Interdisziplinarität: Alles oder noch mehr

Giuseppe Contrafatto hat sich schon immer als interdisziplinären Menschen verstanden. Gemeinsam mit den Studierenden Antonia und Paddy ergründet er, warum interdisziplinäres Forschen kein Zufluchtsort für Ungenauigkeit ist und wie Kreativität, Offenheit und kritisches Denken den Unterschied machen.

Illu: Giuseppe Contrafatto.

Seit ich begonnen habe, zu studieren, habe ich stets versucht, meinen Studienplan so fachübergreifend wie möglich zu gestalten. Fasziniert von der interdisziplinären Herangehensweise der Komparatistik, begann ich in Berlin den Master in Vergleichender Literaturwissenschaft. Begriffe wie Multipotentiality – kurz gesagt: die Begeisterung für verschiedene Themen und Projekte – sind für mich seit jeher eine Art Mantra. 

Auch wenn ich fest davon überzeugt bin, dass die Verbindung mehrerer Disziplinen eine Stärke für den Menschen darstellt, habe ich bei meiner Jobsuche und teilweise auch an der Uni allerdings schlechte Erfahrungen gesammelt. In Seminaren stieß ich auf Unverständnis gegenüber Forschungsansätzen, die verschiedene Lehrgebiete vereinten: Einmal in einer mündlichen Prüfung, in der ich meine Kenntnisse in Physik mit Brecht zu verbinden versuchte, ein anderes Mal bei der Präsentation meiner Masterarbeitsidee, in der ich Belletristik mit Bewusstseinsforschung verknüpfte. Bei letzterer kommentierte ein Dozierender, ich würde über etwas »Inexistentes« schreiben. Oft habe ich mir in solchen Situationen gewünscht, dass Dozierende versucht hätten, mir zu zeigen, wie ich Türen offen halten kann, anstatt sie zu schließen.

Diese Erfahrung haben Antonia und Paddy1 gemacht. Beide erzählen mir, was gute interdisziplinäre Forschung ausmacht – und wie diese in ihrem eigenen Studium gelebt wird.

Illu: Regina Roßbach.

Paddy beschreibt Interdisziplinarität zunächst als eine Praxis des ständigen Grenzüberschreitens. Das heißt, Methoden, Ansätze und Normen im Wissenschaftsbetrieb zu hinterfragen. Gleichzeitig seien interdisziplinäre Ansätze fashionable geworden: »In vielen Kontexten – an der Uni und außerhalb – wird das Wort auch viel als buzzword genutzt, ohne dass sich gefragt wird: was bedeutet es überhaupt? Sich in der Tiefe damit auseinanderzusetzen, kann meiner Meinung nach ein Katalysator für Nachwuchsforscher*innen sein, um alte Hierarchien zu brechen. Man darf nicht vergessen: Wie die meisten Institutionen, die unser Leben und die Politik stark beeinflussen, ist auch der Wissenschaftsbetrieb von Ausbeutung, Ausgrenzung und patriarchalen wie rassistischen Strukturen geprägt.«

So habe they auch gehört, dass Grenzen und spezifische traditionelle Epistemologien von Profs häufig noch auf eine Art durchgesetzt werden, die sehr einschränkend ist. Auch Antonia kritisiert diese strukturellen Barrieren und schlägt vor, »dass sich verschiedene Institute und Disziplinen mit der eigenen Exklusivität auseinandersetzen, sodass es leichter wird, als Person in einem interdisziplinären Studiengang Anschluss zu finden. Natürlich ist ein gewisser wissenschaftlicher Standard notwendig, und ich finde es auch wichtig, in höheren Semestern ein höheres Niveau zu erwarten, aber oft fühle ich mich so, als wäre ich in einem Seminar, in dem ich als Einzige eine andere Sprache spreche.«

Statistiken sehen in Deutschland zwar einen Mangel an Fachkräften, aber nicht an interdisziplinärer Belegschaft. Unternehmen suchen gezielt immer mehr Spezialist*innen, Deutschland steht dabei mit einer Mangelquote von 86 % an der Spitze im internationalen Vergleich – deutlich über dem globalen Schnitt von 74 %.

Paddy scheint optimistisch im Hinblick auf die Jobsuche als interdisziplinär ausgebildete Person und erklärt, dass Wissenschaft und Medien immer offener dafür werden. »Für angehende PhD-Studierende ist ein interdisziplinärer Ansatz oft ein Pluspunkt in der Bewerbung.« Ich hingegen habe oft die Erfahrung gemacht, dass mein Profil nicht genug war und die Kommentare etwa so verliefen: »Ein Literaturwissenschaftler, der eine Bachelorarbeit in Filmwissenschaft geschrieben hat? Wenn wir einen Filmwissenschaftler wollen, stellen wir jemanden ein, der Filmwissenschaft als Hauptfach studiert hat – der kennt sich einfach besser aus.« 

Illu: Regina Roßbach.

Um besser zu verstehen, wie ich selbst interdisziplinär forschen kann, wende ich mich immer wieder der Frage zu, welche Fähigkeiten das voraussetzt. Paddy fokussiert sich auf Sprachkritik, Kreativität und strukturelles Denken: »Konstantes Hinterfragen. Taking silliness seriously. Kreative und künstlerische Ansätze nicht als außerhalb des Wissenschaftsbetriebs sehen.« Antonia hingegen hebt epistemische Flexibilität und die Fähigkeit, unterschiedliche Wissensformen zu verbinden, hervor. Für beide bedeutet Interdisziplinarität Spezialisierung. Paddy erklärt: »Es öffnen sich viele neue Türen, wenn man aus den Grenzen von Disziplinen ausbricht und sich fragt: Was passiert, wenn meine persönliche Erfahrung und Position in der Welt meinen Forschungsansatz prägen?« Die Berlin University Alliance bietet tatsächlich vielfältige interdisziplinäre Angebote. Eines davon ist das Margherita-von-Brentano-Zentrum (FU), das Gender- und Geschlechterforschung in Zusammenhang mit Sozial-, Rechts- und Politikwissenschaften fördert. Das Forschungszentrum für Nachhaltigkeit (FU) analysiert politische, ökonomische und soziale Aspekte von Nachhaltigkeit. Schließlich verbindet das Hermann-von-Helmholtz-Zentrum (HU) historische Forschung mit Wissenschaftskommunikation. Diese Vielfalt zeigt, dass interdisziplinäre Bildung in unserer Stadt grundsätzlich möglich ist.

Was wünschen Antonia und Paddy sich von der akademischen Welt, damit interdisziplinäre Forschung gelingen kann? Eine weniger hierarchische Universität. »Ich wünsche mir aber vor allem, dass die Universität mehr Vertrauen in ihre Studierenden hat«, so Antonia. Paddy betont dazu die strukturelle Umgestaltung: »Ich wünsche mir mehr Möglichkeiten für Austausch. Make academia fun again. Wissenschaft darf kreativ sein.«

Rückblickend auf meine eigenen Versuche, interdisziplinär zu lernen, habe ich aus dem Gespräch mit Paddy und Antonia vor allem eines gelernt: Interdisziplinarität ist keine Ausrede für Unschärfe, sondern eine anspruchsvolle Form der Spezialisierung. Beide zeigten mir deutlich, dass sie eine Haltung der Kreativität, Offenheit und des kritischen Hinterfragens erfordert. Gleichzeitig kann es nur dann wirklich gelingen, wenn auch die Institutionen und ihre Mitarbeitenden die strukturellen Bedingungen so prägen, dass diese Arbeitsweise überhaupt lebendig werden kann.

  1. Antonia studiert an der FU Geisteswissenschaften im interdisziplinären Kontext im Nebenfach und hat außerdem in London das innovative Programm Arts and Sciences absolviert. Paddy studiert im Masterstudiengang Interdisciplinary Studies am Institut XE (Experimental Humanities & Social Engagement) an der New York University Graduate School of Arts and Science. ↩︎

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