Die TU Berlin gleicht zunehmend einer Großbaustelle: Absperrbänder, Bauzäune und Warnschilder prägen derzeit das Campusleben. Viele Gebäude sind in Teilen oder komplett gesperrt. Die Infrastruktur der TU offenbart die Symptome eines strukturellen Problems. Eine Bestandsaufnahme von Victoria Hofmann zum baulichen Notstand der Berliner Hochschulen.

Am 17. Juni wurde mit dem Bergbau- und Hüttenwesen erneut ein Gebäude der TU Berlin aufgrund von Baumängeln geschlossen. Diese Schließung ist nur ein Teil einer Welle von Gebäudesperrungen und Notstandsmeldungen am Campus der TU: kurz zuvor war die Universitätsbibliothek als zentraler Ort des Lernens und Arbeitens vorübergehend von einer baulichen Sperrung betroffen. Im April wurde das Hauptgebäude der TU nach einer behördlichen Begehung geschlossen, weil Wasserschäden die Gebäudesicherheit beeinträchtigen. Daraufhin mussten 350 wöchentliche Lehrveranstaltungen zur Online-Lehre wechseln oder ausfallen. Die Folgen des Sanierungsstaus sind weitreichend: Auch das in Teilen gesperrte Mathematik-Gebäude oder das leerstehende Telefunken-Hochhaus gehören zur Liste der betroffenen Gebäude.
Drastische Einschnitte in den Studienalltag
Der Studienfachberater Friedrich Lauenstein vergleicht die aktuellen Einschränkungen im Unialltag mit den Zuständen während der Corona-Pandemie. Dass die größten Lehrveranstaltungen wieder online stattfinden, belaste insbesondere Erstsemester. „Wir verlieren den Campus als Lebensort, wenn Studierende, die ohnehin weit draußen in kleinen Wohnungen leben, nicht mehr anderthalb Stunden zur Uni fahren, weil es sich für eine Veranstaltung nicht lohnt. Gegebenenfalls brechen diese Studierenden ihr Studium ab, weil sie niemanden kennengelernt haben.“ Den größten Standortvorteil der TU sieht er in der vorherrschenden Campuskultur und den studentischen Freiräumen. Ständig für den Erhalt studentischer Kultur zu kämpfen, sei ermüdend. Seit 2021 engagiert sich Lauenstein hochschulpolitisch und aktivistisch, unter anderem im Bündnis „Campus Sanieren statt zuhause Studieren“. Ziel dieser Initiative sei es, die Öffentlichkeit auf die „peinlichen und unhaltbaren Zustände“ an der TU aufmerksam zu machen, so Lauenstein. Über aufwendige Pläne des Senats ist Lauenstein frustriert: „Es ist nicht die Zeit für Prestigeprojekte wie Olympia und NFL-Spiele, wenn die grundlegendsten Infrastrukturen zerbröseln“. Er befürchtet außerdem einen massiven Imageschaden der TU für Bewerbende und Abiturient*innen.
Nicht nur Studierende sind von den Einschränkungen betroffen: die Schließung des Hauptgebäudes betrifft neben Forschung und Lehre auch große Teile des Verwaltungsapparates. Der Wechsel ins Homeoffice wird Lauenstein zufolge durch mangelnde Digitalisierung von Verwaltungsprozessen zusätzlich erschwert. Dass die sich häufenden Schließungen von Universitätsgebäuden bei Studierenden und Mitarbeitenden mittlerweile nur noch resigniertes Kopfschütteln auslösen, zeigt, dass der Ausnahmezustand an der TU Berlin mittlerweile zum Alltag geworden ist. „Wir sind den baufälligen Zustand der Uni mittlerweile gewohnt, deswegen überraschen die regelmäßigen Gebäudesperrungen nicht“, erzählt TU-Studentin Anna Russ. „Enttäuschend ist das für uns Studierende trotzdem jedes Mal aufs Neue.“

Auch die FU betroffen
Für die Gebäude der TU wird nach Angaben der Hochschule ein Sanierungsstau von 2,4 Milliarden Euro ausgewiesen. Die Situation ist prekär und kein Einzelfall in der Berliner Hochschullandschaft. Die Freie Universität Berlin lieferte bislang zwar kaum medienwirksame Schlagzeilen hinsichtlich ihrer Infrastruktur. Doch wie die Bauabteilung bestätigt, ist die technische Ausstattung der FU Berlin „in weiten Teilen veraltet und sanierungsbedürftig“. Besonders die technische Gebäudeausrüstung der Laborbauten aus den 1960er und 1970er Jahren weise erhebliche Mängel auf. Erschwerend komme hinzu, dass der Zustand keine Reparaturen im laufenden Betrieb erlaube, sondern Grundsanierungen mit umfassenden Eingriffen in die Gebäudesubstanz erfordere. Alleine an der FU belaufen sich die Kosten zur Sanierung der Infrastruktur laut Bauabteilung auf mindestens 1,7 Milliarden Euro. Die Durchführung werde durch fehlende Haushaltsmittel zusätzlich erschwert.
Ein strukturelles Problem
Der schlechte Zustand der Berliner Bildungsinfrastruktur ist keine Folge der Misswirtschaft und gescheiterten Bauverwaltung einzelner Hochschulen. Es handelt sich vielmehr um ein strukturelles Problem, das Berliner Landesregierungen durch jahrzehntelange Sparpolitik provoziert haben. Eine unzureichende Grundfinanzierung mangels Inflationsausgleich verhindert die Instandhaltung des Status Quo bereits seit den 1970er Jahren. Im Zuge der Kürzungen von 2025 und des Bruchs der Berliner Hochschulverträge wurden zudem große Teile der Rücklagen für Gebäude und Sanierung von den Hochschulen abgeschöpft. Konsequente Unterfinanzierung und Kürzungen haben die Universitäten in die Handlungsunfähigkeit manövriert.
Um über die Kürzungen der Haushaltsmittel und die Berliner Hochschulbaugesellschaft zu informieren, hat die FU eigens eine Website eingerichtet. Wie ihr zu entnehmen ist, verfügen die elf staatlichen Hochschulen Berlins insgesamt über 460 Gebäude, die überwiegend im Zeitraum von 1960 bis 1970 erbaut wurden. Vom akuten Sanierungsbedarf sind mit 130 Objekten rund 30 Prozent der gesamten Hochschulinfrastruktur betroffen, weitere 20 Prozent der Gebäude werden als dringlich renovierungsbedürftig eingestuft. Der gesamte Investitionsbedarf für die Berliner Hochschulen wird auf über 8 Milliarden Euro geschätzt.

Hochschulbaugesellschaft als politischer Lösungsversuch
Die öffentlichen Schlagzeilen zur Schließung der TU Gebäude erhöhen den Handlungsdruck auf den Berliner Senat. Im April wurde ein Gesetzesentwurf zur Gründung einer Berliner Hochschulbaugesellschaft (BHG) beschlossen. Künftig sollen Bau, Sanierung, Instandhaltung und Gebäudemanagement der elf staatlichen Berliner Hochschulen zentral verwaltet werden. In einem Statement erkennt das Präsidium der FU den Bedarf einer zentralen Hochschulbaugesellschaft an, äußert jedoch Kritik an deren geplanter Ausgestaltung. Um zusätzliche Belastungen der Hochschulhaushalte zu verhindern, fordert das Präsidium die Verankerung vorgesehener Mietkosten für Hochschulgebäude im Landeshaushalt. Zudem warnt es vor einer pauschalen Flächenkürzung, die sich nicht an realen Bedürfnissen der Hochschulen orientiere. Unter dem Motto „Stoppt den Verfall – Hochschulen brauchen Räume, keine Privatisierung“ wenden sich Wissenschaftler*innen der FU, HU und TU in einem offenen Protestbrief an Wissenschaftssenatorin Ina Czyborra. Eine zentrale Übernahme der universitären Liegenschaften mit anschließender Rückmietung könnte nicht nur in die Hochschulautonomie eingreifen, sondern gleichzeitig ein finanzielles, bürokratisches und sicherheitstechnisches Risiko darstellen.
Um die Frage nach der richtigen Lösungsstrategie hat sich eine hitzige Debatte gespannt. Der Protestbrief formuliert die Hoffnung, dass die jüngsten Ereignisse einen Weckruf darstellen und in zeitnahen effektiven Maßnahmen resultieren. Aktuell sei die ambitionierte Vision des Senats vom Wissenschaftsstandort Berlin als „erste Adresse für Forschende in Europa” unvereinbar mit den tatsächlichen Bedingungen. Die protestierenden Wissenschaftler*innen erwarten eine „ehrliche Antwort auf den Sanierungsstau” und fordern: „Bauen Sie mit uns, statt gegen uns!”.
