Correctiv-Recherche mit offenen Fragen – “Das Schweigen des Heiligen Vaters” am Schauspiel Köln

DAS SCHWEIGEN DES HEILIGEN VATERS – Anja Laïs, Paul Grill, Andreas Beck, Bettina Lieder © Birgit Hupfeld

Gründonnerstag 2026. Das Medienhaus Correctiv hat recherchiert. Das Schauspiel Köln bringt die Recherche auf die Bühne und streamt – auf Youtube noch zu sehen1. Greta Kluge hofft, dass der liebe Gott nicht den gesamten Vatikan in die Hölle schickt.

Es ist ein unüblicher Geruch, der das Publikum einen Tag vor Karfreitag im Schauspiel Köln begrüßt. Weihrauch wabert selten zwischen Theatersitzen umher, am Tag der Uraufführung von „Das Schweigen des heiligen Vaters“ hat er seinen großen Auftritt. Großen Auftritt hat wiederholt auch das Medienhaus Correctiv, das der breiten Öffentlichkeit spätestens seit der Recherche zum Potsdamer Treffen (Stichwort: Remigration) bekannt sein dürfte. Der Abend dreht sich um die investigativen Aufdeckungen von Anna Kassin und Marcus Bensmann. Letzterer hat vor geraumer Zeit die im Schauspielhaus Köln an einen Papstsessel gestellten Fragen, auch in Briefform an Papst Leo XIV gerichtet. Antworten gab es keine. Dementsprechend haben die beiden Journalist*innen versucht Licht in die dunkle Realität des Missbrauchs in der katholischen Kirche zu bringen: Sie haben Briefe untersucht, Protokollnummern analysiert, mit Opfern von Missbrauch in der Kirche gesprochen und Rechnungen aufgestellt. Besonderer Fokus lag dabei auf Joseph Ratzinger, „unser Papst“, Benedikt XVI, der aktiv an den Vertuschungen beteiligt war und folgenschwer den Eindruck einer ignoranten Institution mitzuverantworten hat. Die meisten Dokumente, die im Laufe des Abends dem Publikum und den im Stream Zuschauenden gezeigt werden, sind aus der Zeit als Ratzinger Papst bzw. Vorstehender der Glaubenskongregation war, die sich mit Missbrauchsfällen beschäftigt.

Hard facts

Allein, dass die Missbrauchsfälle so zahlreich sind, dass man ein eigenes Archiv und ein Protokollsystem dafür angelegt hat, ist erschreckend. Entsetzlich ist nicht nur der Fakt, dass in dem zölibatären Amt schlimmste Verbrechen begangen wurden, sondern auch wie von höchster Instanz damit umgegangen wird. Einem Täter, dessen pädophile Neigungen bekannt und dem auch eine Alkoholabhängigkeit attestiert wurde, erlaubte Ratzinger das Amt weiter auszuführen – mit der winzigen Einschränkung, dass er von nun an die Messe doch bitte mit Traubensaft statt mit Wein abhalten solle. Nicht weniger dramatisch ist, wie lange manche Fälle im Archiv vor sich hin siechten: 30 Jahre dauert es bis Fälle bearbeitet werden, weil man darüber „nachdenken wolle“. Dann werden zu großen Teilen „Strafen“ verhängt, die man eigentlich nicht als solche betiteln kann:  Einem des Missbrauchs schuldig gesprochenem portugiesischen Priester wurde daraufhin verboten, außerhalb von Lissabon tätig zu sein, dort konnte er aber seines Amtes weiter walten und seine “Tendenzen” weiter ausleben. Alles das ist möglich, da die Kirche sich nicht dem staatlichen Rechtssystem unterziehen muss. Sie hat eigene Gerichte, die für innerkirchliche Fragen verantwortlich sind, diese Instanzen sind als fester Teil der justiziellen Kultur auch im Grundgesetz verankert. Das macht diese extrem lasche Handhabung von Missbrauch erst möglich. 

Umsetzung gelungen? Von der Recherche auf die Bühne

Vier Schauspieler:innen des Kölner Ensembles in ihren Rollen als Theologin, Journalistin, Anwalt und Nerd erklären dies der Öffentlichkeit. Dabei werden sie stets von Kameras begleitet, die den Abend als Stream aufzeichnen, zugänglich ist dieser auf Youtube. Sie hantieren mit an die Wand gebeamten Briefen, Sprachaufzeichnungen und Videos und retten sich in Hypothesen, da von Seiten des Vatikans ja offensichtlich keine Fakten geschaffen werden. Sie bedienen die Klischees ihrer zugeordneten Rollen in höchstem Maße. Das ist stellenweise nicht sehr gelungen, da das Plakative der Aussagen zum Augenrollen verleitet. Dennoch erfüllt es seinen Zweck und so können sich die vier aus jeweiliger Perspektive ihrer Profession von Thema zu Thema schwingen. Der Nerd stellt durchaus logische Rechnungen auf, dass die Kirche die Fälle auch deshalb nicht öffentlich macht, weil sie sonst so hohe Schadensersatzzahlungen leisten muss, dass sie schlicht und ergreifend pleite gehen würde – in den USA gab es dieses Szenario, dass Bischofssitze aufgrund von Schadensersatzzahlungen insolvent gingen, tatsächlich schon. Unterdessen deckt die Journalistin neue Briefe auf, der Anwalt versucht sie rechtlich einzuordnen und die Theologin verzweifelt zunehmend an der Sinnhaftigkeit ihrer Kirche. Über ihnen schwebt dabei ein zermarterter, logischerweise auch schweigender Jesus, der sich zu all dem nicht äußern kann, sein Stellvertreter auf Erden könnte es, will es aber nicht. Die vier Schauspieler:innen wenden sich mit zunehmender Intensität an den leeren Stuhl und konfrontieren zu Ende des Stückes im Schlagfeuer den „heiligen Vater“, der seine „Brüder und Schwestern“ nicht nur hängen lässt, sondern sie auch aktiv nicht vor Missbrauch schützen will. Und so sind am Ende des Abends einige drängende Fragen offen, nur eine nicht: Der Recherche von Correctiv kann man Glauben schenken und ihre Investigativarbeit lobpreisen.

Von der „Schöpfungsgeschichte“ des Stückes erzählen im Anschlussgespräch die Dramaturgin Traudl Bünger, die zwei Correctivreporter:innen und Joachim Frank, dem Chefkorrespondent des Kölner Stadtanzeiger. Das, muss man fast sagen, ist der lohnendere Teil des Abends. 

Die szenische Lesung, die von Regisseur Kay Voges umgesetzt wurde, hat leider manche Schwächen, die dazu beitragen, dass man sich allzu bewusst ist, dass man gerade im Theater sitzt. Das Stück holt nicht direkt ab, man hört gewissermaßen einem geschauspielerten Vortrag zu: Die Schauspieler:innen sprechen mehr in die Kamera als ins Publikum und lesen ihren Text in großen Teilen von Klemmbrettern ab. Es wirkt alles sehr gestelzt und die Rollen ein wenig erzwungen. Man fragt sich, ob es nicht eine gelungenere Balance zwischen Lesung und Schauspiel gegeben hätte, die überzeugender und mitreißender gewesen wäre, hätte man noch mehr in die kreative Umsetzung der Recherche investiert. So bleibt der Abend relativ unemotional, die Stellen an denen gelacht oder aufgeschrien werden könnte lassen das Publikum kalt. Umso persönlicher ist dann das folgende Anschlussgespräch bei dem Fragen gestellt werden können. Dort werden auch die Inhalte noch einmal deutlicher, um die es Correctiv primär ging, als sie sich dem Thema widmeten: Nicht einzelne Täter zu finden, sondern das systemische Problem aufdecken, dass sich durch Versetzungen, Vertuschungen und Verbrüderungen aufrechterhalten kann.

 Leider muss man das Fazit ziehen, dass dieser Abend keine Lösung bietet, keinen Schritt in die richtige Richtung, wie es die Theologin im Stück noch fordert, denn die entscheidende Instanz reagiert nicht. Die Täter schweigen weiter, vertuschen weiter, missbrauchen Menschen und Vertrauen weiter – die katholische Kirche sieht sich nicht auf der anderen Seite des Beichtstuhles, sie bekennt sich nicht ihrer Sünden, bittet nicht um Vergebung.

Regie KAY VOGES

Bühne ELENA DÖRNEMANN und KAY VOGES

Kostüm MONA ULRICH

Videoart MARIO SIMON

Live-Kamera JAN ISAAK VOGES und GEORG VOGLERMit ANDREAS BECKPAUL GRILLANJA LAÏS und BETTINA LIEDER

Hier geht es zum Stream der Vorstellung

  1. https://www.youtube.com/watch?v=i3xjDjp-C-o ↩︎

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