Ewiger Ehemaliger: Unermüdlich gegen Rechts

Hajo Funke ist Professor und Aktivist, Symbol der 68er Studierendenbewegung am OSI und entschiedener Kämpfer gegen autoritäre Strukturen. Der Politikwissenschaftler widerlegt die Thesen der Neuen Rechten und kämpft auf der Straße gegen die AfD. Das Porträt eines Nimmermüden.

Foto: Julian von Bülow

Von Julian von Bülow und Leonhard Rosenauer

Wir sitzen gemeinsam mit dem Politikwissenschaftler Hajo Funke im „Zwiebelfisch”, einer legendären Bar in Charlottenburg. Einen Tag zuvor haben in Berlin Zehntausende gegen die AfD demonstriert. Funke war selbst dabei.

Eigentlich ist der 73-Jährige emeritierter Professor, aber dass er sich seit 2010 offiziell im Ruhestand befindet, heißt nicht, dass er nicht weiterhin aktiv ist. Anfang diesen Jahres erschien sein neues Buch über die Studierendenbewegung. Auf Anfrage betreut er weiterhin Abschlussarbeiten und Dissertationen oder schreibt Gutachten. Zudem gibt er als Experte für Rechtsextremismus regelmäßig Interviews, in denen er sich entschlossen gegen die Neue Rechte positioniert.

Ein Blick auf seine Kindheit gibt Rückschlüsse darauf, warum Funke den Kampf gegen Rechts zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat. Er wächst in einer katholischen Familie in Südoldenburg auf. Sein Vater habe zu „schwarzer Pädagogik”, also streng-autoritärer Erziehung geneigt und sich bis zu seinem Tode mit Motiven des Nationalsozialismus identifiziert. Trotzdem, erzählt Funke, habe er den Kontakt gehalten und seinen Vater immer wieder in die Debatte gezwungen – vergeblich.

Das Studium der Politikwissenschaft beginnt Funke 1966 am Otto-Suhr-Institut (OSI). Zu diesem Zeitpunkt hat der 21-Jährige keinerlei Erfahrung mit Protest und zivilem Ungehorsam. Doch das ändert sich, als im Sommer ein studentischer Protest mit über 3000 Teilnehmer*innen im Henry-Ford-Bau stattfindet. „Da habe ich zum ersten Mal gedacht: Wir haben doch Macht.”

Ein Jahr später, am 2. Juni 1967, findet in West-Berlin die Demonstration gegen den Staatsbesuch des  Schahs von Persien statt – ein Schlüsselereignis für den gesellschaftlichen Umbruch der 1960er Jahre. Unweit des „Zwiebelfisch” wird Benno Ohnesorg in einem Hinterhof von einem Polizisten erschossen. Die Geschehnisse dieser Tage, so Funke, haben ihn politisiert und seinen Blick auf die bundesdeutsche Demokratie verändert. “Die Studierenden wurden dafür verantwortlich gemacht, dass Benno Ohnesorg getötet wurde. Diese Umkehrung aller Wahrheit hat mich tief empört. Kurze Zeit später war aus dem empörten Ich ein Wir geworden.”

Gemeinsam mit Kommiliton*innen ruft Funke, der Anfang 1968 in den Fachschaftsrat des OSI gewählt wird, zu einer mehrtägigen Besetzung des Instituts auf, um den Forderungen nach mehr Transparenz, Mitbestimmung und einem erweiterten Lehrplan Nachdruck zu verschaffen. Ohne Polizeieinsatz, und mit Verständnis des Institutsleiters, lässt sich die Auseinandersetzung in einen Reformprozess umlenken.

Fünfzig Jahre später blickt Funke kritisch auf die 68er zurück: „Die großen Ziele haben wir nicht erreicht. Aber ein Kernerfolg war die Kulturrevolution in der Erziehung. In der Kritik am Kapitalismus waren wir leider nicht erfolgreich.” Das Autoritäre, die Forderung nach absolutem Gehorsam, stört Funke nicht nur in der Erziehung. In seiner wissenschaftlichen Karriere spielt die Überwindung des Undemokratischen fortan eine entscheidende Rolle.

Nach dem Ende der Studierendenproteste und seinem Studienabschluss Anfang der 70er Jahre forscht er zunächst zu autoritären Arbeitsstrukturen, geht in Betriebe und versucht herauszufinden, wie sich die Bedingungen und Rechte der Arbeiter*innen und Angestellten verbessern lassen. Statt Gehorsam und starren Hierarchien fordert Funke echte Mitbestimmung. Doch mit der Zeit wendet er sich mehr und mehr der Extremismusforschung zu – ausgehend auch von der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit seines Vaters.

Anfang der 80er Jahre beginnt er, sich intensiv mit dem Nationalsozialismus auseinanderzusetzen, interviewt dafür emigrierte jüdische Wissenschaftler*innen. Darunter Historiker Saul Friedländer und den PsychoanalytikerHeinrich Löwenfeld – ihn sucht Funke in den USA auf. „Ich bin denen hinterhergefahren. Das war mir wichtig. Und bis heute habe ich von denen am meisten gelernt“, erzählt er. Die Studie wird der Beginn einer langen akademischen Karriere, die sich fortan konsequent auf die Aufarbeitung des Nationalsozialismus, den Antisemitismus und die Extremismusforschung fokussiert. Funke veröffentlicht zahlreiche Studien und Bücher, übernimmt 1988 den Lehrstuhl für Politik und Philosophie an der FU und lehrt vorübergehend an der UC Berkeley. Als er schließlich nach Berlin zurückkehrt, leitet er bis zu seiner Emeritierung den Lehrstuhl für Politik und Kultur am Otto-Suhr-Institut.

Dabei ist Funke mehr als nur Wissenschaftler. Wie zu Beginn seiner Karriere sucht er den persönlichen Kontakt, zu dem was er erforscht. Während in München der NSU-Prozess stattfindet, reist der Professor durch Deutschland und recherchiert selbst, sammelt Quellen und Indizien. Die taz bezeichnet ihn daraufhin als Aufklärer und Aktivisten. Ob er den Rechtsextremismus, den er erforsche, auch heute noch auf der Straße aktiv bekämpfe? Er antwortet energisch, fast empört: „Ja, natürlich!”

Funke wirkt alles andere als müde. Er bleibt optimistisch, auch wenn die Rechte weltweit erstarkt. Denn er ist überzeugt, dass es zumindest in Deutschland genügend demokratischen Widerstand gibt, um die Rechten im Zaum zu halten. Dabei ist er selbst längst zum Feindbild geworden: Auf Plattformen der Neuen Rechten, deren Ideologien er regelmäßig öffentlich entlarvt, erntet Funke häufig Anfeindungen.

Was er unter Gerechtigkeit versteht, zeigt sich auch im Sommer letzten Jahres. Nachdem die FU-Dozentin, Roldán Mendívil, bezichtigt wird, sich antisemitisch geäußert zu haben, lässt die Geschäftsführung des OSI ein unabhängiges und vertrauliches Gutachten über ihre Äußerungen anfertigen. Ein halbes Jahr später findet eine Podiumsdiskussion über Antisemitismus am OSI statt. Neben der Dozentin sitzt Funke auf dem Podium. Er verteidigt Mendívil, als der Repräsentant des OSI, Bernd Ladwig, sie vehement attackiert. Auf der Bühne legt er sogar das Ergebnis des vertraulichen Gutachtens offen: Es handele sich nicht um Antisemitismus. „Das war für mich ein Ausdruck von Zivilcourage. Und das würde ich sofort wieder machen..

Als unser Gespräch zu Ende ist und wir uns verabschieden, holt Funke zwei Bücher aus dem Rucksack und schenkt sie uns. Es ist sein neuestes Werk – der Titel: „antiautoritär”.

Das ausführliche Interview mit Hajo Funke gibt es hier

Dieser Text stammt aus der 20. Ausgabe von FURIOS (Sommer 2018) – hier als ePaper bei Issuu.

Autor*innen

Julian von Bülow

erkennt das doppelte Leerzeichen im Text auch noch aus 5000 Pixel Entfernung und ist ein kleiner Teil des Mediensystems im Mikrokosmos FU Berlin.

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