Sisterhood und Schubladen

Als Frau* andere Frauen runterzumachen, ist out! Doch der Trend vom Girl’s Girl verwickelt sich in Widersprüche. Was, wenn aus der Idee des Zusammenhalts nur ein weiterer Verhaltenskodex für Frauen wird? Eliza Lilija Beuster kommentiert die Internet-Frauenbewegung kritisch aber auch hoffnungsvoll.

*jede Person, die sich damit identifiziert, ist gemeint 

Foto: Eliza L. Beuster

Das Girl, das dir auf dem Klo im Club ihren Lippenstift leiht. Das Girl, das auf der Party das gleiche Oberteil trägt wie du und dir dafür ein Kompliment gibt. Das Girl, das aufhört, mit dem süßen Jungen zu flirten, als sie herausfindet, dass er dein Ex ist – all diese Frauen sind Girl’s Girls.

Während es auf Social Media unzählige Regeln gibt, wer ein Girl’s Girl ist, ist der Kern der Sache eigentlich simpel: Ein Girl’s Girl ist eine Frau, die für andere Frauen nur das Beste möchte, frei von misogynen und egoistischen Intentionen. Im Mittelpunkt steht eine tiefe Verbundenheit, die aus gemeinsamen Diskriminierungserfahrungen entsteht. Sie richtet den Blick weg von gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen und stellt die Vorstellung infrage, ihr Wert hänge von männlicher Aufmerksamkeit oder Bestätigung ab. Stattdessen wird jede in ihrer Individualität unterstützt. Daraus kann ein Gefühl von Solidarität entstehen. Deshalb fallen im Zusammenhang mit dem Trend häufig Begriffe wie »Girls support Girls« oder »Sisterhood«. Nach dem Pick me Girl-Trend, bei dem patriarchale Denkmuster fortgeführt wurden, scheint das Girl’s Girl eine erfrischende Abwechslung zu sein. 

Leider unterliegt der Trend den Regeln des Internets. Man rutscht gerne in die Kategorisierung: Entweder bist du ein Girl’s Girl oder du bist keins. Regeln über das Mädchen- oder Frausein gibt es jedoch schon länger. Der »Girl Code« etablierte sich in den 2000ern, damals vor allem im Freundeskreis, mit klaren Regeln wie: Der Ex ist tabu. Verständlich und individuell, aber eben oft auch pauschal männlich und hetero-normativ geprägt. So versucht sich der Girl’s Girl Trend von dem zu lösen. Und dennoch: ein Girl’s Girl bleiben manche dann auch nur, solange den Regeln gefolgt wird. Die Identität bildet sich über die Girl’s Girl-Community, zu der man dazugehört oder eben nicht. Beim kleinsten Fehlverhalten wird man von ihr verstoßen und von den sogenannten Girl’s Girls teilweise sogar auf misogyne Art beschimpft. 

Der Trend weckt trotzdem Hoffnung bei vielen Frauen. Dass er denselben Mechanismen von Bewertung und Ausgrenzung unterliegt wie andere Internet-Trends, liegt wohl weniger am Konzept selbst als am digitalen Raum. Aus einer Idee der Solidarität wird schnell ein leicht verdauliches Regelwerk. Jede Frau, die online sichtbar wird, lässt sich scheinbar mühelos in die eine oder andere Kategorie einordnen. Auch hier zeigen sich die patriarchalen Wurzeln, Frauen besonders kritisch zu bewerten.

Der Trend verfolgt die richtige Intention. Doch um wirklich solidarisch zu sein, müssen wir verstehen, dass wir alle in einer misogyn geprägten Gesellschaft aufgewachsen sind und nicht alle am selben Punkt stehen. Darin liegt für mich die Hoffnung dieses Trends: in der Bemühung, einander zu verstehen und gemeinsam zu reflektieren.

Ein Girl’s Girl zu sein sollte nicht als feste Schublade, sondern als ein Prozess verstanden werden. Besonders hoffnungsvoll stimmt mich, wie er bei jungen Frauen Anklang findet. Wenn ich sehe, wie solidarisch sich viele Teenager*innen in der Kommentarspalte zeigen, frage ich mich manchmal, wie es gewesen wäre, in diesem Umfeld aufzuwachsen, statt mit Not like other girls Memes. 

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