Wer gesund sein will, muss zahlen

Warum werden günstige und wirksame Medikamente oft nicht eingesetzt? Diese Frage stand bei einem studentisch organisierten Vortragsabend an der Charité im Mittelpunkt. Von Josta van Bockxmeer.

Christine Godt erklärt, warum viele Medikamente für Menschen in Entwicklungsländern unzugänglich bleiben. Foto: Josta van Bockxmeer

Christine Godt erklärt, warum viele Medikamente für Menschen in Entwicklungsländern unzugänglich bleiben. Foto: Josta van Bockxmeer

Das ist wohl das Ideal der Universität: Engagierte Wissenschaftler treffen auf ein interessiertes Publikum, es werden kontroverse Themen diskutiert, und am Ende geht man mit ein paar mehr Ideen, wie man die Welt verbessern könnte, nach Hause. Dieses Ideal wurde am vergangenen Donnerstag im Lernzentrum der Charité Wirklichkeit. Unter dem Thema „Für wen forschen wir?“ versuchte der Vortragsabend, Antwort auf die Frage zu geben, warum günstige und wirksame Medikamente für viele Menschen unzugänglich bleiben.

Zu verdanken war der Abend der studentischen Gruppe Universities Allied for Essential Medicines (UAEM). Der Berliner Zweig des aus den USA stammenden internationalen Netzwerkes hatte den Chemiker Peter Seeberger vom Max-Planck-Institut und die Juristin Christine Godt von der Universität Oldenburg für zwei kurze Vorträge eingeladen.

Medikamente nicht eingesetzt

Mit seinem etwas unbeholfenen Auftreten, der Dichte an Informationen in seinem Vortrag und seinem tiefen Unverständnis für wirtschaftliche Motive passte Seeberger in das Bild eines idealistischen Wissenschaftlers. Das vorwiegend studentische Publikum hörte gebannt zu, wie er von seinen Erfindungen erzählte und davon, warum sie oft nicht eingesetzt werden.

Seeberger und seinem Team sei es gelungen, Artemisinin-Derivate, den Wirkstoff in Malariamedikamenten, günstig aus Abfallprodukten der bisherigen Produktion herzustellen. Weltweit herrscht ein großer Mangel an dem Wirkstoff, sodass die Erfindung sehr willkommen war. Die Firma Sanofi, mit der Seeberger für die großflächige Anwendung seines Verfahrens zusammenarbeiten wollte, habe aber abgewinkt und ihn nach außen hin in ein schlechtes Licht gestellt. Genaueres sagte Seeberger nicht, aber er suggerierte, dass die Haltung des Unternehmens mit wirtschaftlichen Interessen zu tun habe: Sanofi stellt Artemisinin-Derivate aus Hefe her und wolle das Monopol auf die Produktion des Wirkstoffs haben. Bisher hat Seeberger noch keine Finanzierung für sein Projekt gefunden.

Das Publikum war entsetzt, als Seeberger erzählte, dass Artemisinin, oder einjähriger Beifuß, auch gegen Krebs aktiv ist, aber dazu nicht verwendet wird. Die Kosten beträgen nur 10 bis 20 US-Dollar für eine Krebsbehandlung, was also vor allem für Entwicklungsländer eine große Hilfe wäre. „Warum werden diese Medikamente momentan nicht eingesetzt?“, fragte Seeberger. Die Frustration war ihm anzusehen. Wie genau das mit wirtschaftlichen Interessen zusammenhängt, erklärte er aber nicht.

Lizenzen als Problem und Lösung

Christine Godt wählte eine distanziertere Herangehensweise: Ihr zufolge liegt das Problem in der Lizenzierung von Medikamenten. Unternehmen erhielten oft exklusive Lizenzen für Medikamente, die zumindest teilweise an öffentlichen Forschungseinrichtungen erfunden wurden. Dadurch könnten die Firmen ein Monopol auf diese Medikamente aufbauen und sie teuer verkaufen – Patienten in Entwicklungsländern könnten sie sich dann nicht leisten.

Als Lösung schlug Godt das Modell des „Equitable Licensing“ oder die gleichberechtigte Lizenzierung vor. Das würde ihr zufolge bedeuten, dass für Medikamente nur noch nicht-exklusive Lizenzen vergeben werden, damit Medikamente auch in Entwicklungsländern weiterentwickelt und dort kostengünstig eingesetzt werden können. Bisher haben nur die Universität Tübingen und das University College London das Gleichberechtigte Lizenzieren in ihre Richtlinien aufgenommen, so Godt.

Seeberger wollte von den juristischen Details aber nicht allzu viel hören. „Es gibt keine Patentlösung für das Patentproblem“, sagt er, und „eine Lizenzierung bringt das Medikament noch nicht unter die Menschen.“ Doch wie die Forscher an Geld kommen sollten, um ihre Erfindungen in großem Stil zu produzieren, wusste er nicht. Godt, die vorher distanziert gewirkt hatte, ließ sich auf die Diskussion ein: „Selbst Überzeugungstäter brauchen den Rückenwind der Universität.“ Die sei nur zu bekommen, wenn die Rechte an Erfindungen gesichert seien, so die Forscherin. Sie fügte hinzu: „Die letzten Jahre haben mich gelehrt, dass es keinen Widerspruch gibt zwischen Gutmenschen und Geld“. „Ein schönes Schlusswort“, flüsterte jemand im Publikum.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2008

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