Ein ikonischer Film, den irgendwie jede*r kennt. Doch kaum jemand erinnert sich an die
eigentliche Geschichte von Dirty Dancing. Was steckt also wirklich in der erfolgreichsten
Tanz Romanze der 80er Jahre? Ein Kommentar von Maria Schinkel

Braungebrannte Haut, Föhnfrisuren, heiße Sommernächte und verbotene Tanzschritte. Dirty
Dancing reiht sich perfekt in die Menge an erfolgreichen Tanzfilmen der 80er Jahre ein. Die
Geschichte einer Sommerromanze zwischen der gut behüteten “Baby” und Johnny Castle,
dem rebellierenden Tänzer – zusammengebracht durch die Magie des Tanzes… richtig?
Jedenfalls scheint das alles zu sein, was die meisten noch über den Film
zusammen bekommen. Schauen wir uns die Handlung noch mal genauer an, fällt eine Figur
dabei besonders auf: Penny.
Eine Figur, eine Story und viele Hindernisse
Die Tanzpartnerin von Johnny ist zentral für den wichtigsten Handlungsstrang von Dirty
Dancing; Denn nur durch ihr Ausfallen bei einem der unverzichtbaren Tanzauftritte für das
Duo kann Baby für sie einspringen und die Romanze zwischen Johnny und ihr entfaltet sich.
Dass Penny ausfallen wird, da sie eine Abtreibung durchführen möchte, wird zu einem der
zentralen Konflikte. Die Abtreibung wird dabei als finanzielle und nicht moralisch schwierige
Entscheidung dargestellt. Tatsächlich kann sie diese auch nur wahrnehmen, dank der
finanziellen Unterstützung Baby’s (oder eher Babys Vater). Auffällig dabei ist, dass wider
Erwarten Pennys Entscheidung nicht hinterfragt wird. Stattdessen erfährt sie
bedingungslose Unterstützung von ihrem Umfeld.
Scheinbar untypisch für die Zeit, in der Dirty Dancing spielt. Denn auch wenn die Masse an
Dauerwellen es schwer zu glauben lässt, befinden wir uns im Jahr 1963. Die
Drehbuchautorin Eleanor Bergstein hat die Geschichte an ihrem eigenen Aufwachsen
angelehnt und ist bei der Verfilmung ihres Materials auf viel Widerstand gestoßen. Trotz
geringer Unterstützung der Industrie hat sie an der Handlung um Penny festgehalten.
„When I made the movie in 1987, about 1963, I put in the illegal abortion and everyone said,
‘Why? There was Roe vs. Wade—what are you doing this for?’ I said, ‘Well, I don’t know that
we will always have Roe vs. Wade,’ and I got a lot of pushback on that.[…]” 1
Gerri, die echte Penny?
1963, 10 Jahre vor einer geregelten staatenübergreifende Legalisierung, waren
Selbstabtreibungen häufig die einzige Möglichkeit, auf die Betroffene zurückgreifen konnten.
Mehrere Abtreibungsfälle gingen zu dieser Zeit dabei durch die Medien, unter anderem auch
der Mord an Gerri Santoro. Gerri Santoro wurde ein Symbol für das abortion-rights
movement der 60er. Gerri verstarb bei einer unterstützten Selbstabtreibung auf dem Boden
eines Motelzimmers. Ihre Mithelfer ließen sie im Motel zurück, als sie begann stark zu
bluten und offensichtlich wurde, dass etwas schiefgelaufen ist. Ihre Leiche wurde erst einen
Tag darauf entdeckt. Ein Tatortfoto der Ermittlung zeigt Santoro kniend, blutverschmiert und
nackt auf dem Boden kollabiert. Dieses Foto wurde zum Symbol für die brutale Realität
sämtlicher Frauen in den USA, aber auch weltweit. 2
Denn die Wahrheit ist, dass ein eingeschränter Zugang zu Abtreibungen nicht die Anzahl an
Durchführungen verringert, sondern nur die Sicherheit der schwangeren Person gefährdet.
Laut WHO sind 45% aller Abtreibungen nicht sicher, und bedeuten nicht nur ein
Gesundheitsrisiko und im schlimmsten Fall den Tod für Betroffenen, sondern auch die
Verletzung eines Menschenrechts. Zusätzlich dazu stellen sie die Verletzung von
Privatsphäre, ein Fehlen von Gleichberechtigung und eine finanzielle Belastung dar. 3
Begründete Ängste um ein Menschenrecht
Und wenn wir nun zurück in die 1960er gehen, zurück zu Penny und Gerri, wird
offensichtlich, wie willkürlich das Überleben dieser Frauen ist. Denn Penny wird ebenfalls
Opfer einer unsicheren Abtreibung, überlebt ihre Misshandlung jedoch nur durch die Hilfe
von Baby’s Arzt-Vater. Dass die Figur dem schrecklichen Schicksal Gerri Santoros entfliehen
konnte, ist reines Glück (und vielleicht auch die Erwartung an ein Happy End). Beide Frauen
ähneln sich stark in ihren Umständen: Penny, die nach dem Rauswurf ihrer Mutter seit ihrem
16 Lebensjahr auf sich allein gestellt ist; Und Gerri, die vor der häuslichen Gewalt ihres
Mannes floh, und sich und ihre Kinder unterstützen musste. 4 Es sind der Alltag und die
Probleme von Frauen der Arbeiterklasse
Bergsteins Sorge um Roe v. Wade sollte sich 2022 leider als begründet herausstellen. Aber
auch in Deutschland sieht es nicht rosig aus. Der Strafparagraph 218 ist lang umstritten. Die
Kriminalisierung eines Menschenrechts klingt absurd, ist jedoch auch harte Realität in
Deutschland.5 Dass Abtreibung ein medizinisches Grundbedürfnis sind, sollte nicht zur
Debatte stehen. Fakt jedoch ist, dass es weltweit schlecht um dieses Recht steht. Und nicht
jede*r kann das gleiche Glück wie Penny haben. Leider wird es für viele kein Happy End
geben.
Informationen zu der globalen Situation und gesundheitlichen Richtlinien zu Abtreibungen sind
unten verlinkt.
Link WHO Abortion Care Guideline:
https://www.who.int/publications/i/item/9789240104204
Link globale Abtreibungs Database (Karte):
https://abortion-policies.srhr.org/?map_indicators=q1kv1
- https://www.vice.com/en/article/the-back-alley-abortion-that-almost-didnt-make-it-into-dirty-d
ancing ↩︎ - https://www.britannica.com/procon/abortion-debate/Historical-Timeline
https://alchetron.com/Gerri-Santoro ↩︎ - https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/abortion ↩︎
- https://alchetron.com/Gerri-Santoro ↩︎
- https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__218.html ↩︎
