Stress auf der Arbeit, Familiendrama, eine neue Partnerschaft – Ereignisse mehrerer Wochen oder Monate, eingequetscht in wenige Stunden bei einem Treffen im Café. Catch-Ups machen einen großen Teil unserer Freundschaften aus. Dabei sollten wir Freund*innen viel mehr Zeit und Wertschätzung einräumen.

Wie wichtig Freund*innen für die Gesundheit und das persönliche Wohlbefinden sind, ist laut Psychologieprofessor Markus Heinrichs durch verschiedene Studien belegt worden: Stabile Freundschaften verbessern die Lebensqualität und tragen zu einem längeren Leben bei. Wer ein gefestigtes soziales Netzwerk hat, ist nicht nur besser vor Einsamkeit geschützt, sondern erholt sich auch schneller von schweren Krankheiten. Immer mehr Beiträge im Internet plädieren dafür, Freundschaften die gleiche Bedeutung beizumessen wie familiären und Paarbeziehungen.
Wie können wir Freundschaften pflegen?
Konkret kann das bedeuten, dass man Freund*innen bewusst ins Leben einbindet und aktiv daran teilhaben lässt, zum Beispiel indem man gemeinsam neue Dinge erlebt und Erinnerungen schafft, anstatt sich alle paar Monate bei Catch-Ups über die wichtigsten vergangenen Geschehnisse auszutauschen. Dafür muss man kein außergewöhnliches oder kostspieliges Event planen, wie den Besuch einer Alpakafarm oder einen Töpferkurs. Schon alltägliche Dinge – gemeinsam den Wocheneinkauf erledigen, sich gegenseitig zu wichtigen Terminen begleiten oder zusammen Sport machen – können reichen. Feste Rituale, wie ein regelmäßiges monatliches Treffen zu einem Spiele- oder Kochabend oder das Zelebrieren eines besonderen Tages, helfen dabei, Freundschaften zu priorisieren. Auch verbale Wertschätzung oder kleine Erinnerungen in Form von »Hierbei musste ich an dich denken« können für ein Gefühl von Nähe sorgen.
Darüber hinaus sollte auch in Freundschaften über Bedürfnisse und Erwartungen gesprochen werden. So kann Missverständnissen, beispielsweise bei sehr unterschiedlichen Kommunikationsstilen, vorgebeugt werden. Gleichzeitig ist es wichtig, Konflikte in Freundschaften nicht als etwas grundsätzlich Negatives zu betrachten, sondern das Potenzial und eine Form der Wertschätzung darin zu erkennen. Der Verlust einer Freundschaft ist ein Schmerz, den fast jede*r kennt, über den aber kaum gesprochen wird und der medial bislang wenig Aufmerksamkeit erhält. Viele freundschaftliche Beziehungen enden häufig, ohne dass dem ein Streit vorausgegangen ist. Umso wichtiger ist es, Konflikte nicht zu scheuen und konstruktiv streiten zu können, sodass Enttäuschungen nicht herumgetragen werden, bis sie zu einem Groll auswachsen, der darin resultiert, dass die Freundschaft im Sande verläuft.
Und wer sagt, dass ich mich nach einem Friendship-Break-Up nicht wochenlang im Bett verkriechen und dabei tonnenweise Eis aus dem Becher löffeln will? Freundschaften einen höheren Stellenwert einzuräumen bedeutet auch, Raum zu ermöglichen, um ein Freundschaftsende betrauern und verarbeiten zu können.
Was außerdem wichtig ist: präsent sein, wenn es unbequem ist. Der Umzug einer Freundin findet bei 32 Grad und wolkenlosem Himmel statt? Hilf ihr. Eine befreundete Person muss zu einem Gerichtstermin, der anderthalb Stunden von dir entfernt liegt? Begleite sie. Dein Freund hat abends einen wichtigen Auftritt, aber du musst frühmorgens arbeiten? Geh trotzdem hin. Echte Verbindungen erfordern auch Arbeit.
Freundschaften sollten unbeschwert sein, ja, aber sie sollten es auch aushalten können, wenn es mal »unbequem« ist. Denn genau dadurch entsteht eine tiefere Bindung – indem Spannungen ausgehalten und bewältigt werden und indem man füreinander da ist, gerade dann, wenn es einem viel abverlangt.
Nicht jede Freundschaft erreicht diese Tiefe. Das braucht es auch gar nicht, denn eine Freundschaft kann verschiedene Formen annehmen und eher zweckorientiert sein oder ausschließlich dem Vergnügen dienen, zum Beispiel bei Ausgeh-Freundschaften.
Freundschaft ist eine besondere Form der Liebe
Im Vergleich zu hierarchischen und erzwungenen Beziehungskonstellationen, wie man sie im Arbeitskontext oder in der Familie vorfindet, bietet Freundschaft die Freiheit, seine Freund*innen wählen zu können. Wir erhalten nicht nur die Möglichkeit, uns gegenseitig zu inspirieren, voneinander zu lernen und gemeinsam zu wachsen, sondern auch unsere Unterschiede zu zelebrieren, anstatt uns daran zu stören.
Es ist an der Zeit, unsere Freundschaften mehr zu priorisieren und ihnen die Bedeutung beizumessen, die ihnen wirklich innewohnt. Sie sind keine nette Ergänzung zu der Beziehung zu festen Partner*innen, sondern enthalten vielmehr das Potenzial für enge Beziehungen außerhalb eines familiären Kontextes, denn anders als die (Kern)Familie sind sie nicht durch die Ehe institutionalisiert und kirchlich geprägt. Du möchtest ein Kind ohne Partner*in und stattdessen mit einem*r Freund*in großziehen? Warum nicht. Die Freundin zum nächsten Familientreffen mitnehmen? Unbedingt.
Freundschaft ist keine Randerscheinung in unserem Leben – sie ist der Mittelpunkt! Lasst sie uns auch so behandeln.
