Kontrollierter Konsum – oder vom Konsum kontrolliert?

Süßigkeiten, soziale Medien, Drogen oder Pornos – egal, was wir konsumieren, wir tun es meist aus ähnlichen Bedürfnissen: Emotionsregulation, Stressabbau, Belohnung, Gewohnheit.  Oft merken wir gar nicht, wie es immer schwerer wird, sich von eingebrannten Konsummustern lösen zu können. Wir verlieren die Kontrolle darüber, wann, wie oft und wie lange wir etwas konsumieren. Wir werden süchtig – und dann?

Illu: Giuseppe Contrafatto.

Nur noch fünf Minuten scrollen, noch eine letzte Zigarette, nur noch ein Stück Schokolade, noch ein letztes Mal steilgehen, nur noch eine Sache in den Warenkorb legen …

*eine Zigarette später*

Was soll man tun, wenn man merkt, dass man vielleicht süchtig ist? Im konkreten Fall der Alkoholsucht lautete die Antwort lange Zeit: komplette Abstinenz. Doch muss es so sein? Muss man sich für immer vom Rausch verabschieden?

Folgt man dem Konzept des Kontrollierten Trinkens, lautet die Antwort: Nein! Dabei handelt es sich um ein Therapiekonzept bei Problematischem Alkoholkonsum – der Fokus liegt nicht auf Abstinenz, sondern auf einem kontrollierten Konsumverhalten. Erlaubt ist eine bestimmte Anzahl an Getränken an einer bestimmten Anzahl von Wochentagen. Es soll vor allem dabei helfen, Schaden zu begrenzen und Menschen, die noch nicht gänzlich aufs Trinken verzichten wollen, zu ködern.

Klingt erst einmal sinnvoll, zumal auch diese Therapie mit einer Alkoholabstinenz von 30 Tagen beginnt. Unter Suchttherapeut*innen sorgt das Konzept jedoch für Debatten. Während manche der Meinung sind, dass Kontrolliertes Trinken eine Handvoll Vorteile bringt, äußern sich andere kritisch. Als Vorteil gilt besonders die Zieloffenheit. Diese ermögliche Patient*innen, eigene Wünsche und Ansprüche zu äußern, sich gehört und nicht bevormundet zu fühlen. Das wiederum führe zu einer höheren Kooperationsbereitschaft. Außerdem betonen Befürworter*innen wie der Suchtforscher Joachim Körkel, dass die Erfolgsquoten zu Beginn auf einem ähnlichen Niveau wie die von Abstinenzprogrammen liegen und das kontrollierte Trinken sogar für 10-30 % der Teilnehmenden langfristig zu Abstinenz führt. Doch für die Gegenseite klingt das ganze problematisch. Eine Langzeitkatamnese über 60 Jahre zeigt, dass langfristig nur etwa eine von 20 Personen kontrollierte*r Trinker*in bleibt, während andere Verläufe sich zwischen Rückfällen und Todesfällen, Klinikaufenthalten und vollständiger Abstinenz bewegen. Ebenso verweisen Forscher*innen auf Experimente mit Laborratten, bei denen festgestellt wurde, dass es bei ihnen einen Point of no Return gab: Alkoholkranken Ratten gelang es auch nach vorangehender, monatelanger Abstinenz nicht, ihren Alkoholkonsum zu kontrollieren. Ihre Abhängigkeit hatte den Punkt erreicht, an dem ihre Verhaltenskontrolle biologisch nicht mehr zurückkehrte. 

Damit greift die Debatte einen wichtigen Punkt auf: Ausgehend von Tiermodellen kann Abhängigkeit das Gehirn so verändern, dass es auch nach langer Abstinenz nicht wieder in den Ausgangszustand vor der Suchterkrankung zurückkehrt. Und darin liegt auch das simpelste und doch schlüssigste Argument der Kritiker*innen: Alkoholkrank zu sein bedeutet, qua Definition, ein Kontrollproblem zu haben. Besonders gefährlich wird es, wenn Betroffene sich dessen nicht bewusst sind, sich falsch einschätzen, was im Verlauf von Abhängigkeitsprozessen häufig vorkommt.

Audrey Kishline war in den 1990ern Gründerin und Gesicht des amerikanischen Moderation Management Movement, ging sogar in die Oprah-Show. Kishline vertrat den Standpunkt, dass es Alkoholkranke – sogenannte Chronische Trinker*innen – auf der einen Seite und Problem-Trinker*innen wie sie selbst, auf der anderen Seite gebe. Letztere durchlebten bei Verzicht auf Alkohol etwa keinen körperlichen Entzug und hätten auch sonst ein weniger ernstes Problem mit Alkohol, der vollkommene Verzicht sei für sie nicht die einzige und auch nicht die beste Lösung.

Im März 2000 starben ein Vater und seine 12-jährige Tochter bei einem fatalen Autounfall. Am Steuer des anderen Unfallautos: Audrey Kishline. Auf dem Beifahrersitz: eine halb leere Vodkaflasche. Blutalkoholwert: 2,6 Promille. Kishline ging ins Gefängnis, kämpfte noch jahrelang mit ihrer Alkoholsucht und verstarb 2014 im Alter von 59 Jahren, vermutlich durch Suizid.

Ein endgültiger Beweis, dass Abstinenz der einzige Weg aus der Abhängigkeit ist? So schwarz-weiß ist das Ganze nicht. Bereits vor dem tödlichen Unfall hatte Audrey Kishline verkündet, nach jahrelangen Versuchen, ihr Trinkverhalten zu kontrollieren, erkannt zu haben, dass Abstinenz für sie die einzige Lösung darstelle. Nach dem Unfall ging sie noch weiter, ließ von ihrem Anwalt vor Gericht mitteilen, dass das Moderation Management Movement nur eine Gruppe Alkoholiker*innen sei, die versuchen, ihr Suchtproblem zu vertuschen.

Doch wie der tragische Fall von Kishline verdeutlicht, hat auch ein Abstinenzprogramm nicht zur endgültigen Bewältigung ihrer Abhängigkeit verholfen. Kurzfristig zeigt diese Therapieform deutliche Erfolge: In einer Studie im  Indian Journal of Psychiatry aus 2023 zu den Erfolgen nach einem Abstinenzprogramm von Thenmozhi Sivaraman et al. war rund ein Drittel der behandelten Personen nach sechs Monaten abstinent. Zugleich fassen die Autor*innen jedoch auch mehrere indische Langzeitstudien zusammen, in denen die Abstinenzraten je nach Setting deutlich niedriger ausfallen – etwa 21,8 % nach sechs Jahren. Ein ähnliches Muster zeigt sich auch in einer 2008 veröffentlichten Studie von Forschenden der Universität Ljubljana, die Alkoholpatient*innen über zwei Jahre nach einer stationären Therapie begleitete. Demnach zeigten  53 % der Patientinnen nach drei Monaten positive Therapieergebnisse, dieser Anteil sank jedoch nach zwölf Monaten auf rund 30 %. Seinen Alkoholkonsum zu kontrollieren oder komplett einzustellen scheint beides langfristig schwer zu erreichen.

Alkoholabhängigkeit ist ein komplexes Krankheitsbild, in dem sich Kontrollprobleme und Kontrollverlust in besonders drastischer Weise zeigen. Und auch wenn die Phänomene in keinstem Fall gleichzustellen sind, ganz abgesehen von den biologischen, strukturellen und gesellschaftlichen Faktoren, die in die Entwicklung und den Verlauf einer Alkoholabhängigkeit hineinspielen, begegnen vielen von uns diese Kontrollprobleme auch bei unserem alltäglichen Konsum. Ob wir mal wieder eine halbe Stunde beim Scrollen vergeudet haben, die inzwischen sehr teure Tafel Schokolade restlos aufgegessen haben oder am Montagmorgen doch wieder zum Späti dackeln und uns neuen Tabak kaufen. Und manchmal verlieren wir auch die Kontrolle – der Warenkorb wächst auf 15 Artikel, die ganze Staffel wird an einem Tag gebinget. Und wenn wir es dann in der Morgendämmerung endlich schaffen, Instagram zu schließen und verwirrt auf die Uhr schauen, dann merken wir, wie uns der Konsum kontrolliert hat. Und dann entscheiden wir vielleicht, in Zukunft bewusster zu konsumieren.

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