Unsichtbar und intransparent – Asta vor Wahlen in der Kritik

Vor den alljährlichen Wahlen zum Studierendenparlament erheben Studivertreter*innen Vorwürfe gegen den amtierenden Asta. Es geht um Intransparenz, Untätigkeit und 1,9 Millionen Euro. Von Philipp Groeschel.

Vielen vermutlich unbekannt – die Asta-Villa in der Otto-von-Simson-Straße. Bild: Leonas de Roux

Wer dieser Tage über den Campus läuft, die Mensa besucht oder in der Bib lernt, könnte wahrscheinlich getrost verpassen, dass vom 19. bis 21. Mai Wahlen stattfinden. Dabei wählen FU-Studierende nicht nur ihr Studierendenparlament, sondern damit indirekt auch den Allgemeinen Studierendenausschuss (Asta), das höchste studentische Entscheidungsgremium. Wer von diesen Institutionen noch nicht gehört hat, ist vermutlich nicht allein, denn: Nur rund fünf Prozent der Studierenden haben bei den Stupa-Wahlen im April letzten Jahres ihre Stimme abgegeben. Eine so geringe Wahlbeteiligung ließe sich bei Nationalstaaten nur mit Bürgerkrieg oder politischer Apathie erklären. Doch während die FU von letzterem gar nicht so weit entfernt ist, gibt es aus studentischen Kreisen Vorwürfe, der Asta erledige – zumindest in Teilen – seine Arbeit nicht und gehe intransparent mit dem Geld der Studis um.

Dabei geht es immerhin um 1,9 Millionen Euro an Semestergebühren und Rücklagen – ein Budget, das von Studierenden für Studierende genutzt werden soll. Das ist Aufgabe der studentischen Selbstverwaltung: Wäre der Asta die Bundesregierung, wäre das Studierendenparlament der Bundestag, der die Regierung wählt und ihre Arbeit durch Haushaltsdebatten und Abstimmungen kontrolliert. Dort bilden die 60 Abgeordneten ähnlich wie Parteien verschiedene Listen aus Fachschaftsinitiativen, parteinahen oder politischen Gruppen. Der aktuelle Asta wird insbesondere von den Listen Queerfeminismus und Listig gegen das Patriarchat gestellt. Eindeutig lässt sich das aufgrund der undurchsichtigen Stupa-Protokolle allerdings nicht sagen. Bei der anstehenden Wahl könnten sie von einer oder mehreren der 18 kandidierenden Listen abgewählt werden, denn die Unzufriedenheit mit der Arbeit des Astas ist groß. Im Gespräch mit FURIOS äußern Studierendenvertreter*innen aus Stupa und dem Asta selbst Schwierigkeiten mit der Transparenz: Wer entscheidet über Gelder und Ämter innerhalb der Selbstverwaltung? Und wer vertritt die Belange der Studierenden nach außen hin? 

Ein Asta, den niemand kennt? 

Im Regierungssitz des Asta – der Asta-Villa – gegenüber der Mensa 2, sitzen an einem großen Tisch Ellie und Jonas. Beide sind im Asta aktiv. Während Ellie für die Queere Liste ins Stupa einzog und dort zur Referent*in des Öffentlichkeitsreferats gewählt wurde, sitzt Jonas für Listig gegen das Patriarchat im Stupa und übernimmt dort auch die Sitzungsleitung. Im Asta hat er gleichzeitig eine bezahlte Stelle im Infobüro. Beide sehen sich als Teil eines Kollektivs, „in dem auch viele Leute aktiv sind, die nicht gewählt wurden.“ Der Asta, so Ellie und Jonas, sei einerseits eine Art Servicestelle mit Beratung, Druckerei und Finanzierung für politische Gruppen. Andererseits sei er „die kritische Stimme der Studierenden“ und solle damit „ein bisschen anecken, Missstände aufzeigen“. „In letzter Zeit haben wir das leider weniger gemacht“, sagt Ellie. Stattdessen habe man sich auf die Verwaltung von offenen Räumen wie dem Galilea fokussiert.

2025 lag die Wahlbeteiligung bei den Stupa-Wahlen an der FU nur bei rund fünf Prozent. Quelle: Studentischer Wahlvorstand, erstellt mit Datawrapper

Die niedrige Wahlbeteiligung liegt für die beiden an fehlender Sichtbarkeit des Asta in der Studierendenschaft. Sie werfen der Unileitung vor, Plakate abzureißen, Stände im Mensafoyer einzuschränken und Rundmails an alle Studis nicht rechtzeitig zu genehmigen. Gleichzeitig gebe es strukturelle Hürden wie etwa die Mehrheit von Professor*innenstimmen in den entscheidenden hochschulpolitischen Gremien. Ellie sagt dazu: „Leider ist es mit den Mitteln des Asta schwer, an diesen institutionellen Vorlagen zu rütteln.“

Vorsicht oder Transparenz? Das Problem mit den Klarnamen 

Eine, die trotz der beschränkten Möglichkeiten den Asta bekannter machen wollte, ist Lara Behrend. Sie studiert Politikwissenschaft und wurde 2025 über die FSI*OSI, die Fachschaftsinitiative am Otto-Suhr-Institut ins Stupa gewählt. Die niedrige Wahlbeteiligung stört sie, denn „die Mitbestimmungsmöglichkeiten sind eh schon nicht riesig in der Uni, aber wir sollten wenigstens die nutzen, die wir haben.“ Schon länger habe es bei der FSI*OSI den Plan einer Gegenkandidatur gegeben, um nachzuvollziehen, wohin das Geld der Studierendenschaft tatsächlich geht. Dazu formierte sich vor den Stupa-Wahlen im letzten Jahr ein Bündnis aus Asta-kritischen Listen, darunter mehrere FSIn, aber auch politische Listen wie CampusGrün oder Jusos, mit dem Ziel, einen neuen Asta zu stellen. Obwohl eine Mehrheit in Aussicht stand, platzte der Plan, scheinbar wegen Schwierigkeiten, das Bündnis zu koordinieren, aber auch aufgrund von Differenzen am Tag der Abstimmung. Das Resultat: Der alte Asta wurde größtenteils wiedergewählt – doch wer beim Asta für welches Referat zuständig und damit für Studierende ansprechbar ist, ist weder aus dem Protokoll heraus noch auf der Website nachvollziehbar. 

Auch andere Quellen bestätigen, dass das Thema Transparenz im Asta immer wieder ein Problem sei. Das Fehlen von Klarnamen sei eine Hemmschwelle für die Öffentlichkeitsbildung. Nach Anfeindungen im Zusammenhang mit der Besetzung des Theaterhofs war man zur jetzigen Praxis übergegangen, Namen in den Parlamentsprotokollen durch Buchstaben zu ersetzen, heißt es aus dem Asta. Dabei sind die Protokolle aus den Stupa-Sitzungen, wenn überhaupt, ohnehin nur im Netzwerk der Freien Universität zugänglich. So kommt es, dass über Wahlvorgänge im Protokoll zum Beispiel lediglich steht: „L, L, S, M und N sind in den Haushaltsausschuss gewählt“. Ellie und Jonas vom Asta rechtfertigen das mit „Anfeindungen von rechts“. Es sei in der Vergangenheit zu Beleidigungen gekommen, daher diene Intransparenz auch dem Schutz. „Ich persönlich finde es herausfordernd, da ein Mittelmaß zu finden“, meint Jonas.

Asta-Mitglieder sollen auf Zahlungen verzichten

Obwohl sie als einzige Asta-kritische Referentin gewählt wurde, hat Lara die Arbeit im Asta aufgenommen. Nach einem Treffen für neu gewählte Asta-Mitglieder sei sie schockiert gewesen, erzählt sie. Im Laufe des Treffens habe man sie zur Seite gezogen und ihr ein Dokument gezeigt, in dem sie sich zum Verzicht auf die Aufwandsentschädigung von 250 Euro pro Monat bereit erklären sollte. Wohin das Geld stattdessen geht, wurde ihr nicht erklärt. Lara habe abgelehnt: „Ich engagiere mich auch woanders, wo ich kein Geld bekomme, aber diese Asta-Arbeit ist einfach extrem viel. Wenn man das ordentlich macht, was eigentlich mein Anspruch war, dann sind es mindestens zehn Stunden pro Woche.“ Der Asta selbst äußert sich zu diesem Vorwurf nicht, schreibt lediglich, die Aufwandsentschädigung fließe an die Referent*innen.

Laut dem Haushaltsentwurf für das Jahr 2026/27 bezahlt der Asta jährlich 138.000 Euro an Aufwandsentschädigung für Asta-Referent*innen. Das Dokument liegt FURIOS vor, ist aber weder auf der Webseite noch in den Protokollen der Stupa-Sitzungen zu finden. 

Haushalt – 404 not found

„Es ist möglich, an Informationen zu kommen, aber es wird einem ungemein schwer gemacht“, beklagt auch Florian B. Er studiert Wirtschaftswissenschaften und ist seit 2024 über die Juso Hochschulgruppe, den Jugendverband der SPD, in studentischen Gremien aktiv. „Es gibt keine öffentlichen Protokolle, es gibt keine Teilnehmendenlisten, es gibt praktisch keine Möglichkeit, den Asta zu kontrollieren.“ Die Haushaltskommission im Stupa prüfe eigentlich die Haushalte des Asta gegen, allerdings würde auf Nachfragen zu einzelnen Ausgaben häufig geantwortet, dazu könne man aus Datenschutzgründen keine Auskunft geben. „Und das waren teilweise Ausgaben im Hunderttausender-Bereich“, sagt Florian. Der Asta schreibt dazu auf Anfrage von FURIOS lediglich, dass Mitgliedern des Stupas der Haushaltsplan und ein Wirtschaftsprüfbericht vorgelegt würden.

Für das nächste Haushaltsjahr 2026/27 plant der Asta Ausgaben von gut 260.000 Euro für die Entlohnung seiner Arbeitnehmer*innen, die etwa die Bafög-, Frauen*- oder Sozialberatung anbieten. Der zweithöchste Posten beläuft sich auf 205.000 Euro für die Asta-eigene Druckerei, von der wahrscheinlich die wenigsten bislang gehört haben. Die für die Studierenden vermutlich wichtigsten Posten sind insgesamt 297.000 Euro, die Fachschaftsinitiativen und andere Hochschulgruppen für Fahrten und Events beantragen können. Jonas vom Asta betont, dass jede Initiative hier unkompliziert Geld erhalten könne. Tatsächlich ausgezahlt wurden 2024/25 allerdings nur 156.000 Euro. Der Asta zahle zu wenig und zu langsam Förderungen aus, beklagen sich Fachschaftsinitiativen. So berichtet auch Lara von der FSI*OSI: „Wir haben uns wirklich schon angewöhnt, Sachen aus unserer mühsam zusammengesparten Kasse zu bezahlen, weil es so schwer ist, beim Asta pünktlich an Termine zu kommen. Und dann werden auch Sachen abgelehnt mit einer mehr oder weniger verständlichen Begründung.“

„Am Ende verlieren immer die Studis“

Florian sitzt als studentischer Vertreter auch im Akademischen Senat, der beispielsweise neue Studiengänge einführen kann, aber derzeit auch bei den Kürzungen viel mitzureden hat. Neben den Studierendenvertreter*innen, die für diese universitären Gremien direkt gewählt werden und stimmberechtigt sind, hat auch der Asta in jedem Gremium einen Platz am Tisch. Dort hat er Rede- und Antragsrecht und kann damit die Studierendenschaft, ergänzend zu den gewählten Studis, vertreten. Florian wirft dem Asta jedoch vor, als Vertretung der Studierendenschaft „nicht existent“ zu sein: „In jeder Sitzung ist dieser Platz leer.“ In einer Gremiensitzung, bei der ein Mitglied des Asta selbst für ein Amt im Präsidium der FU kandidierte, konnte FURIOS den Eindruck bestätigen. Es waren weder ein Gremienmitglied noch Unterstützer*innen des Asta anwesend. Auf Nachfrage dazu beschreibt der Asta die Gremienarbeit als „oft sehr zehrend und wenig sinnvoll.“  Referent*innen konzentrierten sich dann lieber auf andere Aufgaben.

Nach den Stupa-Wahlen, die am 21. Mai enden, wird sich entscheiden, ob der alte Asta auch der neue sein wird. Viele Asta-nahe Listen treten nicht mehr an, andere unter neuem Namen wie die Anarchistische Liste. Florian stellt in Aussicht, dass es erneut eine koordinierte Opposition geben wird, lässt jedoch offen, aus welchen Listen diese besteht. Alle, mit denen FURIOS gesprochen hat, nehmen die hochschulpolitische Arbeit als frustrierend wahr. Dennoch stellen sich in der kommenden Woche immerhin 121 Studierende zur Wahl, die Lust auf Veränderung an der FU haben. Es bleibt nicht nur die Frage, wie effektiv 1,9 Millionen Euro an Studigeldern ausgegeben werden und wer darüber entscheidet. Offen bleibt auch, wie sich an einer Uni, die viele nur für die Seminare besuchen, eine starke und widerstandsfähige Studierendenschaft herausbilden soll, die in der Lage ist, ihre Interessen in Zeiten von Kürzungen effektiv zu vertreten. Wer darauf eine Antwort hat, sollte sich vielleicht zur nächsten Stupa-Wahl aufstellen lassen. Bis dahin bleibt nur, selbst wählen zu gehen und gespannt auf das Ergebnis zu blicken.

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