Looksmaxxing: alter Körperkult, neue Zielgruppe

Die Looksmaxxing-Community propagiert die systematische Optimierung des eigenen Aussehens.
Foto: ©Greta Steltenkamp

Looksmaxxing gilt als neuer, radikaler Trend unter jungen Männern. Doch wie neu ist der Druck, den eigenen Körper permanent optimieren zu müssen, wirklich?

Von Mewing bis Bonesmashing 

Wer in den letzten Monaten durch Social Media gescrollt ist, hat wahrscheinlich von dem Looksmaxxing-Trend mitbekommen. Junge Männer bewerten ihr Aussehen nach vermeintlich objektiven Kriterien und greifen zu teils radikalen Praktiken, um ihren „sexuellen Marktwert“ zu steigern. Dafür geben sie sich online gegenseitig Tipps. Diese reichen von Fitnessroutinen, Skincare und „Mewing” – dem Drücken der Zunge an den Gaumen für eine ausgeprägtere Jawline – bis hin zu gefährlichen Eingriffen wie Bonesmashing”, also das absichtliche Zufügen von Mikrofrakturen an Gesichtsknochen mittels eines Hammers, um diese markanter aussehen zu lassen. Auch Selbstinjektionen im Gesicht, Mikrodosen Crystal Meth gegen Appetit oder OPs zählen zu diesen risikoreichen Methoden. Gerade Teenagern wird dabei ein scheinbarer Ausweg aus der eigenen Unsicherheit und Körperscham verkauft.

Hinter dem Trend steckt jedoch mehr als bloße Selbstoptimierung: Looksmaxxing entstand aus der Incel-Szene und transportiert frauenfeindliche sowie rassistische Ideologien. Weibliche Bestätigung gilt als Belohnung innerhalb einer männlichen Hierarchie, in der Körper nach rassistisch geprägten Idealen bewertet, vermessen und kategorisiert werden. Die Spitze dieser Hierarchie bildet der weiße, „starke” Mann, wogegen die unteren Stufen durch menschenverachtendes Vokabular aus dem Nationalsozialismus abgewertet werden.

Besonders angesichts des Rechtsrucks unter jungen Männern ist es wichtig, diese ideologische Radikalisierung hinter dem Trend ernst zu nehmen. Gleichzeitig wirkt die gesellschaftliche Empörung bezüglich der Schönheitseingriffe bemerkenswert selektiv. Denn viele der Praktiken und Logiken, die nun skandalisiert werden, gehören für Frauen längst zum Alltag.

Der weibliche Körper als Dauerprojekt

Zwischen dem lebensgefährlichen Brazilian Butt Lift à la Kim Kardashian und dem „Heroin Chic”-Trend nach dem Motto „nothing tastes as good as skinny feels” wechseln die Schönheitsideale zwar ständig, der Druck bleibt jedoch derselbe: Der eigene Körper soll permanent optimiert werden. Mädchen lernen früh, dass Attraktivität Disziplin verlangt und soziale Medien verstärken diese Botschaft täglich. Unsicherheiten werden gezielt erzeugt, um anschließend die passenden „Lösungen“ zu verkaufen: Diäten, Skincare-Produkte, Sportkurse, Medikamente wie Ozempic oder teils gefährliche operative Eingriffe. Der weibliche Körper bleibt dabei ein Projekt, das nie abgeschlossen, nie gut genug ist und sich ständig wandelnden, kurzlebigen Trends anpassen muss.

Looksmaxxing erscheint deshalb weniger als neues Phänomen, sondern vielmehr als eine Dynamik, die nun zunehmend auch männlich sozialisierte Menschen erfasst: die Vorstellung, Aussehen sei entscheidend für Anerkennung, Erfolg und Begehren. Die aktuelle Debatte macht damit vor allem sichtbar, wie selbstverständlich permanente Selbstoptimierung von weiblich sozialisierten Menschen erwartet wird. Vielleicht ist es nicht die Radikalität des Looksmaxxing, die beunruhigt, sondern das Bewusstsein darüber, wie vertraut uns diese Logik längst ist. Statt Optimierungszwänge nur dann zu problematisieren, wenn sie junge Männer betreffen oder besonders extreme Formen annehmen, müsste die grundlegendere Frage lauten: Warum gilt permanentes Arbeiten am eigenen Körper überhaupt als gesellschaftliche Normalität? Sollte es nicht darum gehen, Gegenbewegungen, die den Selbstwert von physischer „Perfektion” entkoppeln, zu stärken – um insbesondere junge Menschen vor diesen Dynamiken zu schützen?

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