„Meine Akademie war das Gefängnis“ | FURIOS Online

„Meine Akademie war das Gefängnis“

Das kurdische Volk kämpft im Nahen Osten für politische Anerkennung. Trotz der Unterdrückung bewahren und gestalten sie bis heute ihre Sprache und Kultur, deren Erforschung sich nun ein Berliner Institut widmet. Leon Holly sprach mit dem Gründer.

Feryad Fazil Omar in seinem Büro. Foto: Leon Holly

Feryad Fazil Omar ist Gründer und Vorsitzender des Instituts für Kurdische Studien Berlin und lehrt kurdische Sprache, Geschichte und Literatur an der FU. Er übersetzt kurdische Literatur ins Deutsche, schreibt Gedichte und ist Herausgeber der ersten Deutsch-Kurdischen Wörterbücher. Er war bis 1978 Dozent an der ersten kurdischen Universität in Silêmanî und lehrte an der Bagdader Universität im Irak, bevor er 1982 ans Institut für Iranistik der FU wechselte.

FURIOS: Herr Omar, wie ist Ihre persönliche Beziehung zur kurdischen Sprache?

Die ist leider sehr schwierig. In meiner Schulzeit im Irak war es den Kurd*innen von der ersten bis zur sechsten Klasse noch erlaubt, als erste Sprache Kurdisch zu sprechen. Ab der siebten Klasse war dann alles auf Arabisch. Für mich war das eine Katastrophe. Der Lehrer, mit dem ich außerhalb der Schule Kurdisch sprach, schlug uns im Unterricht, wenn wir eine Frage auf Kurdisch stellten und antwortete auf Arabisch. Als Zwölfjähriger konnte ich das überhaupt nicht begreifen. Diese Unterdrückung ist ein Trauma, das Spuren hinterlässt.

Wenn nicht in der Schule, wo haben Sie Ihre Liebe zur Sprache entwickelt?

1966 wurden mein Onkel und mein Vater verhaftet – mit der Behauptung, sie seien politisch gegen die nationalistischen Machthaber in Bagdad aktiv gewesen. Ich war damals 16 Jahre alt und sollte eigentlich in der neunten Klasse meine Zentralprüfung absolvieren. Doch dann wurde auch ich gefangen genommen und gefoltert, dabei verlor ich mein rechtes Auge. Ich wurde bewusstlos und wachte im Gefängnis wieder auf, wo mir die Insassen dazu gratulierten, dass ich die Tortur überstanden hatte. Nachdem ich ihnen mitteilte, dass ich in wenigen Tagen meine Prüfung schreiben müsse, fragten sie: »In was benötigst du Nachhilfe?« Ich erwiderte »Arabisch.« Sie riefen einen Mann, den sie als besten Arabisch-Lehrer des Landes beschrieben. Mir wurde mit der Zeit klar, dass die klügsten Köpfe des Landes im Gefängnis saßen. In meinen sechs Monaten dort kam ich auch erstmals mit Musik, Bühne und der Literatur in Berührung. Wenn ich gefragt werde, wo ich studiert habe, antworte ich: »Meine Akademie war das Gefängnis.«

Nicht nur im Irak wurden die Kurd*innen immer wieder Opfer von Gewalt. Wer ist das kurdische Volk überhaupt?

Die Kurd*innen sind eine Volksgruppe, deren historischer Ausgangspunkt nicht klar nachgewiesen ist. Vermutlich handelt es sich um die Nachfahr*innen der Ursprungsbevölkerung der Region, die sie auch heute noch mehrheitlich bewohnen.

Aber heute leben sie in verschiedenen Ländern. Wie erging es den Kurd*innen dort als Minderheit?

In vier Ländern um genau zu sein. Im Iran, Irak, in der Türkei und Syrien wurden sie immer wieder verfolgt, ihre Sprache und Kultur unterdrückt. Eigentlich hatte das kurdische Volk bis heute nie ein zusammenhängendes Gebiet unter ihrer Kontrolle. Ab dem 14. Jahrhundert waren die kurdischen Fürstentümer aufgeteilt zwischen dem osmanischen Reich im Westen und den persischen Safawid*innen im Osten. Dennoch, wenn Sie in Europa eine*n Kurd*in fragen, wie sie*er sich selbst sieht, wird diese*r sagen, dass sie*er Kurd*in ist und die kurdische Sprache spricht. Es ist ein Wunder, dass wir trotz der Unterdrückung heute überhaupt von der kurdischen Geschichte und Literatur sprechen können. Trotz dieser Zerfetzung in vier Stücke haben sich die Kurd*innen nicht assimiliert.

Spiegeln sich diese Erfahrungen in der kurdischen Literatur wieder?

Zweifelsohne. Das zentrale kurdische Epos zum Beispiel ist »Mem u Zîn« (»Junge und Mädchen«). Es wurde im Jahre 1694 von Ehmedê Xanî verfasst, den die Kurd*innen als Nationaldichter betrachten. Xanî schrieb über die osmanisch-persischen Kriege, in die die Kurd*innen verwickelt wurden und denen sie schließlich zum Opfer felen, da sie sich zwischen den beiden Mächten befanden. Der Autor forderte, das kurdische Volk bräuchte einen eigenen »Padischah«, einen König, der es eint und als eigenständige Macht etabliert. Es hat sich von damals bis heute also nicht viel geändert.

Was macht das Epos denn so besonders?

Dass es überhaupt auf Kurdisch verfasst wurde. Die kurdischen Schriftwerke entstanden in einer Region, in der es drei große Literatursprachen gab – keine davon war Kurdisch. Schrieben Schriftsteller auf Persisch, Arabisch oder Osmanisch, konnten sie der Weltliteratur zeigen, wer sie waren. Wer auf Kurdisch schrieb, konnte davon ausgehen, vielleicht von zwei oder drei Leuten gelesen zu werden und trotzdem entschieden sich Autor*innen dafür.

Wie fielen dann die Reaktionen auf das Werk von Ehmedê Xanî aus?

In den drei Ländern, wo die Kurd*innen lebten, war es verboten, Xanîs Buch zu drucken. Eine Schande! Dadurch konnten weniger kurdische Intellektuelle sein Werk lesen. Trotzdem verbreiteten sich seine Verse, da die Kurd*innen – wie andere indigene Bevölkerungen – viel Literatur auswendig lernten und mündlich überlieferten.

Auch heute stellt Sprache noch eine Herausforderung dar. Ihre Texte veröffentlichen Sie auf Kurdisch, Arabisch und Deutsch. Wie navigieren Sie im Feld zwischen den Sprachen und Kulturen?

Ich übersetze meine eigene Literatur ins Deutsche. Das ist etwas, was man als Schriftsteller eigentlich gar nicht tun sollte. Aber einige Kolleg*innen Anfang der 1980er Jahre gaben mir den Ratschlag: »Du kannst als Literat in Deutschland nicht existieren, wenn du nicht auch auf Deutsch publizierst. Du darfst nicht auf jemanden warten, der das für dich tut. Du musst selbst dafür sorgen.« Und das habe ich getan. Mit den umfangreichen Deutsch-Kurdischen Wörterbüchern, den Romanen, der Lyrik und den Gedichten möchte ich eine Brücke zwischen den Kulturen schlagen.

Dieser Text stammt aus der 21. Ausgabe von FURIOS (Winter 2018/19) – hier als ePaper bei Issuu.

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