lieblingsbar oder das Sofa im Studicafé. Dritte Orte sind wichtig. Studien zeigen, wie wichtig sie gegen Vereinsamung und soziale Isolation sind. Gerade in Städten wie Berlin, in denen Wohnraum knapp ist und das Zuhause für viele kein Rückzugsort, sondern Belastung darstellt, gewinnen gemeinschaftliche Zwischenräume an Bedeutung. Denn wer keinen Raum hat, anderen zu begegnen, begegnet niemandem. 

Das weiß auch die Stadt Berlin, daher hat sie das  Programm »Berlin Mittendrin« ins Leben gerufen, um neue Dritte Orte zu unterstützen. 

Der Abend bricht an und das Pi Café hat sich mittlerweile fast vollständig geleert. Die Studierenden stellen ihre Tassen zurück auf den Tresen, packen ihre Taschen zusammen und ziehen sich ihre Jacken an. Eine winterbedingte Müdigkeit liegt in der Luft. Für die, die jetzt ihre Laptops zuklappen, wird es sich wie Feierabend anfühlen. Einige werden sich auf den Weg nach Hause machen, vielleicht ihren Wocheneinkauf erledigen oder im WG-Zimmer gemütlich ihre Comfort-Serie schauen. Andere verbringen den Abend womöglich an einem Ort, den sie »ihren« nennen: Eine Bar in Neukölln oder ein Café, das länger offen hat, als man denkt. Ein Dritter Ort, an dem Freund*innen und Unbekannte schon warten.

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