Lust auf eine Zeitreise? Steig ein und lass dich treiben, im berauschenden Berlin der 1920er. Die Neue Nationalgalerie zeigt “Ruin und Rausch” – eine Rezension von Theresa Meier.

Neue Nationalgalerie. Foto: Jörg P. Anders, © VG Bild-Kunst Bonn, 2026
“Sie rechnen sich schon jetzt zur Hautevolée
Und zählen Armut zu den größten Sünden.
– Nicht mal ein Auto …? Nein, wie sie das finden!
Ihr Hochmut wächst mit Pappis Portemonnaie.”
Was Mascha Kaléko hier schreibt, zeugt von Klassismuskritik vor fast hundert Jahren. 1933 wurde das Gedicht veröffentlicht, heute ist es Teil der Ausstellung “Ruin und Rausch” in der Neuen Nationalgalerie. Sie umfasst die Kunstszene Berlins von 1910 bis 1930.

Neue Nationalgalerie. Foto: Andres Kilger, © VG Bild-Kunst Bonn, 2026
Berlin als kapitalistische Metropole und gleichzeitiges Zentrum blutiger Klassenkämpfe: Unüberwindlich die Barriere zwischen Arbeiter*innen und der Bourgeoisie, Arm und Reich driften auseinander. Rasante technische Fortschritte und das herangewachsene “Groß-Berlin” bringen für viele Arbeitslosigkeit und Armut. Die Schattenseiten der Weimarer Republik kommen langsam ans Licht. Die Krise beginnt schon bald, aber erst glänzen die Zwanziger des letzten Jahrhunderts.
Die “neue Frau”?
Die Neue Nationalgalerie stellt Gemälde von Künstler*innen aus, die einen Bezug zu Berlin haben oder direkt das Berliner Leben in Szene setzen. Ernst Ludwig Kirchner und Otto Dix finden sich neben Lotte Laserstein und Jeanne Mammen. Letztere bietet Einblicke in die queere Szene während ihrer Glanzzeit: 170 queere Bars gab es damals in Berlin, das Nachtleben florierte. Die Ausstellung schafft es, auch weibliche Perspektiven mit einzubringen, auch wenn immer noch viele der ausgestellten Frauenportraits von Männern gemalt wurden. Hier könnte durchaus noch mehr Fokus auf Künstlerinnen gelegt werden. Beispielsweise könnten mehr Kunstwerke von Künstlerinnen ausgestellt werden, insbesondere solche, die Portraits der “neuen Frau” aus einem femininen Blickwinkel zeigen.

Neue Nationalgalerie. Foto: Jochen Littkemann, © VG Bild-Kunst Bonn, 2026
Vielfalt macht’s möglich
Nebenbei läuft der Kultfilm “Metropolis”, um Besucher*innen den Zeitgeist nahezubringen. Die Ausstellung zeichnet sich auch durch ihre Multimedialität aus, authentische Aufnahmen der 1910-1930er und eine tanzende Anita Berber neben den Gemälden lassen die Besucher*innen ganz in ein vergangenes Berlin eintauchen.
Die goldenen Zwanziger enden bald, am Ende schwebt der dunkle Wolkenhimmel über Potsdam, eine Vorahnung düsterer Zeiten weht durch die Luft. Kann man das, was kommen wird, doch noch aufhalten? Vielleicht ist das letzte Bild der Ausstellung gerade jetzt wichtiger denn je.

Neue Nationalgalerie. Foto: Roman März © VG Bild-Kunst Bonn, 2026
Insgesamt sind in der Exposition viele Perspektiven und Strömungen zu sehen, die auch nötig sind, um der so gegensätzlichen Zwischenkriegszeit gerecht zu werden. Diese Vielfältigkeit macht sie äußerst sehenswert. Besonders zu empfehlen für Fans der Serie “Babylon Berlin”, aber auch für alle anderen bietet “Ruin und Rausch” einen tiefen Einblick in eine zerrissene Zeit. Diese Zeitreise lohnt sich!
Die Ausstellung “Ruin und Rausch” ist bis zum 03.01.2027 zu sehen. Der Eintritt für Studierende kostet 5€. Freier Eintritt an jedem ersten Donnerstag im Monat, 16 bis 20 Uhr.
