Das rote Geschwulst am OSI

Kaum etwas steht so sehr für die radikale Linke an der FU wie das Rote Café. Es polarisiert als Hassobjekt der konservativ-liberalen Opposition oder als Mythos kämpferischer Politikstudierender. Felix Lorber und Julian von Bülow haben einen Blick hinter die roten Außenmauern geworfen.

Das Gebäude des ehemaligen Roten Cafés. Foto: Tim Gassauer

Wer zwischen cremefarbenen Villen und idyllischen Parks durch Dahlem schlendert, wiegt sich in einer friedvollen Welt. Doch auf dem Weg zwischen Audimax und dem Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft (OSI) wird das Bild von etwas anderem dominiert: Einem Fremdkörper, der so gar nicht zum Schein der restlichen Universität passt – die knallig rote »Villa Rossa«. Lange war sie Herberge des Roten Cafés, eines studentischen, selbstverwalteten Freiraums, der wechselvolle Dekaden am Campus überdauerte – und bis heute fortbesteht.

Einzig ein kleiner Rest roten Lamettas erinnert an die legendären Partys des Roten Cafés. Nicht selten wurden die Feierlichkeiten von Polizeikräften beendet, zum letzten Mal im Sommer 2017. Statt Partygästen sind im Keller nun Schimmel, in den Wänden Asbest und im Dach Löcher. Im Sommer 2017 sperrte die Institutsverwaltung die Villa des Cafés aufgrund akuter Bauf älligkeit. Die Reparaturen seien zu teuer, das Geld dafür fehle. »Wie viele linksradikale Handwerker kennst du?«, fragt Thomas S.* verzweifelt. Unentgeltlich mache das hier niemand. Thomas S. ist Teil des Café-Plenums, ein basisdemokratischer Zusammenschluss, der lieber unerkannt bleiben möchte. Die Sorge vor Berliner Rechtsextremen, die es auf linke Aktivist*innen abgesehen haben, macht sie vorsichtig. Dabei handelt es sich um Kommiliton*innen verschiedenen Alters mit einer durchaus diversen, doch dezidiert linken Ausrichtung. Sie sehen sich selbst als Erb*innen der Hausbesetzer*innen, die hier vor 30 Jahren einen Ausgangspunkt für den einzigen studentischen Freiraum am OSI setzten.

1988 wird das Institutsgebäude in der Ihnestraße 22 bei studentischen Protesten besetzt. Im Souterrain richten Studierende ein Streikcafé ein, das »Geschwulst am OSI des Establishments«, wie es in der OSI-Zeitung später heißt. Nach dem Streik beginnen die Konflikte der Universitätsverwaltung mit dem Café: Die FU will in einem Vertrag verantwortliche Personen für die Räume festschreiben. Die Besetzer*innen weigern sich, sie verstehen sich als linksradikal und selbstverwaltet. Nach verschweißten Brandschutztüren, einem durch die FU-Verwaltung zugemauerten Fronteingang und schließlich polizeilicher Räumung lenken die Studierenden widerwillig ein, um das Café überhaupt erhalten zu können. Doch der Mythos ist geboren.

Das Wissen um die Entstehung des Cafés gehört zum konstituierenden Selbstverständnis der Café-Aktivist*innen und wird stets an die nächste Generation weitergegeben. Theorie und politischer Aktivismus gehören für sie zusammen. »Für den Studiengang hatte ich mich aus Idealismus entschieden«, erklärt Henrik L. Das Theorieinteresse habe über die fünf Semester kontinuierlich zugenommen, denn »Straßenkampf ohne Theorie ist langweilig«, sagt er mit leuchtenden Augen. Wie dieser Straßenkampf aussehe? Er zögert, ringt sichtlich mit sich, setzt an, will dann aber doch nichts sagen, was ihm Schwierigkeiten bereiten könnte.

Damals gab es noch einen Fronteingang in den Keller der Ihne22. Heute ist er zugemauert.

Wegen Bauarbeiten muss das Geschwulst umziehen und bekommt 1998 den Platz, für den es heute noch bekannt ist: Das unscheinbare Gebäude, das während der Nazi-Zeit als Stallung für die Versuchstiere des Eugenik-Instituts genutzt wurde, wo man »Rassenunterschiede« wissenschaftlich nachweisen wollte. Um sich schon allein visuell davon abzusetzen, entscheidet sich die damalige Generation für einen roten Anstrich. Über die Jahre wird das Gebäude immer wieder zum Ziel äußerer Angriffe. Im Mai 2007 stehen die Studierenden eines Morgens vor einer versilberten Villa. Das Gebäude wurde über Nacht mit Graffiti in »Café of Excellence« umgetauft. In einem Bekennungsschreiben will die »liberal-karrieristische Gelbe Armee Fraktion« ihre Farbaktion als Kritik an der mangelnden Diskussionsfähigkeit mancher linker Aktivist*innen verstanden wissen. Im Sommer 2018 beschmierten Unbekannte die Villa Rossa mit Hakenkreuzen. Die FU-Verwaltung ließ die Schmierereien übermalen, gleichzeitig fiel dem aber auch das Anarcho-A im »Rotes Café«-Schriftzug zum Opfer. Während die Universität nichts davon weiß, glaubt Thomas S. an Absicht: Die FU wolle keinerlei »extremistische« Symbole tolerieren – egal ob Hakenkreuze oder Anarchismus-A. Im November war das A dann allerdings wieder da.

Über die Zeit scheinen sich Verwaltung und Café angenähert zu haben. Besonders zum Institut hat sich die Beziehung verbessert. Der Geschäftsführende Direktor des Instituts, Bernd Ladwig, versichert, dass er sich »immer für studentisch selbstverwaltete Räume einsetzen werde«. So haben die aktuellen Studierenden nach der baubedingten Sperrung mit dem OSI einen schnellen Umzug in die Räume vereinbaren können, in denen es einst als »Geschwulst« begonnen hatte. Man sei über die Jahre auch zahmer geworden, gibt Laura B. zu: »Gerade die Einführung des Bachelor-Master-Systems und der Verlust des eigenen Gebäudes haben die Ressourcen für politische Tätigkeit massiv eingeschränkt.« Sie hat schon mehrere Generationen kommen und gehen sehen. Durch den höheren Studientakt nach der Bologna-Reform, Auslandsaufenthalte und Praktika kämen und gingen viele Studierende in kurzer Zeit, sodass es schwieriger geworden sei, langfristig größere Projekte zu verfolgen. Wie die aussehen, verrät sie nicht.

Außerdem habe niemand Lust auf Repression, gerade, da die FU-Leitung bei größeren Konflikten mit Studierenden schnell die Polizei einschalte, um ihr Hausrecht durchzusetzen. Neue Besetzungen seien daher schwierig und genau deshalb sei das Rote Café so ein wichtiger Ort. »Freiräume müssen jeden Tag aktiv offengehalten werden, im Zweifelsfall muss man sich diese beschaffen und behaupten!«, ruft Laura B. auf einer kritischen Veranstaltung des Allgemeinen Studierendenausschusses (Asta).

Notgedrungen ist man zurück am Ort, an dem der Mythos »Rotes Café« vor 30 Jahren seinen Ausgangspunkt nahm. Doch während aus dem Fenster nun eine große Fahne mit abgerissenem Adlerkopf und dem Slogan »Always Antifascist« hängt, hat das Café an Sichtbarkeit verloren. Und so arbeitet die Handvoll unerkannt bleibender Aktivist*innen daran, die symbolbehaftete Vergangenheit aufrecht zu erhalten. Eine neue Generation soll politisiert und radikalisiert werden, um nicht selbst wie viele andere Freiräume irgendwann in den Mühlen der immer wirtschaftlicher agierenden – sie würden sagen »neoliberalen« – Universität unterzugehen. Doch auch ihnen ist bewusst: Schon heute trinkt man seinen Kaffee nicht mehr im »Geschwulst am Institut des Establishments« – man ist ein Teil davon geworden

* Zum Schutz ihrer Identitäten waren die zitierten Studierenden nur bereit, anonym mit uns zu sprechen. Dies respektieren wir und verwenden deshalb Pseudonyme. Die Personen sind der Redaktion bekannt.

Autor*innen

Julian von Bülow

erkennt das doppelte Leerzeichen im Text auch noch aus 5000 Pixel Entfernung und ist ein kleiner Teil des Mediensystems im Mikrokosmos FU Berlin.

Felix Lorber

schrieb, schreibt und wird geschrieben haben - für FURIOS und andere. Vorwiegend online, mal über Politik, mal über Musik.

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