Im Keller der Stadt

Gruppenkuscheln in der U-Bahn und mangelnder Wohnraum: Wachsende Großstädte wie Berlin brauchen mehr Platz. Geoökologe Nikolai Bobylev präsentierte Lösungswege an der FU. Von Karolin Tockhorn

In Megastädten wie Tokyo reicht es bald nicht mehr aus, in die Höhe zu bauen. Bild: flickr/Jack French

Megastädte wie Tokyo bauen nach oben – wie lange noch? Bild: flickr/Jack French

Unterirdisch Bauen? Beim ersten Hören mag einem diese Idee befremdlich vorkommen. Zurück zum Leben als Höhlenmensch möchte sicher keiner. Was sich tatsächlich hinter der Idee der „nachhaltigen Nutzung von unterirdischem Raum“ verbirgt, erklärte der russische Geowissenschaftler Nikolai Bobylev vergangene Woche im Rahmen der Eventreihe „Berlin Sustainability Talks“ an der FU. Der studierte Geoökologe aus St. Petersburg forscht aktuell zu nachhaltiger Infrastruktur in urbanen Zentren, globalem urbanem Wachstum sowie unterirdischer Raumnutzung.

Die dritte Dimension

Bobylev schaffte es, das Thema seines komplexen Forschungsprojektes so zu vereinfachen, dass das Laien-Publikum gut folgen konnte. Das lag auch an der Leidenschaft, mit der Bobylev seine Strategie präsentierte. „Wenn wir uns auch zukünftig unseren Lebensraum mit unseren Mitmenschen und anderen Spezies teilen wollen, sollten wir in neuen Kategorien denken. Wir sollten versuchen die uns zur Verfügung gestellte Fläche so effektiv und rational wie möglich zu nutzen.“, erklärt er. Anstatt der allseits bekannten Methode, weiter und weiter gen Himmel zu bauen, sollten wir also auch in die entgegengesetzte Richtung arbeiten. Das bedeutet nicht, dass wir zukünftig in den Keller der Stadt ziehen müssen – lediglich sollen jene Dinge unter die Erde verlegt werden, die kein Tageslicht brauchen .

Ein Beispiel ist das Berliner U-Bahn-Netz . Um die optimale Nutzung des unterirdischen Raumes zu gewährleisten, wäre ein weiterer Ausbau des Netzes nötig. Der gesamte öffentliche Nahverkehr – einschließlich Bussen – sollte zukünftig unter der Erde stattfinden. Auch die Industrie soll von der Oberfläche in den unterirdischen Raum verlegt werden. In der Automobil-Produktion, beispielsweise, mache es keinen Unterschied ob sie nun oben oder unten stattfindet. Sonnenlicht scheine so oder so nicht in die Fabrikhallen.

Eine Idee für die ganze Welt
Tatsächlich wurden in einigen Städten solche Modelle bereits in die Tat umgesetzt. In Helsinki, zum Beispiel, gibt es unterirdische Heizstationen. Vorreiter ist jedoch mit großem Abstand China, gefolgt von den USA. Aber auch Berlin kann punkten. Bobylev nennt das Sony Center am Potsdamer Platz und den Berliner Hauptbahnhof als gute Beispiele für Verschmelzungen des Überirdischen mit dem Unterirdischen. Er betont außerdem, dass gerade Metropolen in Entwicklungsländern von dem System der subterranen Bebauung profitieren würden. „Besonders in dicht bevölkerten Städten wie Bombay wäre die Nutzung des Untergrunds extrem sinnvoll.“

Eigentlich sind alle diese Ideen sehr naheliegend und vielversprechend. Warum werden sie nicht schon längst regelmäßig umgesetzt? Bobylev lenkt ein, die Umsetzbarkeit sei nicht unbedingt gegeben. Auf die Frage, welche konkreten Hürden noch aus dem Weg zu räumen seien, kann er dabei nur vage antworten:„Es ist alles noch sehr offen. Es gibt noch viele Lücken in der Planung, vor allem was Technik und Finanzierung angeht. Es wird noch Einiges an Forschung notwendig sein.“ Und das ist wohl das Wichtigste: Über den Tellerrand zu schauen – oder in diesem Fall darunter.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2008

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