Poesiefestival Berlin: Die Schuhparty in meinem Flur

„All that poetry“ ist das Motto des diesjährigen 23. poesiefestivals, des größten Lyrikfestivals Europas, ausgerichtet vom Haus für Poesie. Vom 17. bis 23. Juni fanden an verschiedenen Orten in Berlin zahlreiche künstlerische Formate statt: Lesungen, Diskussionen, intermediale Performances. Ein Erfahrungsbericht von Annika Böttcher, die selbst als Lyrikerin teilnahm.

Treffpunkt für Nachwuchstalente und etablierte Größen: das poesifestival berlin. Bild: Annika Böttcher.

„All that poetry – All that beautiful ppl“, schreibt Sarah Stemper, Nachwuchslyrikerin und gute Freundin aus Köln, unter meinen Insta-Post und ich denke zurück an die Sonnenstunden auf dem Vorplatz der Akademie der Künste (AdK). Für uns, die an den halbjährigen Schreibwerkstätten des Hauses für Poesie teilgenommen haben, hat das Festival schon im Januar begonnen. Jeden Monat trafen wir Teilnehmer*innen der young poems und open poems uns zu Werkstattgesprächen, meist online, zuletzt hier in Berlin. Jeden Monat aufs Neue standen dann ein Paar Schuhe in meinem Flur, die ich noch nicht kannte. Und das war das Beste, das wirklich Allerbeste an diesen Tagen: die Schuhe in meinem Flur und deren Besitzer*innen, sodass ich mich schon bald fühlte wie auf einem Zeltlager. 

Wir sind die Neuen hier 

Dann ist endlich Freitag, der große Tag unserer Lesungen und die offizielle Eröffnung des poesiefestivals berlin. Wir freuen uns, uns jetzt endlich alle gemeinsam zu sehen, die im letzten halben Jahr in drei verschiedenen Gruppen an ihrer Lyrik gearbeitet haben. Zuerst liest die Gruppe, in der ich war, und es ist schön, so still beieinanderzusitzen, aber nach zwei Stunden haben wir das Gefühl, uns platzt gleich der Kopf. Ein paar setzen sich raus in die noch zarte Mittagssonne, andere gehen zur Preisverleihung vom Lyrik-Bundeswettbewerb lyrix, bei dem die Gewinner*innen der letzten Monate ausgezeichnet werden. Danach liest noch die zweite young-poems-Gruppe, deren Texte bühnenreifer sind als die meiner Gruppe, die waren mehr fürs private Lesen gemacht. 

Um 18 Uhr gehen wir raus, um auf diejenigen zu warten, die bei der offiziellen Eröffnung und der Nacht der Poesie dabei sein wollen. Kinga Tóth, ungarische Autorin, Übersetzerin, Bild- und Soundkünstlerin, eine schlanke Frau mit lustigen Knoten auf dem Kopf, setzt sich zu uns. „Na?“, sagt sie, „seid ihr die armen kleinen Schreiberlinge, die noch kein Geld kriegen für ihre Kunst?“ Sie zwinkert kokett, wir lachen. Und dann regen wir uns auf, worüber wir uns oft aufregen in diesen Tagen: den Literaturbetrieb. 

Denn: Wir sind die Neuen hier, die Jungen, die, denen man die Lesungen noch nicht zahlt, obwohl sie krasse Texte für Zeitschriften, Anthologien und Lesebühnen schreiben oder sogar schon in Verlagen veröffentlicht wurden, obwohl sie bei Agenturen sind, große und kleine Preise gewonnen haben, teilweise mehrere Tausend Insta-Follower haben oder jubelnde Gruppen bei Slam-Auftritten vor den Bühnenrändern versammeln. 

Wir bekommen das Hotelzimmer nicht bezahlt, sodass wir aus Bayern mit dem 9-Euro-Ticket anreisen und in fremden Fluren unsere Schuhe abstreifen. Aber dort, das steht fest für mich, findet das poesiefestival dann eigentlich statt. 

Samstagnachts um drei

Samstag verändert sich die Gemengelage der Schuhe in meinem Flur: Die ersten reisen ab, dafür kommt spontan für eine Nacht, wer jetzt doch länger bleiben will und vergessen hat, das Hostel zu verlängern. 

Stefan Ruíz, Teilnehmer bei den young poems, klingelt später am Samstagabend, weil er auf dem Festival die Traumfabrik – Poetische Kartographie von Afrikas neuer Urbanität besucht hat, in der Künstler*innen aus sieben afrikanischen Ländern zusammenkamen. Man wolle die eigenen Blickwinkel auf den Kontinent überholen und ihn selbst sprechen lassen, sagte ein Anzug mit Krawatte am Freitag, und ich weiß noch, wie ich mir dachte: Na, ob das reichen wird? Aber ich war nicht da und Stefan ist schwer begeistert, also muss es sich doch gelohnt haben. Wild diskutieren wir nachts um drei die Eindrücke der letzten Tage: Welche Gedichte uns besonders gut gefallen haben, wie absurd es ist, dass Kinga Tóth aus Ungarn zwar im ungarischen Kulturinstitut übernachten, aber nicht auftreten darf, warum der Rhythmus des einen Textes zur Performance passt und wo ein Zeilenumbruch zu viel war, welche Bilder sprachlich funktionieren oder auch nicht. 

„All that poetry All that beautiful ppl“

Am nächsten Tag treffen wir uns erst mittags wieder zum Lyrikmarkt in der AdK. Lyrikverlage haben kleine Stände aufgebaut, die den aufkommenden Windböen trotzen. Im Buchengarten, dem bestuhlten, grünen Innenhof des Gebäudes, finden 15-minütige Lyriklesungen statt und ich entdecke zwischen etablierten Stimmen auch solche, von denen ich noch nie gehört habe und die mich gleich in ihren Bann ziehen: Dinçer Güçyeter oder Ozan Zakariya Keskinkılıç zum Beispiel. Später lesen noch die Teilnehmer*innen der open-poems-Werkstatt. Bis in den frühen Abend hinein sitze ich mit den anderen auf den Treppen der AdK und lasse das Festival ausklingen. 

In einem Insta-Video des Hauses für Poesie fasst Ronya Othmann zusammen, was ich seit letzter Woche fühle: Das poesiefestival sei wie ein „total entspanntes Klassentreffen“. Das Klassentreffen, das Zeltlager, die Schuhparty in meinem Flur – all das ist viel zu schnell vorbeigegangen. Denn ab Montag stehen in meinem Flur endgültig keine fremden Schuhe mehr und die Stille macht sich breit. Ich scrolle mich durch den Insta-Feed der nun vertrauten poesiefestival-Gänger*innen und mache zwei Fotos für den eigenen Post vom Logo: „All that poetry“ steht darauf. Und kurz darauf poppt auch schon Sarah Stempers Antwort in der Kommentarspalte auf: „All that poetry – All that beautiful ppl“. Ich hinterlasse ein Herzchen.

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