Die Geister, die sie riefen

Dramatisch war die Überschrift des Schreibwettbewerbs zu Ehren der Samuel-Fischer-Gastprofessur, deren Gewinner am Donnerstag verkündet wurden. Carlotta Voß war bei der öffentlichen Lesung dabei.

Die gut 60 meist studentischen Zuhörer stimmen über den Publikumspreis ab. Foto: Phil Dera

Die gut 60 meist studentischen Zuhörer stimmen über den Publikumspreis ab. Foto: Phil Dera

„’Ghosts of Berlin’ – it sounds like the title of a great movie“ konstatierte der US-amerikanische Autor Andrew Sean Green. Als ehemaliger Gastprofessor und Juryvorsitzender oblag ihm die Themenwahl für den Schreibwettbewerb, den das Peter Szondi-Institut anlässlich des 15-jährigen Jubiläums der Samuel-Fischer-Gastprofessur im vergangenen Jahr ausgerufen hatte. Deren Gewinner wurden nun am Donnerstag bekannt gegeben. „Great“ – und vor allem grenzenlos, nur eine Unterstützung für die Phantasie der Studenten, das war Greers Idee hinter dem Motiv – und sie ging auf.

Aus über dreißig Einsendungen hatte die Jury, neben Greer bestehend aus dem Programmleiter Literatur des S. Fischer Verlags, Hans-Jürgen-Balmes, Christine Laule von der Verlagsgruppe Georg von Holzbrinck und Claudia Olk vom Peter Szondi-Institut, vier Texte zur Lesung ausgewählt, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Stand der Jurypreisgewinner bereits fest, so unterlagen die ersten drei Texte als Kandidaten für den Publikumspreis noch der Abstimmung durch die Zuhörer. Sie alle trugen „Ghosts of Berlin“ im Titel, und beschworen doch völlig andere Szenarien.

Der Geist der Universität

In der Einsendung von Ricardo Coradeschi waren es die Geister der Vergangenheit, die einen alten Mann plötzlich einholen und ihn mitnehmen zu den Stationen seines Lebens, die eng mit der Geschichte Berlin verflochten sind, mit Krieg, Mauerbau und Mauerfall. Es war eben dieser Gedanke von der historischen Vielschichtigkeit der Stadt, die Greer ursprünglich zu dem Thema „Ghosts of Berlin“ inspiriert hatte: „History can haunt us like a Ghost“.

Zu Geistern können aber auch Menschen werden, Randfiguren, die für die Gesellschaft wie unsichtbar sind. So ließ der Beitrag von Elsa-Sophie Donata Jach den Zuhörer durch die Gedankengänge eines Obdachlosen geistern, der seinerseits die Flure einer Universität durchstreift. Er lebt und liest in den Gängen, Vorlesungssälen und Bibliotheken, ein „Geist der Universität“, tagsüber möglichst unbemerkt oder eilig ignoriert, und nachts gespensterhaft alleine in den ausgestorbenen Räumen – bis er sich verliebt und verraten wird.

Rauschhafte Nächte

Wieder anders der Beitrag von Martha Turewicz, die in ihrem Text das typische Lebensgefühl der Generation in den Zwanzigern beschwor, das sich irgendwo zwischen Partys und Langeweile bewegt. Nach ihren letzten Sätzen schritt das Publikum zur Tat und stimmte mit großer Mehrheit für den Beitrag von Elsa-Sophie Donata Jach, die damit ein Preisgeld in Höhe von 200 Euro und ein Bücherpaket vom S. Fischer Verlag gewann. Auf den Publikumspreis folgte die Kür des Jurypreisgewinners Michael Kolja Kölling, in dessen Text ein halb sehnsuchtsvoller, halb euphorisierter Protagonist mitgerissen an der Seite seines bekifften Freundes Kosta durch eine rauschhafte Berliner Nacht taumelt.

Für Kölling, wie viele andere Publikumsgäste auch ehemaliger Student von Greer, war es nicht der erste Schreibwettbewerb. Auch Jach, Studentin der Theaterwissenschaften und des Szenischen Schreibens, hat bereits Erfahrung gesammelt: ihr Stück „Bildstörung“ wurde im vergangenen Jahr am Salzburger Landestheater uraufgeführt. „Ghosts of Berlin“ war aber ihr erster erfolgreicher Versuch in Prosa, an der sie die Gestaltungsfreiheit schätze, die als Autorin für das Theater manchmal beschnitten sei. Der Mann aus ihrem Text ist keine reine Fiktion: Als studentische Hilfskraft begegnete sie ihm manchmal in den frühen Morgenstunden auf den leeren Fluren der FU.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2008

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