Ewiger Ehemaliger: Björn Stephan

Über das Feiern in Berlin, die Furios und was es heute bedeutet, ostdeutsch zu sein – ein Gespräch mit dem preisgekrönten Journalisten und Debütautor. Von Anneli Küch.

Für FURIOS schrieb er einst den ersten Text über einen ewigen Ehemaligen, nun ist er selbst an der Reihe: Journalist und Autor Björn Stephan. Foto: Mario Wezel.
Für FURIOS schrieb er einst den ersten Text über einen ewigen Ehemaligen, nun ist er selbst an der Reihe: Journalist und Autor Björn Stephan. Foto: Mario Wezel.

Mit 19 zog Björn Stephan von Schwerin nach Berlin. Die Großstadt, die der junge Autor vorher praktisch nicht kannte, lernte er aus einem ungewöhnlichen Winkel kennen, nämlich aus einer Souterrain-Wohnung in Lichterfelde – das Wohnen in Berlin war wohl schon damals nicht ganz unkompliziert. Aber der junge Autor lacht, wenn er sich an seine erste Zeit hier erinnert: „Ich wusste nicht so richtig, wie Berlin ist und ich habe mich gewundert, weil es immer hieß, es sei so aufregend. Dann hab ich da in dieser Souterrainwohnung in Lichterfelde gewohnt und dachte immer: Ja, es ist schon schön hier, aber auch nicht sooo aufregend.“ Die Gediegenheit von Lichterfelde West hat er damals mit Wochenendausflügen in andere Berliner Stadtteile kompensiert: ein paar Veranstaltungen in Kreuzberg und ähnliche Abenteuer hatten dann doch dazu beigetragen einen besseren Eindruck von der Stadt zu bekommen.

Der junge Autor feiert gerade sein literarisches Debüt mit Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau. Der Roman handelt von den Erfahrungen des 13-jährigen Sascha , der in der Nachwendezeit in der ehemaligen DDR nicht nur politische, sondern auch persönliche Veränderungen miterlebt. So muss er sich in einem Umfeld durch das Erwachsenwerden navigieren, das vom Umbruch mitgenommen ist.

Ein vielfältiges Ostdeutschland beleuchten

Obwohl er sich keineswegs als „Osterklärer“ darstellen will, war es Stephan ein Anliegen, dem Zerrbild von der vermeintlichen ostdeutschen Tristesse etwas entgegenzusetzen und mit den Klischees zu brechen, die es über Plattenbausiedlungen – nicht nur in der Nachwendezeit – gibt. „Ich wollte zeigen, dass diese scheinbar triste und graue Welt auch eine Welt voller Zauber und Spannung sein kann, in der so begabte, talentierte, neugierige, sensible Menschen leben wie meine Hauptfiguren Sascha, Sonny und Juri. So mache es ebenfalls seine Kollegin bei der ZEIT, Valerie Schönian, auch ehemaliges FURIOS-Mitglied, in ihrem Sachbuch Ostbewusstsein. Das sei wichtig für die weitere Annäherung von Ost und West: „Ich wollte eine Geschichte erzählen, die einen Teil der Wirklichkeit abbildet, aber nicht den Anspruch darauf erhebt, die einzige Wahrheit zu erzählen, wie das im Geschichtsunterricht wäre. Denn ich glaube, gerade was die Nachwendezeit angeht, gibt es nicht nur die eine Wahrheit, da existieren ganz viele Wirklichkeiten nebeneinander.

Als ihm in der Berufswelt auffiel, dass er als Ostdeutscher gelesen wurde und dass das „nicht gerade immer positiv gemeint” war, habe er angefangen, sich damit zu befassen, was es heute überhaupt noch heißt, ostdeutsch zu sein. „Und dann kam ich recht rasch darauf, dass es mich total interessieren würde, eine Geschichte zu schreiben, die in der Nachwendezeit spielt und in der die Figuren jugendlich sind”, erzählt Stephan.

Aller Anfang ist FURIOS

Doch bevor Björn Stephan Autor und preisgekrönter Reporter wurde, war er ein FU-Student und begeistertes FURIOS-Mitglied. An der Freien Universität studierte er Geschichte und Politik, doch direkten Anschluss zu finden an der großen Uni, wo alles so anonym und unpersönlich war, sei ihm nicht leicht gefallen. Doch über FURIOS hat er damals viele neue Freund*innen kennengelernt und sei so richtig an der Uni angekommen.

Stephan leitete damals das Campus-Ressort und schrieb in dieser Zeit den ersten Artikel für die Rubrik Ewige Ehemalige. Er erinnert sich an das „richtig schlechte“ Wortspiel im Titel und weiß noch genau, dass der Text, der “so ganz blumig und voller Adjektive war”, ihm zu seiner tiefen Enttäuschung vom damaligen Chefredakteur „komplett zusammengestrichen” worden sei. Heute blickt er dankbar und amüsiert darauf zurück. Durch die FURIOS habe er angefangen, sich für den Journalismus zu begeistern: Dort sei es, anders als beim Geschichtsstudium – so interessant es auch gewesen sein mag –, nicht mehr darum gegangen, einfache Sachen kompliziert auszudrücken, sondern endlich mal komplizierte Sachen einfach auszudrücken. Außerdem habe er bei der FURIOS endlich Gleichgesinnte gefunden: „Ja, auch gute Freunde und das, glaub ich, war für mich wichtig, auch um in Berlin so richtig anzukommen“, reflektiert Stephan.

Heutzutage sieht er das Beste am Reportersein darin, „dass man viele Leben leben kann und dass man immer dabei ist, wenn irgendetwas passiert im Leben anderer Menschen, dass man sie begleiten kann und dass man ganz viele unterschiedliche Persönlichkeiten trifft.“ Neben der FURIOS sei das Beste an Berlin das Feiern gewesen: „Die Clubs natürlich, das, was man jetzt gerade gern machen würde: Feiern gehen, die Nächte durch tanzen. Also ich war damals oft im 103, das war ein Club neben dem Watergate, aber ich glaube, der heißt jetzt anders, falls es ihn überhaupt noch gibt.”

Das Watergate heißt sogar noch immer so, aber vieles hat sich trotzdem verändert. Einige Jahre und viele Redaktionsmitglieder später, wird Björn Stephan nun auch in die Reihe der Ewigen Ehemaligen aufgenommen.


Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau ist im Februar 2021 bei Galiani Berlin erschienen und kostet 22 Euro.

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