
Schon vor dem deutschen Kinostart drehte der am 25. Juni veröffentlichte Film „Obsession“ in den sozialen Medien seine Runden. Jasmin Pflugradt hat sich ins Kino locken und mit Begeisterung gruseln lassen.
Liebe auf Wish bestellt
Die Ausgangssituation ist einfach erklärt: Bear ist in seine Kollegin und alte Schulkameradin Nikki verliebt. Er versucht zwar, ihr seine Gefühle zu gestehen, kann aber nicht genug Mut aufbringen. Mithilfe eines sogenannten „One Wish Willow“, einer Art Spielzeug, wünscht er sich, dass sie ihn mehr als alles andere auf der Welt liebt. Entgegen seiner Erwartung wird ihm genau dieser Wunsch augenblicklich erfüllt – mit fatalen Folgen für alle Beteiligten.
Nach seinem Wunsch liebt Nikki Bear augenscheinlich: und zwar so, so, so, so sehr, dass sie unablässig an seiner Seite sein möchte. Doch diese „Liebe“ wird ihr durch Bears Wunsch aufgezwungen, was mit der Zeit immer deutlicher wird. Während man der echten Nikki zusieht, wie sie auf schockierende Weise gegen die ihr auferlegte Realität kämpft, fragt man sich eines: Was zur Hölle stimmt nicht mit Bear? Denn er sieht über jede von Nikkis verstörenden Taten und ihr bis zur Selbstverletzung reichendes Verhalten hinweg, nur um mit ihr zusammen sein zu können.
Horror ist politisch
Horror besteht nicht nur aus Killern, Monstern, paranormalen Aktivitäten oder Gore, sondern macht unangenehme und komplexe Thematiken in abgestecktem Rahmen erfahrbar. Wichtig ist hierbei, aus wessen Perspektive erzählt wird. So schildert beispielsweise „Get Out“ (2017) auf Rassismus beruhenden Horror aus der Sicht Schwarzer Menschen. In „The Substance“ (2024) sieht man sich mit Body Horror konfrontiert, der als kritischer Kommentar bezüglich der patriarchalen Abscheu vor alternden Frauen und ihren Körpern zu verstehen ist.
Ob Film oder Literatur – Horror ist politisch. Obwohl das Genre gesellschaftspolitische Ängste widerspiegelt, wird es häufig unter- und geringgeschätzt. Gemessen an der weltweit höchsten Filmauszeichnung, dem Oscar, schneiden Horrorfilme trotz zahlreicher Nominierungen verhältnismäßig schlecht ab: Nur „The Silence of the Lambs“ (1991) gewann als einziger Film in der prestigeträchtigsten Kategorie „Bester Film“.
Dass Männer ungeachtet des Willens der Frau alles daran setzen, um mit dem Ziel ihrer Begierde zusammen zu sein, hat man auch schon in anderen Filmen gesehen. Etwa in „Companion“ (2025) oder „Don’t Worry Darling“ (2022), welche zwar eher unter dem Thriller-Genre zu verorten, aufgrund der ähnlichen Thematik dennoch erwähnenswert sind.
Das Patriarchat – eines der größten Grauen
Welcher Art von Horror man sich in „Obsession“ gegenübersieht, ist spätestens dann unverkennbar, als Bear die echte Nikki fragt, ob es denn „so schlimm“ sei, mit ihm zusammen zu sein. Dies wohlgemerkt, nachdem sie ihn anfleht, ihrem Leben ein Ende zu bereiten.
Dem Regisseur und Drehbuchautor des Films, Curry Barker, ist es wichtig zu betonen, dass Nikki nicht von einer Entität besessen ist, sondern von Bear – und das hat ganz allein er zu verantworten. Hätte eine höhere, bösartige Macht von Nikki Besitz ergriffen, könnte er sich der Verantwortung entziehen. Zwar konnte Bear nicht mit der erzwungenen Erfüllung seines Wunsches rechnen, allerdings bleibt er für alles verantwortlich, was daraufhin folgt. Dass er Nikki nicht liebt, zeigt sich darin, dass ihm das Bewahren seines Image mehr Sorgen bereitet als ihr selbstverletzendes Verhalten. Sein Wunsch ist ihm wichtiger als Nikkis Autonomie, ihr Wohlergehen und ihr Leben. Der springende Punkt dabei: Bear wird oberflächlich betrachtet als harmloser und freundlicher Typ inszeniert, der einfach nur zu schüchtern ist, um seine Gefühle zu verstehen. Ein klassischer „Nice Guy“ eben. Bei genauerem Hinsehen ist jedoch schnell klar, was unter der Oberfläche brodelt: ein Mann, dem sein eigenes Interesse wichtiger ist als alles andere.
Trotz einer Gänsehaut erregenden Atmosphäre schafft es der Film, mit sparsam eingesetztem Humor zu glänzen, besonders durch das tragikomische Ende. Was den Film neben der fesselnden Handlung und einer durchweg grandiosen schauspielerischen Leistung außerdem bemerkenswert macht: die Tatsache, dass er mit einem Budget von nur 750.000 US-Dollar produziert wurde. Durch „Obsession“ wird hoffentlich das Potential des Horrorgenres erkannt, sodass wir auf weitere unterhaltsame Filme mit gesellschaftspolitischen Kommentaren hoffen dürfen.
