
Was bedeutet es, abwesend zu sein? Und kann etwas durch Erinnerungen, Spuren und Geschichten gegenwärtig bleiben, selbst wenn es physisch nicht mehr da ist? Eine Rezension von Elizabeth Khutashvili.
Am 4. Juni wurde beim georgischen Kulturfestival Gantiadi in Berlin Alexandre Koberidzes Dry Leaf gezeigt, der das Publikum über seine fast dreistündige Laufzeit hinweg immer wieder zu diesen Fragen führte. Der Film beginnt mit dem Verschwinden von Lisa, einer 28-jährigen Sportfotografin. Alles, was sie ihren Eltern hinterlässt, ist ein Brief. Sie schreibt, dass sie für eine Weile fortgehen müsse. Weil Lisa zuletzt für ein Magazin Fußballplätze in ganz Georgien fotografiert hatte, reist ihr Vater Irakli von Dorf zu Dorf und sucht nach Fußballplätzen, in der Hoffnung, seine Tochter zu finden.
Doch schon bald wird deutlich, dass es dem Film trotz seines geheimnisvollen, beinahe thrillerhaften Ausgangspunkts womöglich gar nicht darum geht, herauszufinden, was mit Lisa geschehen ist. Stattdessen richtet sich der Blick zunehmend auf die Menschen und Orte, denen Irakli auf seiner Reise begegnet: auf ländliche georgische Gemeinschaften, die zunehmend isoliert wirken, auf Dorfklubs, die einst voller Leben waren, und auf Fußballplätze, auf denen Kinder früher ganze Tage verbrachten.
In gewisser Weise erinnert Dry Leaf an Abbas Kiarostamis Taste of Cherry: eine Reise als Suche, ein Auto, das sich durch Landschaften bewegt, Begegnungen, die auftauchen und wieder verschwinden. Während Kiarostami in der Suche nach einem Begräbnishelfer die Frage nach dem Leben stellt, stellt Koberidze in der Suche nach Lisa die Frage danach, was von Menschen, Orten und Gemeinschaften bleibt, wenn sie verschwinden. Auf Iraklis Reise tauchen immer wieder Fußballplätze im ländlichen Georgien auf. Einige von ihnen waren einst wirkliche Spielfelder, sind nun aber von hohem Gras überwuchert und zu Weiden für Kühe oder Pferde geworden. An anderen Orten existiert der Fußballplatz überhaupt nicht mehr. Von einem kleinen Jungen, der mit einem Ball auf seine Freunde wartet, erfährt Irakli, dass das Spielfeld zerstört wurde, um Platz für ein Hotel zu schaffen. „Aber wenn es keinen Fußballplatz gibt, wo spielt ihr dann?“, fragt Irakli. „Überall“, antwortet der Junge.
Durch diese Begegnungen kreist der Film immer wieder um sein zentrales Thema: die Abwesenheit. Lisa ist abwesend, und doch macht gerade ihre Abwesenheit sie beinahe allgegenwärtig. Auch Levan, ein Kollege Lisas, bewegt sich zwischen Anwesenheit und Unsichtbarkeit. Von Anfang an sagt uns der Erzähler, dass er zu jenen Menschen gehört, die im Film und oft auch im Leben übersehen werden. Wir hören seine Stimme und seine Schritte, sehen, wie andere mit ihm interagieren, und spüren seine Existenz ununterbrochen, obwohl wir ihn nie wirklich sehen. Ähnlich verhält es sich mit vielen Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohnern, denen Irakli begegnet. Sie sprechen, beantworten Fragen und bleiben für uns dennoch oft unsichtbar. Vielleicht sind Orte und Menschen also nicht auf ihre physische Form beschränkt. Fußball hängt in diesem Film nicht allein davon ab, ob irgendwo noch ein Spielfeld existiert. Er kann dort weiterleben, wo der Platz längst verschwunden ist, und dort fehlen, wo seine äußere Form noch erhalten scheint. Entscheidend sind vielmehr die Erinnerungen und Gemeinschaften, durch die er immer wieder neu entsteht.
Koberidzes Erzählweise ist sehr charakteristisch. Wie schon in seinem früheren Film What Do We See When We Look at the Sky? begegnen wir auch hier magischem Realismus und märchenhaften Elementen. Auch die Dialoge sind stark stilisiert und tragen zu dieser poetischen Atmosphäre bei. Anders als im vorherigen Film wirken die Dialoge in Dry Leaf stellenweise beinahe dokumentarisch genau. Besonders in den Szenen mit Dorfkindern und Einheimischen entsteht ein Moment großer Authentizität: in ihren Akzenten, ihrer Sprechweise und der scheinbar beiläufigen Art, wie sie erzählen.
Visuell ist der Film von der groben, pixeligen Bildqualität einer frühen Handykamera geprägt, da er mit einem alten Sony-Ericsson-Handy gedreht wurde. Der Kontrast zwischen dem niedrig aufgelösten Bild und dem ungewöhnlich klaren Ton schafft eine traumartige Atmosphäre, als würde der Film die Gegenwart nicht direkt zeigen, sondern sie aus der Erinnerung hervorrufen. In seiner Aufmerksamkeit für sinnliche Details erinnert Dry Leaf an Vivian Sobchacks Vorstellung des Kinos als verkörperte Erfahrung. Alexandre Koberidze richtet seine Aufmerksamkeit auf das, was das Kino so oft auslässt, obwohl gerade diese Details den Kern gelebter Erfahrung ausmachen. Ein Sonnenuntergang, dessen Licht so intensiv wirkt, dass man die Wärme der Sonne auf der Haut zu spüren meint, trockene Blätter, die man fast unter den eigenen Füßen knacken hört, oder Nebel, der sich über die Landschaft legt und die Kühle des Abends mit sich bringt erzeugen eine sensorische Dichte, die das Publikum die Welt des Films nicht nur sehen, sondern körperlich erfahren lässt.
Weil konventionelle Handlung und Dramatik im Film weitgehend abwesend sind, entsteht mehr Raum, die Welt um uns herum wahrzunehmen. Die Suche nach einer Person öffnet sich zu einer Suche nach Spuren, Empfindungen, Räumen und Formen des Zusammenseins, die über das Verschwinden hinaus bestehen. Wie Lisas Vater in ihrem letzten Brief liest: „Vielleicht hast du dieselben Orte besucht wie ich… ist das nicht auch eine Art Zusammensein?“ Vielleicht verschwindet ein Mensch oder ein Ort nicht einfach, nur weil er nicht mehr sichtbar ist. Es bleibt etwas zurück: in den Räumen, die er geprägt hat, in den Menschen, die sich erinnern, und in dem Gefühl, dass Abwesendes manchmal gegenwärtiger sein kann als das, was direkt vor uns liegt.
