Irgendwo zwischen Podbielskialle und Dahlem Dorf versteckt ist die Bibliothek des Fachbereiches Geschichts- und Kunstwissenschaften. Inmitten der Literatur über vergangene Tage kann man sich gut verlieren, findet unser Autor Leonas de Roux.

Ein riesiger Block aus Beton und Glas. Hier vereinen sich die Fachbereiche Kunst, Geschichte und Tiermedizin. Eine Kombination, die mir, seit ich davon weiß, starkes Kopfkratzen bereitet.
Die Uni ist voll- dieser Tage kann sich der Campus zwischen Henry Ford Bau und die japanische Mensa kaum vor den Studimassen retten. Insbesondere die 600 Jura-Erstis treiben wie eine Horde Büffel(nder) ihr Unwesen.
Es lernt sich einfach nicht gut in einer überfüllten Bibliothek. Außerdem habe ich auch ohne Noise Cancelling Kopfhörer gerne meine Ruhe. Also lasse ich die Campus Bib, die der Rechtswissenschaften und auch die Philologische hinter mir.
Nicht weit von Dahlem Dorf entfernt verschlägt es mich in die Bibliothek in der Koserstraße.
Ich trete durch die unscheinbare Tür – vor mir ein Raum mit Freibadschließfächern, so richtig mit Münze und Schlüssel. Auf den ersten Blick wirkt sie recht unspektakulär, doch wie bei vielen Dingen lohnt sich der Blick auf eine tiefere Ebene.
In diesem Fall ist das keine Metapher, sondern einfach der Keller. Wessen Gedanken jedoch nun das Bild einer feuchten Kammer in schummrigen Neonlicht zeichnen, der wird bitterlich enttäuscht. Helle, Menschenhohe, Fenster, an der rechten Wand fluten die Bibliothek mit frischem Tageslicht.
Im Sommer blickt man hier auf eine kleine grüne Wiese, im Winter (falls man das Glück auf seiner Seite hat) auf eine verwunschene Schneelandschaft. Hier findet sich Reihe um Reihe um Reihe schwere, alte, historische Literatur. Doch was diesen Keller besonders macht, sind nicht die Bücher.
Nein, es ist die Stille!
Zwar gehört Stille in einer Bibliothek eher zur Regel als zur Ausnahme, aber die Stille der Koserstraße ist anders. Sie ist so still, dass sie laut ist, wie ein Presslufthammer in der Fußgängerzone dringt sie in jede Ecke und erfüllt diese. Sobald ich die Stufen in den Keller hinab begebe, habe ich das Gefühl, meinen Kopf in warmes Wasser zu tauchen, die Stille fließt langsam in meine Ohren, füllt sie aus.Durch den langen Mittelgang schlage ich mich durch bis zum Ende des Kellers, hier bei den Kunsthistorischen Büchern ist es ein guter Ort, um sich in Texten zu verlieren.
Einsam büffelnd sitze ich nun hier. Mit meinem Textmarker bewaffnet versuche ich Texte von Lebenden wie Toten in mein Gedächtnis zu gravieren. A4 Blatt um A4 Blatt fällt so dem filzigen Kratzen meines Markers zum Opfer. Wer einen Besuch in diese Oase der Ruhe wagt, sei jedoch gewarnt.
Hier lauert etwas Unscheinbares – als “Leselandschaft” getarnt. In Marineblau versteckt sie sich in einer hinteren Ecke des Obergeschosses.Wie eine Sirene auf See lockt sie mit dem Versprechen der bequemen Produktivität. So kam ich, frisch an der FU eines verhängnisvollen Tages auf die törichte Idee, mich in ihre Fänge zu begeben. Der Tag war eigentlich dominiert von Produktivität und für mein Gewissen wollte ich mir kurz ein Schriftstück zur Rolle Kleinwüchsiger im Habsburger Reich in mein Langzeitgedächtnis integrieren.Ich vertraute mich also diesem Monstrum in Blau an. Eine Welle der Wärme durchzog mich – meinen Kopf, meine Arme, meine Beine. Plötzlich triefte ich vor Müdigkeit. Wie die Umarmung eines Braunbärs hielt mich das blaue Monstrum, fest aber doch weich und warm.
Nachdem ich erfolgreich in einer Stunde 2 Seiten gelesen und mein Schlafdefizit aufgearbeitet hatte, löste ich mich aus den Klauen dieses Biests. Um 20 Uhr schließen sich die Pforten diese kolossalen Wissensspeichers und er überlässt den Rest des Abends mir.
