In einem Gespräch mit Emma Dodt spricht Bestseller-Autorin Eva Pramschüfer darüber, was Social Media für den Einstieg in die Buchbranche, aber auch für die Person hinter dem Roman bedeutet.

Eva Pramschüfer ist Journalistin, Autorin und Content Creatorin. Ihr Debüt Weisser Sommer erschien im April 2026, landete auf der SPIEGEL-Bestsellerliste und begeistert Feuilleton, Booktoker:innen und Leser:innnen. Ihren Schreibprozess, Rezensionen und ihre Liebe zur Literatur teilt sie seit 2023 mit mittlerweile 27.000 Leuten auf TikTok und auf YouTube.
Furios: In einem Video erzählst du, dass dir eine Agentur dazu geraten hatte, Social Media aufzubauen. War das also nicht unbedingt deine Idee, sondern ein Impuls von außen?
Eva: Ich habe davor schon immer mal wieder damit geliebäugelt und mich dann aber einfach zu doll geschämt. Dann hatte ich einen finalen Push von außen, für den ich total dankbar bin. Ich hatte Lust, mich mit Leuten zu connecten über Literatur. Aber ich hatte auch den Hintergedanken von einem Vermarktungstool, wo ich mir eine Unabhängigkeit von Marketingabteilungen von Verlagen aufbauen kann. So kann ich direkt zu Leuten sprechen, die potenziell Interesse an meinem Buch haben. Und dann hat es mir noch wahnsinnig Spaß gemacht.
Furios: Wie sehr gehören für dich Social Media und das Autorinsein zusammen?
Eva: Was vielleicht ein bisschen untergeht, ist, dass mein Wunsch, ein Buch zu schreiben, zuerst da war und dann Social Media entstanden ist. Dadurch, dass dann mein Schreibprozess und Social Media parallel abgelaufen sind, war das für mich schon sehr eng verknüpft. Es war für mich ein Ausgleich zu diesem sehr einsamen Schreiben und eine Art, mit Leuten in Verbindung zu bleiben. Aber es gibt auch Punkte, an denen ich ganz klar eine Grenze gezogen habe. Ich habe nie gewollt, dass sich Meinungen von meinem Publikum in meinen Text reinschreiben. Und wenn meine Tätigkeit bei Social Media meine Zeit oder mein Schreiben eingeschränkt hat, habe ich das immer hinten angestellt.
Furios: Hat deine Social Media Präsenz bei den Verlagen dann eine Rolle gespielt?
Eva: Das ist eine gute Frage. Ich hatte ein Gespräch mit meiner Lektorin und die hat damals gesagt, Eva, du hättest auch eine Millionen-Follower haben können, wenn dein Text nichts gewesen wäre, dann könnten wir auch nichts damit anfangen. Ich glaube, dass es vor allem im literarischen Bereich keine Rolle spielt und eher als netter Bonus angesehen wird. Ich glaube nicht, dass dir eine große Follower:innenschaft einen Verlagsvertrag bringt. Im Bereich Unterhaltungsliteratur kann das auch nochmal anders sein. Ich konnte durch Social Media aber in der Literaturwelt Kontakte knüpfen. Ich wurde als Moderatorin eingeladen und habe Leute aus der Branche kennengelernt. Wenn man ein Gesicht kennt und dann irgendwann ein Manuskript reinflattert, dann hast du dadurch vielleicht einen Bonus. Ich habe aber die Vermutung, dass der Literaturbetrieb so genau hinschaut, dass am Ende trotzdem die Qualität zählt.
Furios: Die größte Angst, die man als Autor*in hat, ist, dass niemand das Buch liest. Hat es dir mehr Druck gemacht oder Druck genommen zu wissen, dass zumindest deine Follower:innen das Buch lesen werden?
Eva: Beides. Es hat mir insofern Angst genommen, weil ich wusste, dass Leute sich freuen auf dieses Buch, bevor sie überhaupt wussten, wovon es handelt. Das ist so ein Privileg und ein Vertrauensvorschuss gewesen, der meine Nerven ein bisschen beruhigt. Gleichzeitig hat es mir schon Druck gemacht, weil ich die hohen Erwartungen natürlich auch nicht enttäuschen wollte.
Furios: Denkst du, dass du vor zehn Jahren ohne Social Media mit weniger Meinungen konfrontiert gewesen wärst? Macht es dir auch Druck, jetzt, wo das Buch draußen ist, mit so vielen Meinungen konfrontiert zu sein?
Eva: Früher wäre es bestimmt anders gewesen, aber ich stelle mir vor, dass es nicht weniger schmerzhaft ist, weil dann die Stimmen aus der Presse natürlich schwerer wiegen. Wenn du dann einen Verriss in einem Leitmedium bekommst und das eine der wenigen Stimmen ist, die du hörst, dann tut das mehr weh. Ich glaube, dass es anders gewesen ist, aber als Autor*in nicht weniger nervenaufreibend. Man sollte meinen, dass ich schon gelernt habe, dass sich Leute eine Meinung zu einem bilden. Aber dann kommt die Facette hinzu, dass du etwas kreiert hast und das kritisiert zu sehen, ist nochmal eine andere Art. Es gibt natürlich auch so schöne Momente: Leute, vor allem bei Lesungen, die mir sagen, was ihnen das Buch bedeutet hat. Diesen Austausch würde ich niemals missen wollen.
Furios: Hast du das Gefühl, du musst schnell etwas Neues rausbringen?
Eva: Ich verspüre weniger den Zeitdruck als den Druck, dass es gut wird. Ich hatte das Glück, dass es sehr positiv angenommen wurde. Ich bin auf der Bestsellerliste gelandet, was absolut surreal ist. Natürlich empfinde ich den Druck, dem gerecht zu werden, darauf aufzubauen. Ich möchte nicht noch mal dasselbe schreiben.
Furios: Achtest du darauf, wie du dich präsentierst? Hat sich das auch verändert?
Eva: Am Anfang habe ich ein bisschen mehr ausprobiert, weil ich mir dachte, da gucken ja nur 200 Leute zu. Seit der Veröffentlichung hat sich das dadurch verändert, dass Leute für Artikel über mich oder Rezensionen natürlich eine Recherche machen. Wenn sie mich googlen, stoßen sie auf meine Social-Media-Kanäle. Viele Journalist:innen erwähnen das einfach als Information, aber es wurde ab und an benutzt, um das zu schmälern, was ich gemacht habe. Da hat sich eine kleine Unsicherheit aufgetan. Ist das etwas, was meiner Position in dieser doch manchmal versnobten Literaturwelt schadet? Aber wenn jemand mich darauf reduziert und nicht sieht, dass ich auch Journalistin und Autorin bin, dann ist das nicht mein Problem. Es sind auch nicht die überwiegenden Stimmen gewesen, nur ein paar Leute, die gerne in Schubladen denken. Wenn man in mehreren Boxen gleichzeitig ist, verwirrt es Leute gerne, weil sie nicht so schnell einordnen können. Es ist so schade, dass dann unser Gehirn die positiven Stimmen weniger hört als die eine negative Meinung.
Furios: Du meintest vorhin, dass man keinen Vertrag angeboten bekommt, nur weil man auf Social Media bekannt ist. Welche Rolle kann es aber deiner Meinung nach spielen?
Eva: Ich will nicht ausschließen, dass es nicht Fälle gibt, in denen Verlage eine große Follower:innenschaft riechen und einen Buchvertrag bieten. Ich glaube, dass es weniger oft in der Literatur passiert und öfter in Bereichen Sachbücher oder Unterhaltungsliteratur. Unterm Strich ist es trotzdem eher positiv, weil jede Person, die folgt, ein:e potenzielle:r Käufer:in von dem Buch sein könnte. Mir ist an der Stelle aber auch wichtig zu sagen, dass es eine krasse Chance ist, weil wir als Schreibende eine Macht haben, die wir davor nicht hatten. Wir können, wenn wir Lust und die Kapazitäten haben, direkt mit den Menschen sprechen, die unsere Produkte konsumieren. Damit lastet auch noch mehr Druck auf den Autor:innen. Vor 10, 15, 20 Jahren konntest du einfach nur schreiben und that’s it. Die Vermarktung war die Verantwortung vom Verlag und jetzt wird das langsam ausgelagert auf die Schreibenden. Nicht jede Person hat Lust, vor der Kamera zu sein. Es gibt Leute, die einfach nur schreiben wollen. Das habe ich auch ab und an. Trotzdem ist das natürlich eine angenehme Position, aus der ich das kritisiere, weil es bei mir geklappt hat.
Furios: Wird die Branche so auch zugänglicher?
Eva: Voll. Das ist wieder die positive Kehrseite. Jede Person, die ein Handy, einen Internetzugang und eine Leidenschaft hat, kann ihre Passion teilen. Wie toll ist das? Du musst nicht Literatur studiert haben und 20 unbezahlte Praktika gemacht haben, um irgendwann an diesem Punkt anzukommen. Es sind eben nicht nur die Leute, die sich diese Branche leisten können, sei es Literatur oder Kunst generell. Sondern Leute, die es nicht unbedingt können und dann eine andere Perspektive in diese immer noch sehr elitäre Bubble reinbringen. Mit anderen sozialen Hintergründen, anderen Hautfarben, anderen Sexualitäten. Bei diesen Hürden kann Social Media helfen, die Stimmen hochzuheben und zu supporten, die gehört werden sollten. Das ist einfach ein Gegenpol zu den wenigen Verlagshäusern, die entscheiden, welche Bücher gemacht werden. Wenn da viele Stimmen sind im Internet, die sagen, wir wollen aber das lesen, dann müssen die da oben auch irgendwann hinhören. Und da sehe ich einen großen Pluspunkt, den Social Media hat, den man auch nicht verkennen darf.
