Wir greifen oft automatisch zum Handy. Was wir vom Blick auf den Bildschirm erwarten, wissen wir dabei meistens nicht. Damit wird unbewusst ein fast vergessener Zustand unterdrückt: echte Langeweile. Richard Eger plädiert für das Nichtstun.

Die Gen-Z ist mittlerweile bekannt dafür, dass sie keine Aufmerksamkeitsspanne mehr hat. Darüber machen sich auch selber dutzende junge Menschen auf TikTok und Instagram lustig: Früher hätte man noch acht Stunden in der Schule sitzen können, heute sei es nicht mal mehr möglich, eineinhalb Stunden in der Vorlesung zu sitzen, ohne dabei fünf verschiedene Minigames am Laptop zu spielen oder ein bisschen online zu shoppen.
Viel von unserem digitalen Konsum hat mit unserem Bedürfnis nach Entertainment und Ablenkung zu tun. Wir schauen aufs Handy, weil es mehr oder weniger Spaß macht, aber auf jeden Fall spannender ist, als aus der S-Bahn wieder auf den gleichen grauen Streckenabschnitt zu schauen. Das verwundert auch nicht: Uns war noch nie gerne langweilig, doch in den letzten Jahrzehnten wurde es immer einfacher, sich gegen Langeweile zu wehren. So einfach, dass die Ablenkung für viele zur Sucht geworden ist. Das Ergebnis: Wir können gar nicht mehr gelangweilt sein. Wir dümpeln in einem Zustand, in dem wir weder wirklich gelangweilt noch produktiv beschäftigt sind. Dazu passt auch, dass man regelmäßig hört, es sei der größte Horror, die Kopfhörer zu vergessen und dann ohne Musik oder Podcast in der U-Bahn nach Hause fahren zu müssen.
»You need to be bored. Be bored more«
Der Harvard-Professor Arthur C. Brooks glaubt, das sei eine schlechte Entwicklung. »You need to be bored. Be bored more«, sagt er in herausforderndem Ton in einem viralen Video. Gelangweilt zu sein, führe zu mehr Glück und Sinn im Leben. Brooks ist allerdings kein Psychologe, sondern Professor in den Bereichen Politik und Wirtschaft. Außerdem hat er jahrelang einen einflussreichen, konservativen Think-Tank geleitet. Das erklärt auch seine oft zu einfach gedachte neoliberale Selbsthilfelogik, die er im Video selbst und in seinen Büchern propagiert. Aber auch mit diesen Gedanken im Hinterkopf bleibt seine Idee interessant.
Brooks argumentiert, dass wir den Zustand von Langeweile nicht mögen würden, da dann die Gedanken anfingen zu wandern, auch in die Regionen der großen, unangenehmen Fragen, die nach Sinn und Existenz. Heutzutage kämen wir aber kaum noch in den Zustand der Selbstreflexion. In jeder möglichen Sekunde, in der er aufkommen könnte, erstickten wir ihn sofort. Müssen wir warten, sei die instinktive Reaktion, die Zeit zu »nutzen« und aufs Handy zu schauen. Das führe auch zu einem höheren Risiko für mentale Probleme wie z. B. Depressionen. Wer seinen Gedanken nicht mehr Zeit gebe, einen Sinn zu finden, laufe Gefahr, ohne richtigen Zweck an sich selbst zu scheitern.
Langeweile, die nicht in Situationen, sondern im Beruf, Studium oder Leben generell auftritt, sollte hingegen als Signal gesehen werden, etwas zu verändern. Ansonsten birgt auch diese Art der Langeweile ähnliche Risiken von Existenzkrisen und mentalen Problemen; es kommt also auf die Situation an.
Andere finden in der Dauerablenkung ihre eigene Nische: In einem Reel tänzelt eine junge Frau unbeachtet Slalom um die aufs Handy fixierten Menschen am Bahnsteig der New York Subway. Sie ruft dabei in die Kamera, dass man einfach machen solle, was man will, da eh niemand mehr hinschaue. Eine Bewegung, die sich öfter auf Social Media beobachten lässt. Manche junge Leute stellen sich gegen »Nonchalance« und plädieren wieder für mehr Aufmerksamkeit, Emotionen und Begeisterung für die Dinge, die einem wirklich am Herzen liegen.
Wie kann Langeweile helfen?
Brooks’ Gedanken zu Langeweile können hier als eine mögliche Lösung verstanden werden. Versteht man den Moment der Reizlosigkeit als eine Starthilfe für produktive Gedanken, transzendiert Langeweile zu etwas Therapeutischem und Schöpferischem. Man sortiert nicht nur das Erlebte und denkt über die nächsten Tage nach, sondern sie öffnet auch die Tür zu komplexeren, kreativen Gedanken. Fragt man nach dem eigenen Sinn, muss man sich auf dem Weg zu einer Antwort etwas ausdenken: neue Dinge oder Gedanken, denen man sich widmen könnte. Dazu kommen dann auch noch Reflexionen über das eigene Verhalten, die persönlichen Beziehungen und vielleicht sogar die ganze Gesellschaft. Setzt man diese Ideen dann in die Tat um oder teilt seine Reflexionen, ersetzen wir stumpfes Konsumieren mit aktivem Handeln.
Am Ende bleibt es wohl für viele beim Schauen des Videos. Wirklich seine Gewohnheiten zu ändern, bleibt schwer, besonders, wenn die vermeintlich rettende Ablenkung in der eigenen Hosentasche wartet. Aber egal, ob man am Ende 15 Minuten stoisch an die Wand starrt oder einfach nur einen Spaziergang ohne Musik macht, egal, ob nun die große Idee dabei rumkommt oder man einfach nur seine Gedanken sortiert: Ein paar wandernde Gedanken sind kein Allheilmittel, können aber einen Unterschied machen.
Außerdem geht es nicht nur um das eigene Leben. Ist die Aufmerksamkeit nicht mit AI-Slop verklebt, sucht sie sich neue Ziele. Man wird dadurch sensibler für seine Umwelt und die Mitmenschen darin. Ein kleiner Plausch über den wohlverdienten Feierabend der Sitznachbarin, das Erspähen eines spannenden Outfits auf der anderen Straßenseite oder die zündende Idee für ein neues Projekt – sowas scheint selten, ist aber ohne Ablenkung durch den Bildschirm überhaupt erst wieder möglich. Abgesehen davon bemerkt man vielleicht auch eher, wenn in der vollen U-Bahn der eigene Rucksack der Person neben einem gerade im Gesicht hängt.
Solche Momente lassen ein Stück weit die Zeit stehen. Sie bilden das Gegenstück zum endlosen Scrollen, bei dem oft erst die Bildschirmzeit verrät, wie viel Zeit eigentlich vergangen ist. Der Langeweile also ihren nötigen Platz in unserem Leben zuzugestehen, anstatt sie den Plattformen und Techkonzernen zu überlassen, kann in einer so schnelllebigen Welt wohl kaum falsch sein.
