Das Ende der Gemütlichkeit

Wenn die Holzlaube irgendwann fertig ist, ist es für 17 Institute so weit: raus aus den Villen, rein in den Neubau. Wie finden die Betroffenen das eigentlich? Von Margarethe Gallersdörfer

Im Herbst ihres Daseins als Universitätsgebäude: Die Villa des Instituts für Klassische Archäologie, Otto-von-Simson-Straße 11. Foto: Bernd Wannenmacher

Der Bau der „Holzlaube“ ist in vollem Gange, wöchentlich sind Fortschritte erkennbar. Neben einer neuen Bibliothek entstehen unter der Adresse „Fabeckstraße 23-25“ auch Lehr- und Arbeitsräume für 17 Institute des Fachbereichs Geschichts- und Kulturwissenschaften – die so genannten „Kleinen Fächer“.

Momentan sind sie noch in Villen untergebracht, verteilt in ganz Dahlem; der Umzugstermin für die Zusammenführung in der Holzlaube fällt auf das Frühjahr 2015. Einen fiktiven Spaziergang durch das fertige Gebäude wagen wir aber bereits in der aktuellen, zehnten Ausgabe von FURIOS.

Schade, dass die Architekten der Rostlaube das nicht mehr miterleben. 1963 gewannen Georges Candilis, Alexis Josic und Shadrach Woods den ersten Preis des städtebaulichen Ideenwettbewerbs für das neue Hauptgebäude der FU. Hinter ihrem Werk steckt eine große Vision, inspiriert von der Architekturlegende Le Corbusier: ein lebendiger Campus für die junge Universität, ein Teppich von beliebig ab- und wiederaufbaubaren Gebäudemodulen, der sich bei Bedarf sowohl in die Breite als auch in die Höhe erweitern lässt.

Lange Zeit sah es so aus, als würde es bei dieser schönen Vorstellung bleiben. Mit der Holzlaube wird nun die Grundidee der Rost- und Silberlaube fortgeführt – ihre Erfinder hätten sich sicherlich gefreut. Doch wie steht es um die zukünftigen Nutzerinnen und Nutzer? Was halten sie davon, dass sie umziehen müssen?

Wollen die Institutsmitglieder überhaupt umziehen?

Michael Vallo erklärt, bei ihm seien keine negativen Äußerungen zu dem Neubau angekommen. Er ist Verwaltungsleiter des Fachbereichs Geschichts- und Kulturwissenschaften und freut sich auf die Nutzung des Neubaus . Wahrscheinlich, räumt er ein, gebe es schon ein paar Professoren, die ihre „Villa mit schnuckligem Vorgarten“ nur ungern aufgeben.

Vallo sieht hauptsächlich die Vorteile der neuen gemeinsamen Arbeitsstätte: „Man wird nicht mehr so viel herumlaufen müssen, um Lehrveranstaltungen in anderen Instituten und Seminaren zu besuchen – oder beispielsweise kilometerweit durch Dahlem fahren, um alle Bücher zu einem Teilthema in einer der Archäologien zu sichten.“

Viele der Villen, sagt Vallo, müssten eigentlich dringend saniert werden, seien als Wohnhäuser nicht für den Universitätsbetrieb konzipiert worden. Gerade die Unterbringung der Institutsbibliotheken werde zum gravierenden Problem, wenn man beispielsweise mit feuchten Kellern zu kämpfen habe. „Niemand blättert gerne durch pelzige Bücher. Ich denke, das wird für alle eine neue, interessante, aber vor allem eine gute Erfahrung.“

Gemischte Gefühle bei Studierenden

Auch David Battefeld von der gemeinsamen Fachschaftsinitiative der Islamologie, Turkologie, Arabistik, Iranistik und Semitistik hält den Neubau für eine gute Entwicklung. Er sieht unter anderem die Barrierefreiheit als großen Vorteil. Für Nutzerinnen und Nutzer mit Behinderung seien die alten Villen eine Katastrophe: „Es gibt jede Menge Treppen und keinen einzigen Aufzug, von Blindenleitstreifen oder Ähnlichem ganz zu schweigen.“

Andere blicken skeptisch in die Zukunft: „Wir kennen eigentlich jeden Mitstudenten aus unserem Fachbereich und befürchten, dass im neuen Gebäude alles viel anonymer ablaufen wird“, sagt etwa Patrick Göhler von der Fachschaftsinitiative des Instituts für Klassische Archäologie.

Auch Kyra Gospodar von der Fachschaftsinitiative des Ägyptologischen Seminars fürchtet um das Sozialleben in ihrem Institut. Außerdem kritisiert sie, wie auch andere Mitglieder betroffener Fachschaftsinitiativen, die Informationspolitik der Universität: „Die Informationslage für die Studenten ist mehr als dürftig. Man bekommt nur einzelne, kleine Fetzen mit.“ Und so machen Gerüchte die Runde: Für nicht angestellte Dozenten oder Doktoranden gebe es keine Büros, manche Fächer dürften doch nicht in den Neubau einziehen, bestimmte Bücher würden beim Umzug in die neue Bibliothek nicht mitgenommen.

Monsteraufgabe Bibliotheksumzug

Uwe Hafemeister kann zumindest in diesem Punkt für Beruhigung sorgen. Der Bibliothekar der Fachbibliothek der Klassischen Archäologie ist Mitglied der Arbeitsgruppe „24in1“, die die Zusammenführung von 24 Teilbibliotheken im Bibliotheksneubau vorbereitet. „Bis zu drei Exemplare derselben Auflage eines Buches werden mitgenommen“, sagt er. Kopien von Büchern, die manche Bibliotheken trotz urheberrechtlicher Probleme stillschweigend im Sortiment führten, kämen zwar nicht mit. Die Originale befänden sich jedoch oft einfach in anderen Fachbibliotheken, die ebenfalls in die Holzlaube einziehen.

Hafemeister und seine Kollegen stehen durch den Neubau vor einer Monsteraufgabe: Sie sind dafür verantwortlich, dass 1,2 Millionen Bücher den Umzug in die neue Bibliothek schaffen. 1,2 Millionen Bücher aus 24 verschiedenen Bibliotheken – mit 24 verschiedenen Signatursystemen. Das bedeutet nichts anderes, als dass all diese Bücher noch vor dem Umzug auf ein einheitliches System umsigniert werden müssen – unter anderem muss das Schildchen auf jedem einzelnen Buch abgekratzt und durch ein neues ersetzt werden. Die Arbeiten sind schon in vollem Gange: „Das macht keinen Spaß“, gibt Hafemeister zu.

Der emotionale Nachteil

Von der neuen Bibliothek verspricht er sich jedoch Einiges: Bessere Arbeitsbedingungen, Technik auf dem neuesten Stand, mehr Platz, bessere Beleuchtung und modernes Mobiliar. Auch gebe es keine Befürchtungen, dass jemand durch die Zusammenlegung seine Stelle verlieren könnte, sagt Hafemeister. Momentan gebe es nämlich viel zu wenige Mitarbeiter; etliche Teilbibliotheken hätten überhaupt keine eigene Betreuung.

Letztlich blutet aber auch Hafemeister das Herz. Emotional, sagt er, sei der Auszug aus der Villa ein Nachteil. Seine Beobachtung: Gerade Studierende, die vor Ort keine Familie hätten, verbrächten am Institut mehr Zeit als in der eigenen Wohnung. Das Gemütliche, Heimelige werde sicher verloren gehen. Trotz der unbestreitbaren Vorteile: „Ich habe noch niemanden getroffen, der sich ernsthaft furchtbar auf den Umzug freut.“

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2008

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1 Response

  1. Werner Kühnemann sagt:

    Alles hat seinen Preis Vielleicht hört dann der leidige Verlust (?) von Büchern auf und die Suche wird einfacher……

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