Unique to the core

Den Komfort der Masse genießen? Den Rausch der Einzigartigkeit spüren? Der tägliche Griff in den Kleiderschrank stellt uns vor eine Entscheidung. Viele Studierende finden einen Weg dazwischen. Von Rika Baack.

Mit etwas Glück sind die hier illustrierten Kleidungsstücke einen Monat nach dem Upload dieses Beitrags noch nicht wieder „out“. Illustration: Rika Baack

Penny-Lane-Mantel, bunte Retro-Sneaker, Sleek Bun – bei einem Spaziergang durch die Rostlaube begegnen mir dieselben Styles wie beim Scrollen auf Instagram oder TikTok. Und viele Teile, die auch in meinem WG-Zimmer herumliegen. Basic – ja. Aber stylisch und vereinend – auch ja.

Heute lässt sich jeder Stil in eine Schublade packen, die exakt beschriftet ist: Schleifen und Rüschen? Coquettecore. Wolle und Pastelltöne? Cottagecore. Oder doch Countrycore, Cabincore oder Vermontcore. Selbst funktionale Outdoormode: Gorpcore! Was und was nicht zum Mainstream gehört, lässt sich kaum noch fassen, so diffus und schnell sind seine Strömungen.

Trends gab es schon immer – von Schlaghosen über Nylonshorts in psychedelischen Mustern aus den 70ern und 80ern bis hin zu den Glockenhüten der 1920er –, doch fühlen sie sich heute unnatürlicher an. Meist sehen wir sie in den sozialen Medien, dann erst auf dem Campus. Kuratiert von Marken oder Influencer*innen.

Ist Mainstream ein Schimpfwort?

Gleichzeitig sind Phrasen wie »jenseits des Mainstreams unterwegs« Abzeichen, die man stolz
auf der Brust trägt. Wir lesen sie in Hinge-Bios und hoffen auf sie in unserem Spotify-Wrapped. Es wird aber immer schwerer, zwischen dem Fall des einen und dem Aufstieg des anderen Trends ein Gespür für persönliche Vorlieben zu entwickeln.

Dabei ist alternative Kleidung nicht nur Ego-Sache. Mode hilft marginalisierten Menschen, sich
einer Gruppe zugehörig zu fühlen und einander zu erkennen. So etwa der Hanky Code für schwule Männer oder Streetwear für die Hip-Hop-Bewegung. Ich erinnere mich noch gut an Memes der frühen 2010er, die die Erkennungsmerkmale queerer Frauen zusammenfassten: von hochgekrempelten Jeans über Ringkombinationen bis hin zu Flanellhemden. Nicht nur das; Subkulturmode symbolisiert oft die Auflehnung gegen den unterdrückenden Mainstream.

Cores und Aesthetics hingegen brechen komplexe kulturelle Identitäten auf austauschbare
Buzzwords herunter, die jeweils nur ein flüchtiges Gemeinschaftsgefühl aufkommen lassen und selten an politische Ideale angelehnt sind. Trotzdem ist es verständlich, dass wir uns sicherer fühlen, wenn wir sie aufnehmen und wie alle anderen aussehen. Wer möchte bei den täglichen Sorgen um Studium, persönliche Finanzen und politische Krisen noch modische Komfortzonen verlassen?

Jenseits vom persönlichen und kollektiven Style

Doch für viele Studierende treffen Inspiration, Komfort und Voraussetzungen aufeinander. Viele
haben nicht das Geld, sich für jeden Trend eine komplett neue Garderobe zuzulegen. Auch mit dem
passenden Budget würden viele nicht H&M leer kaufen: Um hier mit gutem Gewissen zu shoppen,
kennen sie zu viele Skandale und Statistiken rund um Fast Fashion.

Also kaufen sie ein oder zwei Teile, die sie mit dem kombinieren, was sie ohnehin schon besitzen. Sie thriften Kleidung, die seit Jahren in Second-Hand-Läden verstaubt, nun aber in den Trend passt. Oder sie werden noch kreativer. So oft schon hatte ich eine Iteration der folgenden Konversation: »Ich liebe deinen Pullover.« – »Danke! Ist von meinem Vater.« – »Der Mantel hier ist von meiner Mitbewohnerin!« Manchmal sogar: »Den Schal hab’ ich selbst gestrickt!« In ihren Outfits steckt etwas Neues, etwas Altes, etwas von anderen, etwas Eigenes, etwas Gleiches und etwas Alternatives. Wieso sollte man das schon labeln?

Autor*in

Ähnliche Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert