Oberfläche mit Tiefgang

Was haben Paul Celan, Corona und angstfreies Oberflächenstreichen gemeinsam? Charlotte Weber-Spanknebel hat sich, wenn auch nur digital, in die aktuelle Ringvorlesung zu Paul Celan gesetzt und ein neues Gefühl in den Fingern für das abtastende Übersetzen von Texten bekommen.

Auch das Meer ist eine Oberfläche mit Tiefgang. Foto: Charlotte Weber-Spanknebel

Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde.
(Corona, Paul Celan)

Ich sitze auf meinem halben französischen Balkon, es ist tatsächlich Sommer und die ersten Worte in Paul Celans Gedicht Corona lassen mich aufhorchen. Nicht zuletzt der Titel ist es, der mich irritiert und herausfordert. Dass ein Herbst, zum Beispiel der vorangegangene, mühselig und fordernd, vielleicht sogar gefräßig sein kann, leuchtet mir auf einmal ein. Und dass der Herbst und ich sonst eigentlich immer Freunde waren, denke ich dann auch.

Im Herbst vor 100 Jahren wird Paul Celan in Czernowitz, Rumänien, als Sohn deutschsprachiger Juden geboren. Im zweiten Weltkrieg werden seine Eltern deportiert und umgebracht. Er selbst wird zur Zwangsarbeit herangezogen. Später versucht er seinen Weg zu gehen, zunächst als Übersetzer, später als Lektor, Student und Dichter. Im Mai 1947 veröffentlicht Celan zum ersten Mal Gedichte. Texte wie die Todesfuge, Engführung und Corona entstehen. Das so bekannte Oxymoron der schwarzen Milch oder das Bild der in die Nussschale zurückgekehrten Zeit finden hier Raum. Und ausnahmsweise ist mit diesem Corona nicht zwangsweise ein Blick in die Nachrichten verbunden, vielmehr einer in den Himmel: Im Himmelszeichen der Corona, dem lateinischen Wort für Krone, soll die aus der griechischen Mythologie stammende Ariadne verkörpert sein. Und das ist nur eine von vielen Lesarten. Im Jahr 1970 wird Celans Leichnam in Paris aus der Seine geborgen, vermutlich, nachdem er sich von einer Brücke gestürzt hatte.

Anlässlich Celans doppelten Jubiläums – zum hundertsten Geburtstag und fünfzigsten Todestag – veranstaltet der Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften der FU in Kooperation mit dem Suhrkamp Verlag seit Beginn dieses Sommersemesters eine öffentliche Ringvorlesung mit dem Titel „Paul Celan im weltliterarischen Kontext“. Im ein- bis zweiwöchigen Turnus wird Celans Werk dienstags um jeweils 18:15 Uhr im Livestream aus verschiedenen Perspektiven von Professor*innen und Schriftsteller*innen beleuchtet. Dazu gehören Thematiken wie Celans erweiterter Heimatbegriff, die präsente Mehrsprachigkeit, Celans Geschichtserfahrung in Verbindung mit seiner poetischen Form oder aber die Übersetzung von Celans Texten in der modernen europäischen Lyrik in Japan. Bis zum 6. Juli 2021 können sich alle Interessierten ganz bequem vom Laptop aus dazuschalten und zuhören. Die nächste Vorlesung am 15. Juni trägt den Titel “Le poète révolutionnaire. Celan und der Mai 1968.”

Wie übersetzt man Gedichte?

In der jüngst stattgefundenen Vorlesung am 1. Juni setzte sich Christine Ivanovic vom Institut für Europäische und Vergleichende Sprach- und Literaturwissenschaft an der Universität Wien mit dem Phänomen des „Surface Reading“ und der Oberflächenübersetzung im Kontext englischer Übersetzungen von Celans Texten auseinander.

Da mag mensch sich zunächst einmal fragen: Oberflächenübersetzung, „Surface Reading“ — was ist das? Als im wahrsten Sinne hervorragendes Beispiel eignet sich hierfür das gleichnamige Gedicht Oberflächenübersetzung von Ernst Jandl. Dieser fertigte 1957 eine rein homophone Übersetzung des englischen Gedichtes „My Heart Leaps Up“ von William Wordsworth an, indem er nicht dessen Bedeutung, sondern den Klangverlauf ins Deutsche reproduzierte. So lautet die Oberflächenübersetzung der Verse „my heart leaps up when i behold // a rainbow in the sky“ letztendlich „mai hart lieb zapfen eibe hold // er renn bohr in sees kai“. So wird aus „so be it when i shall grow old“ bei Jandl ein „so biet wenn ärschel grollt“.

Dass hierbei nicht nur unterhaltsamer, scheinbarer Nonsens, sondern ebenfalls eine komplexe, aufmerksame Auseinandersetzung zwischen Text, Sprache und übersetzender Person entsteht, wird an dieser Stelle deutlich. Die Oberflächenübersetzung konfrontiert Schreibende wie Lesende mit einer ganz neuen Möglichkeit des visuellen wie akustischen Abtastens von Texten.

Reproduzieren und Neu-Produzieren

Was hat nun Celan damit zu tun? Der amerikanische Lyriker Charles Bernstein schrieb 2004 eine Oberflächenübersetzung zu Celans Gedicht Todtnauberg. Das Gedicht selbst entstand 1967 nach einem Besuch Celans bei dem deutschen Philosophen Martin Heidegger im gleichnamigen Ort Todtnauberg. Der Text scheint ein sprachliches Erfahren und Festhalten des gemeinsam verbrachten Tages zu sein; darüber, was gesagt und was verschwiegen wird. In Bernsteins Übersetzung gehen sprachliches sowie semantisches Reproduzieren und Neu-Produzieren ineinander über. Celans erstem Vers „Arnika, Augentrost, der“ entsprechen bei Bernstein die Worte „Arnica, hold-in-trust, tear“. Neues entsteht, zuvor ungedachte Blickwinkel tun sich auf, gerade auch die Einsicht, dass es nicht die eine richtige Übersetzung gibt.

Ich kann momentan noch nicht abschätzen, wie bald und wie sehr mir danach sein wird, einen Text, ein Gedicht, einen Gedanken in eine mir vertraute und zugleich fremde Sprache zu übersetzen. Mir fällt — selbst auch staunend — auf, dass mir persönlich in den letzten Monaten vor allem das Oberflächliche gefehlt hat. Alles war sehr nah und gleichzeitig sehr fern: Die Nähe war konzentriert da, die Ferne nur sehr abstrakt und weit weg. Vielleicht folgt auf diesen Sommer ja ein Herbst, in dem ich unbedenklicher Oberflächen streifen kann, Neues entdecke in der Nähe und auch Ferne. Vielleicht werden der Herbst und ich auch wieder Freunde. Passend hierzu auch der vorletzte Vers in Celans Gedicht Corona, so zum Abschluss: Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

Die Vorlesung findet dienstags um 18:15 statt. Hier ist der Link zum Livestream.

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