Porträt einer Macherin

Mashallah, Jugendsprache ist eine 12/10, vertrau. Ein Yap von Greta Kluge über ihre Aura und wie taff sie ist.

Illustration: Greta Kluge

Es ist 2016: Ich sitze mit meinen Schulfreund*innen auf Tischtennisplatten – wir befinden uns in diesem fiesen Zwischenraum zwischen Englisch und Mathe. Aus Frust inhalieren wir buchstäblich diese kleinen grünen Pringles-Dosen. Und da dachte ich mir, ich könnte ja auch endlich einen Schritt auf sie zu gehen, die Jugendsprache. Schon lange war sie damals fester Bestandteil unserer Freundesgruppe. Und so purzelte es aus mir heraus: »YOLO, ich bin eigentlich schon satt digga, aber die ballern anders, gönn mir mal noch einen«. Just in dem Moment fühlte ich mich bodenlos albern. Sie gab mir einen solchen Ick, dass ich ihr noch vor Mathe die Freundschaft gekündigt habe und mir geschworen habe, mich nie wieder mit ihr abzugeben. 

Das spielte meiner Familie in die Karten. Meine Kurzzeit-BFF war bei ihnen verpönt, sie hatten mich vor ihr gewarnt, meinten, ich solle mich lieber mit der braven, hübschen »Hochdeutsch«  abgeben. Die Jugendsprache war ihnen zu atzig, zu fotzig. Als allgemeiner Soziolekt, der sich durch wechselnde Neologismen, Anglizismen und bewusste Abgrenzung zur »Erwachsenensprache« definiert, war sie ihnen offensichtlich suspekt.  Doch so langsam, meine Zeit schwindet, dass ich für sie interessant bin, will ich ihr habibi sein. Nicht die Karen, die grundlos über sie rantet. Denn ich weiß: Je älter man wird, desto weniger lässt sie sich auf eine Freundschaft ein. Wenn ich sie heutzutage so betrachte, dann hat sie das gewisse Etwas. Sie wirkt auf den ersten Blick wie jemand, der taggt, manchmal ein bisschen zu viel von allem konsumiert und das Leben in vollen Zügen genießt. Sie ist auf jeden Fall Type B.

Was einer Freundschaft allerdings eher abträglich ist, ist, dass sie sich oft verändert. Schillernd und glitzernd wie sie ist, erfindet sie sich andauernd neu, schmückt sich mit neuen Worten, und auch grammatikalischen Umstrukturierungen geht sie keinesfalls aus dem Weg. So ist sie beliebt bei Jüngeren; Ältere, die sich nach Gewohnheit sehnen, betrachten sie oft abschätzig. Mein Eindruck ist, dass bei ihren Freund*innen irgendwann eine Angst aufkommt, sie lasse sie fallen und alt und vergilbt aussehen. Denn sobald sich jemand nur der scheinbaren »Coolness« wegen ihrer bemüht, gibt sie side eye und lässt einen ganz schnell lost aussehen. Sie ist dann schon längst einen Schritt weiter. Zwar ist sie selber schon wahnsinnig alt, aber in Anti-Aging ist sie baba.

Schaut man sich ihre Biographie an, stellt man erstaunt fest, dass sie um die Studierendenproteste im 19. Jahrhundert herum geboren wurde. In der Nachkriegsgeneration, überwand sie mit ihren Zeitgenoss*innen durch ihre ironische Art  Traumata. Sie passt sich den Gegebenheiten der Zeit und der Menschen an. Denn, wenn sie damals, nach dem Krieg etwas gut fand, war es bombastisch, während der Woodstock-Jahre wiederum, fand sie gute Sachen groovy. Fortwährend existierten Vorwürfe ihr gegenüber, dass sie ihren Unc, das Hochdeutsch, nicht mehr wertschätze. Der Fokus der Spötteleien heutzutage liegt darauf, dass sie sich durch internationale und queere, genderneutrale und digitale Kräfte beeinflussen ließe. Hinter all den Vorwürfen jongliert sie allerdings virtuos mit Worten und Grammatik.  Vor ihrer Zeit wurde das dem Standarddeutsch durchaus als Zeichen von Bildung und Originalität angerechnet. Lange galt es als Zeichen der Aristokratie, durch Reisen Einflüsse aus anderen Sprachen in die eigene zu verweben. Man nutzte Fremdsprachen, um Schicht, Bildung und Geld anzuzeigen. Zu Zeiten Luthers war es Latein, dass in gehobener Gesellschaft ins Deutsche eingestreut wurde. Im 17. bis 19. Jahrhundert gab es eine starke französische Prägung. Heute werden arabischen, englischen oder türkischen Liebhaber der Jugendsprache verteufelt. Das sind in Zeiten des Rechtsrucks in Deutschland offensichtlich eher unerwünschte Schwiegersöhne.

Tatsächlich haben ihre Stecher aber zahlreiche green flagsWallah, sie haben ihr viel beigebracht. Es sind grammatikalisch durchaus regelhafte komplexe Erweiterungen, mit denen sie sich jetzt rühmen kann. Sie gibt sich dann auf einmal ganz akademisch, wenn sie Beispiele dafür nennt, was sie sich da ausgedacht hat. »Voll« in Kombination mit definiten Nominalphrasen (»voll die kluge Frau«) ist ein gängiges Ding geworden, was nun ihretwegen auch in Fachkreisen debattiert wird. Ganz mysteriös gibt sie sich auch mit ihren V3 Sätzen. Hier steht vor dem finiten Teil des Verbs mehr als ein Element: »heute ich habe FURIOS auf Insta gefolgt«. In diesem Satz steht vor dem »habe« die Zeitangabe »heute« und das Subjekt »ich«. Bei Otto-Normalverbraucher-Standarddeutsch Sätzen kann vor dem finiten Teil normalerweise nur ein Element stehen, deshalb betitelt man diese mit V2: »heute habe ich FURIOS gefolgt«. Checkt ihr, irgendwie wild, oder?

Eine ihrer Freundinnen, die sich stolz jedes Jahr aufs Neue öffentlich mit ihr zeigt, ist Susanne Daubner, Sprecherin bei der Tagesschau. Mit großer Hingabe wird sie jedes Jahr ihre Botschafterin und verkündet das meist etwas sus wirkende Wort des Jahres. Schere, dass Susanne es gecheckt hat und ich bisher nicht. Ich hatte also in letzter Zeit ein paar catch-ups mit ihr (übrigens, mag sie keinen Matcha-Latte!). Ich war lowkey ein bisschen cringe.  Bisher habe ich mich nur mit »Hochdeutsch« abgegeben, aber die macht einen zuweilen etwas schläfrig. Sie hält sich an Regeln, konjugiert brav und fleißig und ist extrem durchschaubar. Mit Jugendsprache dagegen ist Leben Pro Max: Sie geht crashout, ist goated und kocht dazu noch sehr gut – mit Mehrzweckeiern. Wer wäre denn jetzt noch so ein Slop sie nicht als akh haben zu wollen? Darf man so, liebe Jugendsprache?

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