Gott im Container

Kaum ein Krieg wird heute mehr ohne Kampfdrohnen geführt. Anlass genug, um über die psychischen Belastungen von Drohnenpilot*innen zu sprechen. Roxanne Honardoost hat sich dazu am Deutschen Theater „Am Boden“angesehen.

Bildmontage. Foto: Arno Declair, Illustration: Joshua Leibig

„Wie geht es Berlin heute Abend? Sie haben sich aber schick gemacht.“ Das sind die ersten Worte, die das Publikum von der Pilotin zu hören bekommt. Sie liefert die Zeilen auf eine so sympathische Weise, dass man sie vom ersten Moment an ins Herz schließt. Mit ihrem Witz und ihrer Eigenart stellt sie sich über eine Stunde den Zuschauern des Ein-Personen-Stücks “Am Boden” von Anna Berndt.  

Der Monolog der Kampfpilotin, gespielt von Anja Schneider, beschreibt ihr Bestreben, sich nach der Geburt ihrer Tochter wieder ins Cockpit zu setzen. Das wird ihr jedoch verwehrt. Von nun an soll sie eine ferngesteuerte Drohne fliegen, die sie aus einem Container am Boden steuert. Töten per Knopfdruck, mit Joystick in der Hand, auf einen grauen Monitor starrend – das ist jetzt ihr Leben. Das Stück erforscht, welche Folgen die ultimative Kriegswaffe auf Pilot*innen hat und welche moralischen Fragen bei dieser Art der Kriegsführung aufkommen müssen.

Kein Schnick und kein Schnack

Prägnant für die Inszenierung ist Verzicht. Der Verzicht auf ein überverziertes Bühnenbild, auf aufwendige Requisiten, auf andere Charaktere. Eine Ausnahme bildet ein junger Mann im Hintergrund, gespielt von Matze Pröllochs, der für die Kameras der Drohne zuständig ist. Der Fokus liegt auf den Empfindungen der Pilotin. Ohne Ablenkungen durch überflüssige Effekte werden diese perfekt wiedergegeben.

Moderne und interaktive Elemente lassen das Stück nie langweilig wirken. So wird das Publikum mit dem Feierabendbier der Pilotin bespritzt und an einige Leute aus der ersten Reihe werden intime Fotos verteilt, auf der ihr praller Schwangerschaftsbauch zu sehen ist. Die Inszenierung ist ulkig, wie der Charakter der Pilotin und unterstreicht diesen somit umso mehr.

Ein verlorener Freund

Das Herzstück der Aufführung ist das herausragende schauspielerische Können von Anja Schneider. Ihr gelingt es fantastisch, die emotional bedeutendsten Momente des Lebens der Pilotin zu überliefern und lässt dem Publikum keine andere Wahl, als mitzufühlen. Anfangs bewundert man ihre Leidenschaft für das Fliegen. Man fiebert mit ihr mit, als sie merkt, dass sie schwanger ist. Man lacht mit ihr über ihre Witze. Freundet sich Stück für Stück mit ihrem Charakter an. Gerade deshalb schmerzt es, zu sehen, wie die Pilotin dem Wahnsinn verfällt.

Ihr Todesstoß ist das Töten selbst, das mit jedem Knopfdruck abgestumpfter und routinierter wird. Die Unantastbarkeit in dem Container, die absolute Überlegenheit gegenüber dem Feind und die Paranoia, ständig unter Beobachtung zu stehen, krallen sich an ihr fest und lassen sie nicht mehr los. Auf die ethischen Fragen des Stückes geht die Inszenierung nur in feinen Nuancen ein. Dabei bleibt eine differenzierte Abwägung auf der Strecke. Trotzdem hat das Stück Tiefgang: Der Fokus wird geschickt auf die Pilotin gelenkt und zwingt die Zuschauer in die selbständige Auseinandersetzung mit dem Thema. Das Publikum wird mit den Auswirkungen der Waffe auf die psychische Gesundheit direkt konfrontiert und hält einmal mehr inne, als es heißt: “Eigentlich ist es nicht fair.”

Die nächste Vorstellung von “Am Boden” findet am 27. Mai um 20 Uhr statt. Tickets erhaltet ihr Online oder an der Abendkasse.

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