Seit Anfang März beherrscht Timmy der Wal die deutschen Schlagzeilen. Währenddessen ertrinken jeden Tag Menschen auf der Flucht im Mittelmeer. Felix Rode erklärt, wie diese Widersprüche entstehen, wer davon profitiert und warum sie eigentlich ein Zeichen der Empathie sind.

Wer ist Timmy?
Für alle, die es noch nicht mitbekommen haben: Timmy ist der Name des Buckelwals, der seit Anfang März an der Küste der Ostsee herumliegt oder schwimmt, singt, fast gerettet wird und dann doch wieder strandet. Das öffentliche Interesse an ihm ist riesig. Es gibt unzählige Liveticker, zwischendurch gab es sogar einen Stream. Mehrere Expert*innen darunter Meeresbiolog*innen betreuen das Tier und besuchen es täglich. Ein örtlicher Besitzer eines Baggerunternehmens hat Timmy sogar unentgeltlich seinen besten Baggerfahrer zur Verfügung gestellt mit den Worten: „Wo ich helfen kann, helfe ich”. Zuletzt haben Demonstrierende für eine Rettung von Timmy sogar eine Polizei-Absperrung durchbrochen, um zu ihm zu gelangen.
Wie viel Geld für und um Timmy schon ausgegeben wurde, Rettung, Berichterstattung, etc., ist schwer zu schätzen, aber sicherlich liegt die Summe im sechsstelligen Bereich. So hat allein die erste Rettungsaktion 40.000€ gekostet, wonach er prompt wieder auf Grund gelaufen ist. Zuletzt boten private Geldgebende die Finanzierung eines zweiten Rettungsversuchs an, der Timmy mithilfe von Schwimmkörpern bis in den Atlantik transportieren sollte. Geschätzte Kosten: mindestens eine Million Euro.
Momentan wird von diesem Vorhaben aber abgesehen, weil der Gesundheitszustand des Wals zu schlecht ist. Neben starken Hautbeschädigungen ist er wahrscheinlich krank und oft liegt er stundenlang regungslos da. Am 11.04. veröffentlichte das Ministerium für Klimaschutz Mecklenburg-Vorpommern ein Gutachten, in dem Expert*innen empfehlen, das Tier in Ruhe sterben zu lassen. Trotzdem wird von ihm nicht abgelassen. Stand 25.04. wird wieder ein Graben vom Fahrwasser zu ihm gegraben.
Währenddessen im Mittelmeer
Während die deutsche Öffentlichkeit um Timmy fiebert, Livestreams verfolgt, Petitionen unterschreibt und spendet, ertrinken Menschen im Mittelmeer. Dieses Jahr sind laut IOM (International Organisation of Migration) schon 567 Menschen auf der Flucht im Mittelmeer ertrunken. 2025 waren es 1873, 2024 waren es 2573, 2023 waren es traurige 3155 Menschen. Das sind dieses Jahr grob gerechnet durchschnittlich jeden Tag 5 Tote. Das bedeutet, dass, seit Timmy festsitzt, schon etwa 150 Menschen im Mittelmeer ertrunken sind. (Die Dunkelziffer dürfte dabei deutlich höher sein.)
Viele der Menschen, die die Flucht über das Mittelmeer wagen und dabei in Seenot geraten, werden von Rettungsschiffen aufgenommen und in Sicherheit gebracht. Diese hat der Bund bis 2025 mit etwa zwei Millionen Euro jährlich unterstützt. Die Förderungen wurden durch die CDU eingestellt. Damals gab es keinen öffentlichen Aufschrei, der auch nur nahe kommen würde an die Medienpräsenz, die Timmy genießt.

Dabei sind die Toten im Mittelmeer nur eine Möglichkeit für die eine Seite dieser Hypokrisie. Sie ist nur die Spitze des Eisbergs. Ich frage mich, wo im Bundestag der Einsatz für tier- und klimafreundliche Politik derjeniger Partei ist, deren Ministerpräsident Timmy besucht hat und großzügig angekündigt hat, die Kosten des ersten Rettungsversuchs (40.000€) zu übernehmen. Ich frage mich, wo am Mittelmeer diejenigen bleiben, die an der Ostsee “helfen, wo sie können.” Ich frage mich, wie viele derjeniger, die sich für Timmy einsetzen und mitfiebern, Fleisch und Tierprodukte zu sich nehmen. Auf einer der Pro-Rettung Demos für Timmy gab es einen Fischbrötchenstand. Dazu noch ein paar Zahlen: 2024 wurden in Deutschland etwa 742,5 Millionen Tiere geschlachtet. Das sind über 2 Millionen jeden Tag. Bis dieser Artikel veröffentlicht wird, sind rund 100 Millionen Tiere in Deutschland geschlachtet worden, seit Timmy das erste Mal gestrandet ist.
Warum aber retten die Menschen lieber den Wal, als andere Menschen im Mittelmeer? Warum nimmt die Öffentlichkeit den größten Anteil an einer solchen verhältnismäßigen Kleinigkeit im Vergleich zu tausenden toten Menschen?
Bei Timmy geht es nicht nur um Timmy. Er ist eine Projektionsfläche: Auf ihn wird die Welt projiziert, wodurch er zum Symbol für dieselbe und damit auch für die Menschen im Mittelmeer wird. Die Menschen haben eigentlich ein Bedürfnis nach Kooperation, Einklang mit der Natur und Frieden, aber sie sehen, dass die Welt voller Mängel und Ungerechtigkeit ist, die sie scheinbar nicht verändern können. Daher suchen sie nach Ersatzbefriedigungen für ihr Bedürfnis nach einer heilen Welt, das an der Unsrigen zerbricht. Wenn die Welt nicht wirklich gerettet werden kann, wird sie eben symbolisch gerettet, wird Timmy gerettet.
Scheinbare Versöhnung
Theodor Adorno nennt dieses Phänomen die “scheinbare Versöhnung.” Er beobachtet sie eher im Film, dennoch lässt sich die Idee auf Timmy übertragen. Adorno fragt sich, warum die Menschen so berührt aus den vorhersehbaren Happy-End-Hollywood-Filmen kommen. Dabei entlarvt er die Happy Ends einerseits als “Versöhnung” der Menschen mit dem desolaten Zustand der Welt und andererseits als eingesetzten Mechanismus der Mächtigen, der die Menschen vom Verbessern der Welt abhalten soll.
Die Happy Ends im Film lenken die Zuschauenden von den Unhappy Ends der Welt ab und erfüllen ihr Bedürfnis nach “Versöhnung”, Sicherheit, Ordnung, Wärme und Zufriedenheit. Diese Gefühle werden dann aus dem Kino hinaus in die Welt getragen und lassen den Zuschauenden das Negative der Welt ausblenden. Timmy ist also wie ein Hollywoodfilm. Es wird mitgefiebert und auf ein Happy End gehofft und wenn es kommt, können die Menschen sich abends ins Bett legen und denken: Es gibt doch noch Gutes in der Welt. Der zweite Name, den Timmy mittlerweile trägt, “Hope”, fügt sich in diese Theorie perfekt ein.
Timmy ist also etwas, das die Menschen davon abhält, bewusst darüber zu werden, wie die Welt ist, ihre Widersprüche und Mängel zu erkennen. In diesem Sinne könnte man Timmy den Wal sogar mit dem/einen Messias (oder Religion generell) gleichsetzen. Er ist gekommen, um die Menschen von ihrem irdischen Leiden zu befreien, ihnen einen Sinn und die Hoffnung auf ein Happy End im Paradies oder im Atlantik zu geben. Timmy ist Opium für das Volk.
Wer profitiert davon?
Diese “Versöhnung” mit der Welt stabilisiert dieselbe, indem sie die Menschen von der Veränderung der Welt abhält. Sie spielt den Mächtigen in die Karten. Ihnen passt es, dass die Menschen ihren Veränderungs- und Verbesserungswillen an Hollywood-Filmen oder eben an Walen ausleben. Der Hype um Timmy begünstigt rechte und konservative Kräfte. So besuchte beispielsweise der CDU-Ministerpräsident von Schleswig-Holstein Daniel Günther den Wal. Damit konnte er zeigen: Wir sind da. Wir kümmern uns. Vertraut uns!
Ebenso wenig überraschend ist es, dass natürlich die Bild-Zeitung am intensivsten und emotionalsten von ihm berichtet und ihm auch seinen Namen, Timmy, gegeben hat.
Zuletzt war es der rechtsextreme Influencer Jens Schulz, der sich für die Rettung Timmys eingesetzt hat und Walter Gunz, einen Mitgründer von Media Markt, für die Finanzierung des Ponton-Plans gewonnen hat. Der Wal ist also zu einem Versöhnungsmittel und damit ein Instrument zur Durchsetzung bestimmter Interessen geworden. Timmy rutscht nach rechts, analog zu unserer Gesellschaft.
Natürlich tut auch mir der Wal leid. Ich wünsche ihm eine sichere Rückkehr in den Atlantik, insofern sein Gesundheitszustand das zulässt. Ich wünsche mir, unsere Gesellschaft würde sich so strukturieren, dass wir nicht vor der scheinbaren Dichotomie stünden: Timmy oder die Menschen. Ich weiß, dass wir beides können.
Als Zeichen für die Differenz zwischen dem, wie die Menschen sich die Welt wünschen und wie sie ist, ist Timmy auch ein Zeichen der Frustration. Diese Frustration ist gut und gesund. Sie sollte auch zum Handeln führen.
Aber bei Timmy bleibt ihre Einlösung und Versöhnung eben nur scheinbar, also eine Illusion. Die Welt ändert sich nicht durch die Rettung des Wals. Keine Probleme, die wirklich uns Menschen beschäftigen, wird Timmy lösen, wenn er wieder im Atlantik ist.
An Timmy lebt sich der gesamte menschliche Wille zum Sozialen, zu einer besseren Welt, zur Kooperation, zum Leben im Einklang mit der Natur und zur Empathie aus. Timmy ist Zeichen eines menschlichen Bedürfnisses, dessen ehrliche, konsequente Erfüllung scheinbar verstellt ist. Warum sie meinen, die Welt oder die Menschen im Mittelmeer nicht retten zu können, ist eine andere, hier ausgelagerte Frage. Timmy zeigt aber, dass sie es eigentlich wollen. Was mit Menschen im Mittelmeer nicht klappt, klappt eben mit einem Wal in der Ostsee. Wenn es nicht so traurig wäre, wäre es lustig.
Ach, wie wäre wohl die Welt, wenn wir uns so um sie kümmern würden, wie um Timmy den Wal?
