Chronisch kranke Student*innen: Jenseits aller Schubladen

Für viele Menschen ist die Zeit an der Uni eine unbeschwerte, selbstbestimmte Lebensphase. Für andere, wie mich, ist sie eine Herausforderung, denn wir studieren zwischen Arztterminen, Symptomen und Schmerzen. Es gibt viele chronisch kranke Studierende, die im Alltag unsichtbar durch die Gänge gleiten. 

Ein gewöhnlicher Montagmorgen im Hörsaal, eine Vorlesung um 10 Uhr. Ich sitze auf meinem Platz, mir ist schlecht, der Rücken schmerzt, der Magen zieht, und die Müdigkeit stellt sich quer wie ein unsichtbarer Pfeiler zwischen mich und die Folien an der Wand. Niemand bemerkt es. Auch ich versuche, es zu ignorieren. Dass ich heute hier bin, ist weniger selbstverständlich, als es aussieht, denn ich bin chronisch krank und studiere.

Aber was ist Krankheit überhaupt? Krankheit wird als Störung der normalen körperlichen oder geistigen Funktionen definiert, die das Wohlbefinden oder die Leistungsfähigkeit beeinträchtigt. Krank zu sein wird automatisch mit einem höheren Lebensalter in Verbindung gebracht und doch gibt es viele »junge« Kranke, auch an Deutschlands Universitäten. Das wird oft übersehen.

»Gesund« und »Krank« sind keine Schubladen, in die man uns werfen kann. In der Salutogenese, einem Modell aus der Rehabilitationsmedizin, werden Gesundheit und Krankheit nicht als Zustände, sondern als ein Kontinuum verstanden, auf dem wir uns ein Leben lang zwischen den Polen »gesund« und »krank« hin und her bewegen. Wir sind normalerweise weder unser gesamtes Leben 100 % gesund noch 100 % krank. Und wir alle werden früher oder später Zeiten erleben, in denen wir krank sind.

In der Studienzeit chronisch krank zu sein, ist jedoch herausfordernd und geht mit vielen Nachteilen einher. Bin ich allein damit? Nein! Laut einer Längsschnittstudie leidet einer von drei Studenten in Deutschland heutzutage an mindestens einer Krankheit – psychische Erkrankungen mit eingeschlossen. Aufgrund ihrer Beeinträchtigungen beginnen chronisch kranke Studierende ihr Studium oft später im Leben und studieren länger als ihre gesunden Kommiliton*innen. Sie kommen im Durchschnitt langsamer im Studium voran als Studierende ohne Beeinträchtigung. Ihr Alter und die zunehmende Lücke zu ihren Kommiliton*innen machen Studierende mit Beeinträchtigungen zudem häufig zur Zielscheibe von Ageism an der Uni. 

Neben ihren gesundheitlichen Einschränkungen sind chronisch kranke Studierende häufiger durch Stressfaktoren (z.B. stressbedingte gesundheitliche Beschwerden, Lern-/Konzentrationsschwierigkeiten) sowie durch psychische Belastungen (z.B. depressive Verstimmungen) in ihrem Studium beeinträchtigt. Laut einer Befragung des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung hat bei 59 % der chronisch kranken Studierenden die Krankheit sehr starke Auswirkungen auf ihr Studium: unvorhergesehene Studienunterbrechungen, viele Abwesenheiten, Schwierigkeiten bei Prüfungen und Abgabefristen und der Studienorganisation. Insgesamt werde die Unterstützung durch Universitäten und Hochschulen bei diesen Problemen als gering wahrgenommen.

Studierende mit Beeinträchtigungen fühlen sich oft weniger gut sozial und akademisch integriert als ihre gesunden Kommiliton*innen. Zudem zeigen Studien, dass eine schlechtere gesundheitsbezogene Lebensqualität, insbesondere im mentalen Bereich, mit höheren Abbruchabsichten einhergeht. Außerdem berichten Studierende mit Beeinträchtigungen in Deutschland häufiger von Geldengpässen und Problemen, ihr Studium zu finanzieren, als ihre nicht beeinträchtigten Kommiliton*innen. Ihre Beeinträchtigungen erschweren eine regelmäßige Erwerbstätigkeit, was sich unmittelbar in geringeren Einkommen und einem knappen Budget niederschlägt. Auch wenn Arbeit möglich ist und durch staatliche Leistungen wie BAföG ergänzt wird, bleibt die finanzielle Situation vieler Betroffener angespannt. Verschärft wird dies durch zusätzliche Ausgaben für Medikamente, Arztbesuche, Therapien oder besondere Ernährungsbedürfnisse, die den finanziellen Spielraum weiter einengen.

Trotz all dieser Probleme wenden sich wenige Studierende mit chronischer Krankheit an Ansprechpartner*innen oder Beratungsstellen, um Hilfe zu erhalten. Gründe dafür sind unter anderem Angst vor Stigmatisierung, Unkenntnis über vorhandene Angebote oder Skepsis gegenüber institutionellen Gesundheitsdiensten. Viele wollen nicht, dass ihre Beeinträchtigung an der Hochschule bekannt wird, und denken, ihnen könne in ihrer Situation ohnehin nicht geholfen werden. Diese Befunde verdeutlichen, wie wichtig es ist, Kommiliton*innen aktiv über Beratungs- und Unterstützungsangebote zu informieren und Barrieren abzubauen. An der FU Berlin stehen zum Beispiel die Beratungsstelle für Studierende mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen sowie die Enthinderungsberatung des AStA bereit. Sie bieten konkrete Unterstützung, etwa durch individuelle Beratung zu Nachteilsausgleichen, Hilfe bei Anträgen, Begleitung in Konfliktfällen sowie durch Informations- und Vernetzungsangebote.

Gesundheit ist unser wichtigstes Gut. Leider merken wir das oft erst, wenn Krankheit zum Thema wird. Wir sollten Krankheit nicht als einen Makel begreifen, sondern als eine Tatsache, der wir uns stellen müssen. Niemand lebt ewig, jeder Mensch wird in seinem Leben wahrscheinlich einmal krank. Wir sind also nicht allein damit und wir müssen auch nicht allein damit zurechtkommen. Schlussendlich wissen wir auch an der Uni nie, was unser Gegenüber gerade durchmacht. Ob im Hörsaal, in der Mensa oder der Bib: Begegnet einander freundlich. Wenn ihr fallt, fallt euch in die Arme, und nicht wegen euren Problemen, Leistungsdruck oder Lernstress einsam auf die Nase. Ihr seid nicht alleine, nehmt Hilfe an.

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