Film ab! Im Lichtblick

Welche Rolle spielen unabhängige Programmkinos in einer Zeit, in der sich alles streamen lässt? Ida Weise gibt einen Einblick in den Charme und die Resilienz eines dieser Kinos.

Foto: Ida Weise

Der Saal verdunkelt sich, die Vorhänge rasten mit einem kleinen Surren ein und das Publikum lehnt sich sanft zurück. Die Quelle der nächsten zwei Bildstunden steht hinter einem kleinen viereckigen Fenster und fängt an, ihre Lichtkegel zu werfen. Dieser Lichtstrahl aus dem Filmprojektor war namensgebend für das Lichtblick-Kino im Prenzlauer Berg, wie Elisa Rosi, Programmchefin und Geschäftsführerin, erzählt. Seit 1998 flimmern hier im ältesten Haus des Kiez, der Kastanienallee 77, Filme über die Leinwand. Doch auch die jüngere Geschichte der Nummer 77 hat es in sich: Nach der Wende war das Haus kurzzeitig besetzt, bis es 1991 als selbstverwaltetes Hausprojekt legalisiert wurde. In diesem Umfeld gründete sich der Verein, der später in den ehemaligen Wohn- und Verkaufsräumen eines Metzgers das Lichtblick-Kino unterbrachte. Die Geschichte des Ortes ist heute noch deutlich zu spüren. Sei es auf den Eckbänken im Eingangsbereich oder beim Durchgang in den Vorstellungsraum, der mit seinen 32 blauen Sitzen zu den kleinsten Kinosälen Berlins gehört.  

Nicht nur Popcorn-Kino

Das Lichtblick ist eines von sechs bestehenden Kinos im Prenzlauer Berg und von knapp 90 in der ganzen Stadt. Berlin ist somit die Kinohaupstadt des deutschsprachigen Raumes. Mit einer einzigartig hohen Zahl von über 40 Arthouse-, Indie- und Nischenkinos.  Diese Vielfalt ist auch ein Überbleibsel der 1920er Jahre, als Berlin über 300 Filmtheater zählte. Gerade in diesen geschichtsträchtigen Kinosälen fühlen sich Filme aus vergangenen Epochen besonders nah an. »Es ist ein kleiner Ort, wenn du willst, auch eine Erweiterung des eigenen Wohnzimmers«, sagt Elisa Rosi. Kuratierung und nicht einfach das Abspielen sei es, was die Leute trotz Streaming-Realität noch in kleine Kinos treibt. Einst als Kollektiv gegründet, sei das Lichtblick heute immer noch frei von Hierarchien. So werde auch das Programm von allen mitentschieden, oder ganze Filmreihen von Elisas Kolleg*innen organisiert. Und vielfältige Programmkinos wie dieses sind ihrer Meinung nach wichtig, damit  »jüngere Leute nicht nur mit Popcorn im Kino aufwachsen«. Das Programm des Lichtblick mischt Klassiker (Casablanca jeden Samstag!), dokumentarische Kurzfilme, Arthouse und politisches Kino. Rosi betont, dass es ihr wichtig sei, regelmäßig Produzent*innen, Regisseur*innen und Mitwirkende der gezeigten Filme in den Dialog mit dem Publikum treten zu lassen.  Das Selbstverständnis des Kinos ist seit seinen Anfängen auch geprägt davon, eine politische Bühne zu schaffen und Botschaften, die das Publikum erreichen sollen, eine Plattform zu geben. »Es ist so toll, diese Filme und diese Gespräche im Kino zu haben. Auch zur Konfrontation zu kommen.« Ein besonderer Publikumserfolg ist aus Elisa Rosis persönlichem Wunsch entstanden, den französischen Neo-Klassiker La Haine einmal auf der Leinwand zu sehen. Dessen Portrait grauer Vorstädte und Polizeigewalt zeigte sich überaus aktuell: »Die Vorstellungen waren dann plötzlich alle ausverkauft.«, erzählt Elisa. Stolz schwingt in ihrer Stimme mit, als sie fortfährt, dass der Film ein Jahr später immer noch regelmäßig läuft.

Weiter so?

Aber wie steht es um diesen geschützten Raum des Kinos? Vor allem, wenn er nicht besonders groß ist und von keinem deutschlandweiten Cine-Konzern finanziert wird? Die Kürzungen der Kulturausgaben machen auch der Berliner Kinoszene zu schaffen. 110 Millionen Euro Einsparungen treffen, indirekter als anderswo, kleine Programm- und Kiez-Kinos, die mit weniger Fördergeldern auskommen müssen. Das merken Besucher*innen spätestens an der ein oder anderen Kinokasse. Rosi spricht im Bezug dazu über die Gradwanderung von Kinos zwischen Kulturstätten und kommerziellem Betrieb: »Ohne finanzielle Unterstützung können Kulturbetriebe nicht überleben. Es ist einfach so. Ich will kein Ticket für 50 Euro verkaufen, damit sich überhaupt das Kino trägt.«. Die Auswirkungen für das Lichtblick werden langsam spürbar. Um dem Kino genau jetzt unter die Arme zu greifen, hat sich 2026 ein Förderverein gegründet. Zwischen allen finanziellen Unsicherheiten verzeichneten Kinobesuche 2025 trotzdem einen Aufwärtstrend. Auf Social Media findet eine Renaissance à la »baddies are keeping the movie industry alive« statt und mit der App Letterboxd werden alle ein bisschen zu Filmkritiker*innen. Es scheint eine Gen Z Bewegung hin zu Film als Erlebnis zu geben, vielleicht als Pause von reizüberfluteten Streaming Plattform-Feeds. Und auch das bestätigt Elisa Rosi: Nach der Corona-Pandemie sei man einem neuen, verjüngten Publikum begegnet, »und zwar ohne wesentliche Änderungen  des Programms«. Hat das Lichtblick also noch Hoffnung für die Zukunft? Elisa Rosi sagt, dass die Ungewissheit eine Konstante ihrer Arbeit sei. »Ich denke, wir hatten nie etwas Stabiles. Wir haben immer dieses Bewusstsein, dass es etwas Prekäres ist, das wir aufbewahren müssen. Und so gehen wir weiter.«

Kleine Kinos bereichern die Stadt. Dafür brauchen sie Unterstützung, so viel ist sicher. Was sie aber vor allem benötigen, sind Besucher*innen! Und der beste Grund für einen Kinobesuch ist wohl das uralte Klischee-Gefühl nach einem guten Film, das das Straßengeschehen ganz unwirklich erscheinen lässt. Auch, wenn es warme Sommernächte sind, in die man hineintritt.

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