Die richtige Kulisse haben sich die Planenden des Parteitages der Linken ohne Frage ausgesucht. Eine Messehalle inmitten von Babelsberg, davor eine Kopie des Ayers Rock: Rot, kolossal, unübersehbar und nicht leicht aus der Welt zu schaffen. So wie die Partei selbst? Ein Kommentar von Greta Kluge.

Draußen brennt die Sonne, drinnen ist es fast ein bisschen zu kalt. Es wäre allerdings ein Fehlschluss, dies als Metapher für das politische Klima und die Stimmung innerhalb der Linken zu deuten. Denn es ist nicht nur kalt. Es wird gelacht, es wird wild debattiert, es wird sogar ein bisschen getanzt. Es wird sich orientiert. Denn die Linke, so lässt sich mit Fug und Recht behaupten, erfindet sich gerade neu.
Was früher stark ostdeutsch geprägt war, russophil und mit den sogenannten „Silberlocken“ Überlebenskämpfe führte, ist heute vor allem jung, weiblich und westdeutsch. In den letzten Jahren hat sich die Charakteristik der Linken-Mitglieder deutlich verschoben. Das macht sich auch in den Debatten bemerkbar. Die Sitzungen ziehen sich durch kleinst detaillierte Diskussionen über Leitanträge. Während engagierte Redner für ihre Formulierung im Leitantrag kämpfen, bittet ein beratendes Vorstandsmitglied nicht selten etwas genervt darum, aus verschiedenen Gründen dagegenzustimmen.
Das geschieht stundenlang, mit Unterbrechungen durch Wahlen, Abschiede, Workshops und Pausen, praktisch das ganze Wochenende. Es mutet ein wenig nach Wochenend-Blockseminaren an. Zu viel, sich zu sehr hinziehend, arg von den älteren Genoss:innen geplant, die durch fragwürdige Musikauswahl – „Geile Zeit” von Juli – Schwung in den Laden bringen wollen.
Und nicht nur Dozierende, sondern auch ein sorgfältig geplanter Parteitag hat mit Zeitdruck zu kämpfen. Dass so wild hin und her debattiert wird, war offenbar nicht eingeplant. Den Abgeordneten, Delegierten, Kandidierenden und der Presse offenbar schon, denn die langen Tafeln, an denen die verschiedenen Regionen sitzen, biegen sich unter Snacks. Schlendert man durch die Reihen, so springt einem so manch eine Inspiration für die nächste Uni-Veranstaltung ins Auge. Hier besonders beliebt: die Wassermelone – ein Zeichen der Solidarität mit Palästina. Und auch ein wenig Spaß fehlt nicht auf der Tagesordnung – wie immer sind die Toiletten ein Ort, an dem das Allerwichtigste debattiert wird: Hier verabredet man sich noch auf ein Bier in Friedrichshain. Dort will man – wie schon am Vorabend – mindestens bis drei Uhr morgens ausharren. Es kommt einem vor wie in der Rost- und Silberlaube in der Pause von stundenlangem Rumsitzen. Das ist also auch Arbeitsteilung nach Art der Linken. Am Wochenende arbeiten, abends Bier, zwischendurch ein paar Emotionen beim Abschied für Jan van Aken. Der will als Vorbild dafür, sich selbst und andere nicht zu verheizen, jetzt auf sich und seine Gesundheit aufpassen. Vielleicht sollte auch Friedrich Merz einmal vorbeischauen auf dem Parteitag der Linken. Dann bekäme er vielleicht ein anderes Bild vom arbeitenden und studierenden Deutschland. Work-Life-Balance funktioniert bei den Linken nämlich. Und der Umgangston ist ausgesprochen freundlich – nicht nur untereinander, sondern auch gegenüber dem Land.
Gemeinsam, wenn auch nicht besonders enthusiastisch, hat sich die Partei für einen Nachfolger von Jan van Aken entschieden. Luigi Pantisano soll künftig an der Seite der in der Partei äußerst beliebten Ines Schwerdtner den Vorsitz übernehmen. Ihre 86 Prozent Zustimmung sprechen für sich. Als beobachtende Person hat man allerdings das Gefühl: Dem „Tax the Rich“-Jan kann niemand das Wasser reichen. Die vielen Umarmungen, positiven Worte, Scherze – und der sehr nach Boomer anmutende Videozusammenschnitt als Abschied sprechen dafür, dass er bitter vermisst werden wird. Vermutlich auch deshalb, weil Pantisano von der Parteispitze aufgestellt wurde. So ein „von oben herab” zu akzeptieren, liegt ja nicht unbedingt in den Genen der Linken. Was allerdings schätzungsweise stark bei allen Mitgliedern der Partei verankert ist, ist der Sinn für Politik, die Deutschland gut tut. Den Grundstein dafür hat die Partei in Potsdam gelegt, es wäre zu wünschen, dass die Stimmung, Freundlichkeit und das Engagement auch im Wahlkampf auf Bürger:innen überschwappt.

Ein sehr spannender Artikel, ich wundere mich aber über die Ost-West-Gegenüberstellung. Zum einen vermittelt sie mir als lesender Person den Eindruck, dass ostdeutsch sein hier als etwas negatives aufgeführt wird (durch die Gegenüberstellung zu jung, weiblich, westdeutsch) und es stimmt schlichtweg nicht, wenn man sich die Mitgliederzahlen der Linken bezogen auf die Einwohnerzahlen der Bundesländer anschaut. Prozentual kommen doppelt so viele Mitglieder aus Sachsen wie aus NRW (das zahlenmäßig am meisten Mitglieder stellt, allerdings auch kein Wunder bei 18.000.000 Einwohner*innen). Wenn überhaupt könnte man argumentieren, dass die Linke stärkeren Zuwachs erhalten hat in den westdeutschen Ländern.
Zudem auch Heidi Reichinnek, eine der wichtigsten Identifikationsfiguren der Linken aus Ostdeutschland kommt.