Neues Semester, neues Glück? Für viele Studierende bleibt die Nervosität auch bei den neuen mündlichen Prüfungen ein stetiger Begleiter. Im Gespräch mit Dr. Cugialy und zwei Studierenden erkundet Eliza Lilija Beuster, warum Angst ganz normal ist und wie man versuchen kann, mit ihr zu leben.

Illu: Eliza L. Beuster.
Hebt man im Seminar die Hand, klopft das Herz plötzlich viel stärker. Wird man dann noch drangenommen, sind die sorgfältig überlegten und wiederholten Sätze plötzlich weg. Bei Präsentationen ein Notizblatt zu halten, ist keine gute Idee, sieht man dadurch doch erst recht, wie sehr die Hände zittern.
Wenn dir das bekannt vorkommt, bist du damit nicht allein. Viele Studierende erleben ähnliche Momente. Die Gründe können verschieden sein, doch eine Form der Angst verbindet sie.
Seit der Schulzeit höre ich den gleichen Rat: Du musst einfach üben, mit der Zeit wird es besser. Spätestens nach einem Uni-Semester, in dem ich sechs Präsentationen halten musste, wusste ich: So einfach ist das leider nicht. Bei jeder Präsentation ging es mir genauso schlecht wie bei den vorherigen. Gespräche mit älteren, erfahrenen Masterstudent*innen haben mir gezeigt, dass auch sie jedes Mal aufs Neue Lampenfieber vor Uni-Präsentationen haben.
Lampenfieber und Prüfungsangst sind weit verbreitet und bis zu einem gewissen Maß (leider) normal. Eine Befragung der Internationalen Hochschule aus dem Jahr 2022 zeigt, dass 87 Prozent der 1.600 Teilnehmer*innen schon mal Prüfungsangst hatten, die meisten (65 Prozent) während der Schul- und Studienzeit. Fast die Hälfte (46 Prozent) fühlt sich mit ihrer Angst nicht ernst genommen. Wahrscheinlich haben sich deswegen nur 14 Prozent Hilfe gesucht.
Das (ur)alte Gefühl der Angst
Redeangst, Prüfungsangst und Lampenfieber unterscheiden sich nach der Situation, in der sie auftreten. Eins haben sie aber gemeinsam: das alte Gefühl der Angst.
Angst ist ein uraltes Programm, das wir mit allen Säugetieren teilen. Im Gespräch erklärt Dr. Cugialy von der Psychologischen Beratung der FU: Unsere Angst sieht im Gehirn heute noch genauso aus wie vor tausenden Jahren. Die Amygdala, der „Mandelkern“, ist maßgeblich an einer immer gleich aussehenden körperlichen Reaktion auf Bedrohung beteiligt. Der Herzschlag steigt, die Atmung wird schneller; unser Körper ist in Alarmbereitschaft. Er wird so in die Lage versetzt, besser gegen eine Bedrohung kämpfen oder vor ihr fliehen zu können. Das Problem: Eine Präsentation verlangt nicht, wegzurennen oder zuzuschlagen, sondern ruhig zu stehen und Gedanken klar zu formulieren. „Deshalb fühlt sich das manchmal so widersprüchlich an“, sagt Dr. Cugialy.
„Wir erleben eine Alarmreaktion, obwohl objektiv nichts Lebensbedrohliches passiert.“
Zum besseren Umgang mit Angst kann es helfen, zu wissen, dass Angst nichts Unnatürliches oder Peinliches ist. Sie ist eine emotionale und physiologische Reaktion, die älter ist als jede Form von Prüfung – und die alle kennen, nicht nur Menschen, sondern auch Tiere. Vielleicht nimmt genau das schon ein wenig Druck: Man muss keine Angst vor der Angst haben.
Und auch die hartnäckige Nervosität vor einer Präsentation oder bevor man im Seminar spricht, ist nicht zwangsläufig etwas Negatives: „Die Nervosität sorgt körperlich dafür, dass man zum Beispiel nicht einschläft. Das klingt ein bisschen bizarr, aber sie hilft, dass man wirklich fokussiert ist. Und das wirkt auch nicht unbedingt unsympathisch oder unvorbereitet. Letztlich zeigt uns die Nervosität nur, dass einem etwas wichtig ist.“ Das Gegenüber, egal ob bei Prüfung, Vortrag, Dating oder Bewerbungsgespräch, darf unsere Nervosität also gerne als Kompliment auffassen.
Für mündliche Prüfungen oder Präsentationen an der Uni weist Dr. Cugialy darauf hin, dass Lehrende dein Wissen – und nicht etwa deine Nervosität – testen wollen.
Der FU-Workshop „Fit für die Prüfung“
Dr. Cugialy bietet jedes Semester den Workshop der Psychologischen Beratung der FU „Fit für die Prüfung“ an. Hauptziel dabei ist es, den Studierenden die Kontrolle über ihre Prüfungsangst wiederzugeben. Über seinen Workshop hinaus empfiehlt er, die Einzelgespräche der Psychologischen Beratung wahrzunehmen: „Es kann sich lohnen, in einem Beratungsgespräch genauer zu schauen, welche individuellen Befürchtungen in Prüfungen Ratsuchende belasten und vielleicht an einer besseren Leistung hindern.“
Emilia ist FU-Studentin und hat vor etwa 2 Jahren an diesem Workshop teilgenommen. Ihre Prüfungsangst hatte mit der Covid-Zeit angefangen, als sie noch in der Schule war: „Man hat die Gesichter nicht mehr gesehen (wegen der Maske). Und Vorträge fand ich auf einmal richtig beängstigend, obwohl das vorher nie ein Ding für mich war.“ Nach dem Abi ging Emilia ins Ausland, wo diese Angst keine Rolle spielte. Als sie aber an die Uni ging, kam ihre Vortrags- und auch (mündliche) Prüfungsangst wieder. An den Workshop erinnert sich Emilia positiv zurück. Dort hat sie wertvolle Tipps erhalten, die ihr noch heute helfen. Was ihr besonders in Erinnerung geblieben ist: Vorbereitung ist alles. Wenn man richtig gut vorbereitet ist, kann einen eigentlich nichts aus der Ruhe bringen, sagt sie. Vielleicht kann es sogar Spaß machen, von Themen zu erzählen, über die man gut Bescheid weiß.
Mein persönlicher Ratschlag für Präsentationen (nicht unbedingt Prüfungen) ist, zu versuchen, Freude daran zu finden, anderen mehr über das Thema beizubringen, welches man gerade vorträgt. Gleichzeitig stellt man den Anspruch an sich selbst, es bestmöglich vorzubereiten, damit das Zuhören Spaß macht. Außerdem kann man sich auch in weniger Selbstkritik üben: Ein paar Verhaspler machen uns als Zuhörende schließlich auch nichts aus, solange weitergemacht wird und man merkt, dass die vortragende Person sich mit dem Thema auskennt.
Ein weiterer Tipp von Emilia sind Atemübungen.
Und falls man im Moment nicht seinen Gefühlen Herr werden kann, hilft auch Ablenkung. Etwa mit einfachen Übungen, wie an eine Farbe zu denken und mental alles in der Umgebung aufzuzählen, was diese Farbe hat. Solche Entspannungsübungen können einen weg von negativen Gedanken und zurück in das Jetzt bringen.
Redeangst im Studium
M. studiert eine Geisteswissenschaft an der FU. Sie hat Redeangst, die besonders durch die Gesprächskultur in ihrem Fach verstärkt wird: „… wenn ganz große Wörter benutzt werden, um einfache Sachverhalte zu erklären. Bei Leuten mit Sprechangst macht es die Angst noch schlimmer, nicht mit den anderen mithalten zu können.“
„Das ist dann wie eine Spirale: Man kommt nicht mit, kann nicht zuhören, macht sich zu viele Gedanken darum, ob etwas blöd klingt, und sagt dann einfach gar nichts mehr.“
Für M. ist es eine große Hilfe, Dozierende ehrlich auf ihre Angst anzusprechen und bei mündlichen Leistungen nach Alternativen zu fragen: „Das ist eine Krankheit wie eine Magen-Darm-Grippe auch, die bei manchen Leuten mehr oder weniger ausgeprägt ist. Ich habe es in fast jedem Seminar angesprochen und es hat nur eine Person unwissend, aber nicht unverständlich reagiert.“ Abgesehen von dieser einen Person musste M. nichts vorweisen; ein Gespräch hatte genügt, besonders, weil die Dozierenden ja schon beim Gespräch merkten, dass es ihr schwer fiel, das Thema anzusprechen. Wenn man stark mit dieser Angst zu kämpfen hat, muss man sich nicht quälen, sondern kann ehrlich mit Dozierenden kommunizieren und eine gemeinsame Lösung finden.
Wenn M. trotzdem versucht, kurz etwas vorzutragen oder zu erklären, hilft es ihr, ganze Sätze auf ihre Notizen zu schreiben, so, wie sie es sprechen würde.
Wir wachsen in einer Gesellschaft auf, in der Leistung ständig aktiv bewertet wird, ob durch Noten, Fachwörter oder Kommentare. Kein Wunder also, dass man in der Uni „immer noch“ zittert.
Wenn man versucht, sich mit Vorbereitung, Entspannungsübungen und Mind-Set-Shifts zu kräftigen, hilft es auch, sich daran zu erinnern, dass die Universität ein Ort des Lernens ist, an dem alle beteiligt sind. Unsicherheiten, Verhaspler und Fragen sind nicht weniger wertvoll, sondern gehören genauso zum Lernprozess dazu.
