Im Mars ist der Wurm drin

Der Mars könnte ein alternativer Lebensraum für die Menschheit sein. Ob er tatsächlich als neue Heimat taugt und wie Regenwürmer bei einer potentiellen Besiedlung helfen könnten, hat Annika Grosser im Offenen Hörsaal erfahren.

Illustration: Annika Grosser

Leben auf dem roten Planeten – ein Traum, der dank Würmern bald in Erfüllung geht? In seinem Vortrag an der FU „Soiling Mars. Do Earthworms Dream of Future Technoscientific Interplanetary Agriculture?“ widmet sich Filippo Bertoni anthropologischen Perspektiven auf die Marskolonisation, die auf der Suche nach alternativen Lebensräumen in den Fokus der Weltraumwissenschaft gerückt sind.

Kot der Fruchtbarkeit

Bertoni ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Museum für Naturkunde Berlin. Seine Doktorarbeit führte ihn einst an die niederländische Universität Wageningen, wo Möglichkeiten erprobt werden, den Mars zu kultivieren und Regenwürmer sollen dabei helfen. Durch Gänge, die sie graben, lockern sie den Marsboden auf und Wasser kann in tiefere Erdschichten des Planeten sickern. Zudem reichern ihre Darmbakterien bei der Verdauung den Kot mit Nährstoffen an, der so die Marserde fruchtbar machen und Landwirtschaft ermöglichen könnte.

Über echte Marserde verfügt das Forschungsteam allerdings nicht. Stattdessen soll modifizierte Vulkanerde in den Experimenten die Merkmale des alkalischen Marsbodens simulieren. Dementsprechend sind die Ergebnisse nicht reliabel. Besonders ein ausschlaggebendes toxisches Salz fehlt den Bodenproben: Perchlorat. In Verbindung mit hoher UV-Strahlung auf dem Mars wirkt es auf Wurm und Mensch tödlich.

Bertoni zeigt sich fasziniert von Würmern, doch die Forschung ist ihm zu eindimensional. Er wolle über den „Haufen kleiner Töpfe voller Regenwürmer” hinwegdenken, sich anthropologisch mit der Marsforschung auseinandersetzen. Bei seiner Arbeit helfe ihm Science-Fiction, Fakten zu erforschen und Gefahren der Marskolonisation zu reflektieren.

Wettrüsten im Weltall

Die Weltraumwissenschaft war nämlich von Beginn an Brennpunkt politischer Konflikte. Armstrongs erste Schritte auf dem Mond waren nur ein Teil des Wettlaufs ums All zwischen den USA und der Sowjetunion. Heute kämpfen private Unternehmen wie SpaceX in der galaktischen Arena, die Asteroidenbergbau- und Transportkonzepte zum Mars entwickeln. Die daraus resultierende Billionen-Dollar-Industrie löst heiße Kontroversen aus.

Denn das Narrativ, das dem Traum der Marskolonisation innewohnt, ist nicht neu. Menschen erschlossen immer schon neue Lebensräume, notfalls durch Vertreibung, Mord und Umweltzerstörung. Nun, da die Ressourcen der Erde knapp werden, richtet sich der Blick auf das All. Das provoziert Fragen nach Eigentums- und Nutzungsrechten. Besonders kritisiert wird die Umformung eines Planeten nach menschlichen Bedürfnissen, denn die Besiedlung könnte den Mars kontaminieren. Noch ist kein Leben auf dem roten Planeten bekannt, die Chance auf unabhängige Entwicklungen anderer Lebensformen wäre aber durch anthropogene Kontamination vernichtet.

Die aktuelle Vortragsreihe „Hope, Disquiet, Loss” an der FU thematisiert genau diese Konflikte zwischen allgegenwärtiger Dystopie und künftiger Utopie. Ob Regenwürmer wirklich dabei helfen werden, den Mars zu bewohnen, ist noch fraglich, doch der Fortschritt der Forschung ist revolutionär. Eines ist Bertoni klar: Fruchtbarer Wurmkot „ist der Stoff, aus dem Träume gemacht sind.”

Die Vortragsserie „Hope, Disquiet, Loss. Affective Encounters in More-Than-Human Worlds“ findet dienstags von 16-18 Uhr am Institut für Sozial- und Kulturanthropologie statt.

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