Vom Tun und Taumeln

Haben wir unser Leben selbst in der Hand oder bestimmt der Zufall, wo wir landen? Die Meinungen von Corinna Cerruti und Leon Holly gehen auseinander.

Zufall, oder nicht? Bild: Pixabay

Kontrolle ist eine Illusion

Text: Leon Holly

Eine häufige Annahme lautet wie folgt: Es ist Zufall, in welches kulturelle und soziale Umfeld man geboren wird, doch ausgehend davon hat jede*r die Freiheit, das Beste aus dem eigenen Leben zu machen. Diese Behauptung ist falsch. Nicht nur, dass man sich seine Eltern und den Geburtsort nicht aussuchen kann, auch haben die Menschen keinen Einfluss auf den biologischen Stoff, aus dem sie gemacht sind: Ihr Genmaterial. Unsere Lebenswege sind keineswegs frei, sondern komplett von Ursachen und Einflüssen außerhalb unserer Macht geebnet.

Angesichts der Millionen von verschossenen Spermien ist die Wahrscheinlichkeit, überhaupt gezeugt und geboren zu werden, schon winzig klein. Auch mit welchen Genen Menschen bei der Geburt ausgestattet werden ist purer Zufall. Niemand sucht sich seine Eltern und DNA aus. Wird man als Mädchen oder Junge geboren – oder irgendwo dazwischen? Ist man eher schüchtern oder extrovertiert? Gibt es eine genetische Veranlagung für psychische Krankheiten oder Dyslexie? Nichts davon hat man selbst in der Hand. Aber all das bestimmt den weiteren Verlauf eines Menschenlebens.

Für die Tochter eines Berliner Millionärs ist die Wahrscheinlichkeit an der FU zu studieren höher als für eine Geflüchtete aus Eritrea. Doch auch wenn die Startsituation im Elternhaus komfortabel scheint, hält das Leben überall Unerwartetes bereit. Geschwister, die zusammen aufwachsen, schlagen oft die unterschiedlichsten Lebenswege ein. Weshalb Personen bestimmte Interessen und Talente entwickeln ist ein komplexes Zusammenspiel aus Umwelteinflüssen und genetischen Veranlagungen, auf die niemand Einfluss hat.

Auch im täglichen Leben entstehen einschneidende Erfahrungen oder Bekanntschaften: Ein tödlicher Unfall oder die Liebe für’s Leben – nur, wenn man sich zufällig zur rechten Zeit am rechten Ort befindet. Das Gehirn ist der Ursprungsort unserer Gedanken, Gelüste und Interessen. Seine individuelle Beschaffenheit ist zufällig – und seine Arbeitsweise nicht mal den Neurowissenschaften komplett bekannt.

Ein Beispiel: Weshalb hat jede*r Studierende an der FU gerade den Studiengang gewählt, für den sie oder er sich entschieden hat? Die offensichtlichen Erklärungen liegen schnell auf der Zunge: Man war schon immer gut in Physik oder findet philosophische Diskussionen spannend – aber sobald etwas tiefer reflektiert wird, sind die konkreten Ursprünge dieser Talente und Interessen schleierhaft. Dass manche Leute an Politik interessiert sind, aber keine Faszination für Molekularbiologie empfinden, ist nicht das Resultat einer bewussten, freien Entscheidung. Mit den Worten Arthur Schopenhauers: „Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.“

Erfolgreiche Karrieren – wenn auch scheinbar gegen alle Wahrscheinlichkeiten zustande gekommen – sind nicht die heroischen Errungenschaften autonomer Menschen, sondern lediglich eine Verkettung glücklicher Ereignisse und Gegebenheiten. Jede*r scheint die Wahl zwischen vielen Handlungsmöglichkeiten zu haben – doch in Wahrheit entscheidet nur der Zufall.

Mein Leben, meine Entscheidung

Text: Corinna Cerruti

Das Schicksal gibt es nicht. Keine höhere Macht, kein Universum bestimmt über das Leben. Nur die Menschen selbst sind dafür verantwortlich. Sie treffen Entscheidungen und stehen deshalb dort, wo sie sind. Wer sich aber mit dem angeblichen Schicksal abfinden will, gibt die Verantwortung über das eigene Dasein einfach ab – ohne zu wissen an wen oder was.

Jede*r Studierende der FU hat sich bewusst dazu entschieden, nach Berlin zu ziehen. Natürlich hatte jede*r unterschiedliche Voraussetzungen: einen bestimmten sozialen Hintergrund, unterschiedliche finanzielle Mittel und Distanzen zur Heimat. Trotz alledem ist es geschehen, weil dieser Entschluss vom Individuum getroffen wurde.

Wer nicht seinen Träumen in die große Stadt gefolgt ist,tut das gerne damit ab, nicht die Möglichkeiten dafür gehabt zu haben. Mangelnde Privilegien oder fehlende Talente müssen häufig als Gründe herhalten. Doch stattmutmaßlichen Vorbestimmungen nachzutrauern, könnte man ja auch einfach auf hören, sich selbst zu bemitleiden und aktiv werden. Was hält schon davon ab? Letztendlich doch nur die eigene Bequemlichkeit.

Kurios wird es, wenn Menschen dann noch auf den puren Zufall vertrauen. Das Glück wird uns schon den Geldregen bescheren, die Karriereleiter hochtragen, für mehr Farbe im Leben sorgen. Dabei lässt sich dann gerne auf Glücksfälle aus dem Umfeld hinweisen: „Die Freundin einer Kommilitonin hat damals zufällig in einem Café denChef eines neuen Start-Ups getroffen und jetzt hat sie einen Praktikumsplatz für das nächste Jahr ergattert!“

Ganz Pfiffige können jetzt den roten Faden zurückspinnen, wie es zu dieser glücklichen Fügung kam. Vermutlich ist die Freundin mit ihrer Hausarbeit völlig im Rückstand gewesen und brauchte eine andere Umgebung als ihre WG, weswegen sie in das Café um die Ecke wollte, welches aber aus innerbetrieblichen Gründen geschlossen hatte. Aus diesem Grund wählte sie ein Hipstercafé, in das sie sonst niemals einen Fuß setzen würde, was aber die Grundvoraussetzungen – WLAN und Kaffee – erfüllte. Und siehe da, dieser coole Gründer serviert ihr direkt mal eine Jobchance. Heureka! Das Schicksal meint es gut mit ihr.

Bullshit! Besagte Freundin hat diesen Praktikumsplatz bekommen, weil sie sich im Vorhinein über die Branche in Berlin informiert und daher den Start-Up-Gründer in diesem Café wiedererkannt hat. Da sie gut vorbereitet war, konnte sie mit ihrem Wissen beeindrucken. Die Studentin ist also aktiv geworden. Natürlich haben sich beide entschieden, zur selben Zeit am selben Ort ihren Kaffee zu trinken. Dem Glücksmoment zu viel Raum zu geben relativiert jedoch nur die Leistung der Studentin und lässt sie wie die Figur eines Puppentheaters wirken: macht- und willenlos.

Wenn es um das Bestreiten des eigenen Lebens geht, brauchtes weniger Ignoranz und mehr Selbstbestimmung. Es bringt nichts, nach Mustern im Leben zu suchen, um darauf zuvertrauen, dass einen selbst irgendwann das Glück ereilt. Aufgrund mangelnder Privilegien zu kapitulieren, ist keine Option. Viel wichtiger ist es, jenes Glück selbst in die Hand zu nehmen und für diese angeblich schicksalhaften Fügungen zu sorgen. Am Ende sind wir doch alle unseres eigenen Glückes Schmied.

Dieser Text stammt aus der 21. Ausgabe von FURIOS (Winter 2018/19) – hier als ePaper bei Issuu.

Autor*innen

Leon Holly

On the write side of History. Twitter: @LeonHolly_

Corinna Cerruti

sucht ihre Geschichten am liebsten in den Zahlen. Auf Twitter als @Corinna_Cerruti.

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