FURIOS verlustiert sich: Magazin, 6 Buchstaben?

Kreuzworträtsel ziehen alle über 60 in ihren Bann. Um die geistige Fitness zu erhalten, klammern sich die vom Leben gezeichneten Hände fest um den Kugelschreiber. Dass es nicht nur Alternden Spaß bereitet, hat Elias Fischer herausgefunden.

Kippen, Kaffee, Kugelschreiber – und Veronika Ferres. Foto: Elias Fischer

„Asiatisches Buckelrind”, „eine Salatsorte”, „betriebsam, agil”: Vor mir liegen etliche, mit Hinweisen befüllte und wesentlich mehr leere Kästchen in einem Schwedengitter. Kreuzworträtsel: Sie stehen für mich sinnbildlich für eine Aktivität alter Menschen, für den Kampf gegen den geistigen Verfall. Das mag daran liegen, dass meine Oma jedes mal, wenn Lockenwickler ihre Haarpracht vereinnahmten, am Küchentisch saß und gegen die leeren Kästchen in den Krieg zog. Jedes korrekt ausgefüllte Kästchen schmerzte dem Rätselheft, aber erheiterte meine Oma, die auf jeden erfolgreichen Vorstoß des Kugelschreibers hin einen Zigarettenzug mit einem Schluck Kaffee konterte. Das Prozedere wiederholte sich, bis jedes Kästchen beschmiert war, das Heft anschließend ins Altpapier wanderte und meine Oma sich friedvoll ihrer grauen Haare widmete. Um dieser Rentner*innenfaszination auf den Grund zu gehen, habe ich mich bewaffnet: Kaffee, Kippe, Kugelschreiber.

Breitensport Rätseln

Bevor ich anfange, fehlt mir allerdings ein Rätselheft, doch das ist leicht gefunden. In den Spätis und Supermärkten platzen die Regale vor lauter Sudoku- und Kreuzworträtselheften. Vor der ungeheuren Auswahl stehend frage ich mich, wer die zig Exemplare des Rätselblocks oder der Sudoku-Welt überhaupt kaufen soll. Ist die Altersverteilung in Deutschland schon so weit Richtung „kurz vor Tod” verschoben? Ich schaue nach. Laut der Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse lösten im Jahr 2019 über zehn Millionen Menschen über 14 Jahren in Deutschland regelmäßig Rätsel. Zwar ist nicht aufgezeigt, wie viele und welche Altersgruppen Kreuzworträtsel mit Stift und Papier lösen, aber das sind verdammt viele. Mein Urteil für die Rätselbegeisterten unter euch als Hinweis: „Skandinavier fortgeschrittenen Alters”, zwölf Buchstaben. Ich entscheide mich für Band 2 des Rätselblocks und die Rätselzeit-Spezial, weil Veronica Ferres auf dem Cover ist.

Zuhause angekommen ist der Kaffee durchgelaufen, die Kippe gedreht, der Kugelschreiber geladen und entsichert. Doch die erste Hürde wird schnell deutlich: Wo fange ich an? Meine Oma begann ähnlich wie beim Lesen links oben. Ich lese den ersten Hinweis in der Box: „best. Klecks”, elf Buchstaben. Mir fällt nur etwas Unsittliches ein, das hier höchstwahrscheinlich nicht gefragt ist und meiner Oma nur den Ausruf „Pfui, Deibel!” entlockt hätte. Also wage ich mich ans nächste Kästchen, aber auch da fällt mir das gesuchte Wort nicht direkt ein. Abitur und Studium sind wohl keine hinreichenden Bedingungen, um ein Schwedengitter erfolgreich zu befüllen.

Irgendwann liegen zwei Kästchen nebeneinander, deren Lösung ich unmittelbar eintragen kann. Und wie von Wunderhand beginnen die leeren Boxen sich zu füllen. Ich rätsele mich in einen Rausch: „Luft holen” – atmen, „Ort des Marineehrenmals” – Laboe. „Hauptstadt Südkoreas” – Seoul. Nach jedem Kugelschreibervorstoß kontere ich einen Zigarettenzug mit einem Schluck Kaffee. Nun verstehe ich die Genugtuung meiner Oma. Ich kämpfe weiter gegen die Leere des Gitters, merke, wie es mich süchtig macht. Nachdem ich das erste Rätsel vollständig gelöst habe, kann ich nicht aufhören. Es kommt der Moment, in dem ich einen weiteren Finisher-Move meiner Oma unbedingt ausprobieren muss. Ich lächele schon beim Gedanken daran. Langsam presse ich meine Zunge aus dem Mund, streiche mit meinem Zeigefinger über die Zungenspitze und fasse an die rechte untere Ecke des Blattes: umblättern wie ein Profi. Geil.

Ich weiß nicht, ob die Gewohnheit, der Spaß oder die Vorbeugung der Demenz meine Oma motivierten. Zu letzterem sagten britische Forscher*innen 2018, dass es nicht hilft, lediglich der Startpunkt des Verfalles würde verschoben. Wenn es die Gewohnheit war, unterstelle ich ihr jetzt, dass sie die Freuden des Rätselns nie erkannt hatte. Denn nach drei Kippen, zwei Tassen Kaffee und ebenso vielen Rätseln stehen für mich zwei Dinge fest: Die Menge an Koffein drängt mich anschließend zur sportlichen Ertüchtigung und das Lösen der Rätsel zeigt mir, dass manche Dinge, die ich gelernt habe, noch irgendwo in mir schlummern und nicht verdunstet sind. Rätseln macht verdammt viel Spaß.

Autor*in

Elias Fischer

Seine Männlichkeit passt nicht ganz in den Bildausschnitt.

Ähnliche Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.