„Es gibt kein Verbrechen im Paradies”

Der US-Thriller „Kind 44“, verknüpft die Jagd auf einen Serienkiller mit düsterem Sozialrealismus. In Russland wurde der Film verboten, in Deutschland läuft er am 4.6. an. Von Alexandra Brzozowski

kulturreif

Ukraine, Anfang der 1930er-Jahre. Ein großes, verfallenes Haus in einer verschneiten Landschaft. Mittendrin eine Gruppe halb verhungerter Jungen. Einer von ihnen flieht, findet Hilfe bei einem russischen Soldaten. Er will nicht mehr sein, wer er ist und nimmt einen neuen Namen an: Leo Demidov.

So beginnt die Roman-Adaption „Kind 44“, basierend auf dem preisgekrönten Thriller von Tom Rob Smith, der nun von dem chilenisch-schwedischen Regisseur Daniel Espinosa („Safe House“) auf die Leinwand gebracht wurde. Darin jagt Tom Hardy als Geheimpolizist einen Serienmörder, den es in Stalins Sowjetunion offiziell gar nicht geben dürfte. Und in Putins Russland wohl auch nicht: Hier wurde die Filmvorführung einen Tag vor Premiere-Termin abgesagt. Vonseiten des Kultusministers hieß es, der Film sei im Zusammenhang der Erinnerungsfeiern zum Kriegsende „untragbar“ und eine „Verzerrung historischer Fakten“. Zu einem eigenen Urteil werden viele Russen wohl selbst nicht mehr kommen können.

Linientreue und Menschlichkeit

Es ist 1953: Leo Demidov (Tom Hardy) hat es weit gebracht. Vom ukrainischen Waisenkind ist er zu einem ranghohen Offizier beim sowjetischen Geheimdienst aufgestiegen. Zwar führt er linientreu seine Befehle aus, versucht aber trotz dessen, seine Menschlichkeit zu wahren. Doch seine Unantastbarkeit ist trügerisch. Als der Sohn eines Freundes tot aufgefunden wird und er zu viele Fragen stellt, wird seine Frau Raisa (Noomi Rapace) von seinem rivalisierenden Kollegen Vasili (Joel Kinnaman) als Verräterin denunziert. Demidov hält zu ihr und wird zur Strafe in eine Provinzstadt versetzt.

Hier gelangt Demidov nach weiteren Kindesmorden zusammen mit seinem Vorgesetzten (Gary Oldman) auf die Spur eines Serienmörders – und steht vor einem Problem: denn Verbrechen darf es im stalinistischen Regime offiziell nicht geben. Die Doktrin der Partei: „Es gibt kein Verbrechen im Paradies”.

Ein Gefühl von Klaustrophobie

Die Jagd auf den Täter, der auf dem realen Fall der „Bestie von Rostow“ beruht, ist ein wichtiger, aber kein zentraler Punkt der Handlung von „Kind 44“. Der Fokus des Regisseurs liegt mehr in der Darstellung eines oppressiven Systems. Sein Film skizziert das düstere Porträt eines Landes, in dem das Gefühl ständiger Angst vor Denunzierungen und korrumpierte Regierungsstrukturen den Alltag prägten. Espinosa schafft finstere Bilder, illustriert Brutalität und erzeugt – verstärkt durch die wohl eher unabsichtlich zittrige Kameraführung – ein klaustrophobisches Gefühl. Tom Hardy überzeugt in seiner Titelrolle, in dem er die bedrohliche Grundstimmung überzeugend verkörpert.

Doch wer die Romanvorlage von „Kind 44“ kennt, wird trotz allem enttäuscht sein: Auch Espinosa ist es nicht gelungen, die grandiosen Erzählstränge des Buches in 138 Minuten Film zu verpacken. Immer wieder wirken die einzelnen Szenen mühsam aneinander gereiht.

Das russische Kulturministerium störte sich mehr an der Darstellung des Landes und seiner Menschen. Denn obwohl der Titelheld ein Russe mit hohen moralischen Werten ist, würden viele andere zu klischeehaft und negativ dargestellt, so der Vorwurf. Auch greift der Film zu Beginn ein für Russland sensibles Thema auf: Der Held überlebt als Kind die große Hungersnot in der Ukraine, bei der Millionen Menschen starben und die bis heute einen wunden Punkt in den Beziehungen beider Länder darstellt. All dies reichte wohl aus, um den US-Thriller als Kultur-Kampagne des Auslands zu diffamieren und kurzerhand mit einem Film-Bann zu belegen. Kritik unerwünscht.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2008

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