Fight for your write

Vergangenes Semester hat Bestsellerautor Andrew Sean Greer an der FU unterrichtet. Im Gespräch mit Alfonso Maestro redet er über das schmerzlich-schöne Schreiben und verrät etwas über sein aktuelles Buchprojekt.

Andrew Sean Greer im Gespräch mit FURIOS. Foto: Christopher Hirsch

Andrew Sean Greer im Gespräch mit FURIOS. Foto: Christopher Hirsch

Es ist ein quadratisches Büro mit matter Beleuchtung, in dem Andrew Sean Greer sitzt. Für ein Semester hat der amerikanische Bestsellerautor hier gearbeitet. Während des Wintersemesters war er Gastprofessor am Peter Szondi Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Mittlerweile ist er wieder in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt. Noch an seinem Abreisetag aber hat sich der Autor von „Die erstaunliche Geschichte des Maxi Tivoli“ und „Geschichte einer Ehe“ Zeit für ein Gespräch mit FURIOS genommen.

FURIOS: Mister Greer, was unterscheidet das Unterrichten von Creative Writing an amerikanischen und an deutschen Unis?

Andrew Sean Greer: Amerikaner reden die ganze Zeit, Deutsche nicht. In den USA gibt es nicht diese Förmlichkeit zwischen Dozenten und Studenten, wie sie hier anzutreffen ist. Wenn Amerikaner einen Kurs belegen, fühlen sie sich gewissermaßen zum Reden verpflichtet. Auch dass sie unerschütterliche Ansichten haben – und damit so falsch liegen. Es kann unter Umständen frustrierend sein, eine Gruppe von Leuten zu moderieren, die sich so erbittert bekämpft. Außerdem kommen deutsche Studenten immer zum Seminar, zumindest zu meinem! Und sie waren insgesamt etwas belesener als amerikanische Studenten, die ich bisher hatte.

FURIOS: Was war die schwierigste Zeit Ihres Lebens als Schriftsteller?

Greer: Es gibt zwei harte Situationen. Die eine kommt immer wieder – jedes Mal, wenn ich einen Roman schreibe. Wenn ich vor meinem Manuskript sitze und nicht weiterkomme, mache ich es wie Vladimir Nabokov: Ich schnappe mir die Seiten und renne damit zum Kamin und jemand muss mich aufhalten, damit ich meinen Text nicht verbrenne (lacht). Wenn es doch passiert und ich die Seiten ins Feuer werfe, ist es wirklich schlimm. Und es passiert jedes Mal. Mindestens einmal. Ich liege dann immer eine Woche flach; in einer Stimmung tiefster Depression. Mein Mann hat festgestellt, dass ich immer wieder vergesse, wie schlimm das letzte Mal gewesen ist. Jedes Mal denke ich mir „jetzt hab’ ich’s! Die Geschichte ist auf dem richtigen Weg“ und liege jedes Mal falsch.

FURIOS: Und was war die andere schwierige Situation in Ihrem Leben?

Greer: Vor einigen Jahren verschwand mein Agent aus heiterem Himmel. Er hatte ein Suchtproblem. Er war derjenige, auf den ich mich zehn Jahre lang verlassen hatte und von dem ich immer Feedback zu meinen Texten kriegen konnte. Plötzlich war er weg und ich schrieb in einem Vakuum. Ich musste stark genug sein, um mir zu sagen: Es gibt keine Zauberperson, die mich zum schreiben befähigt, ich muss auf mich selbst hören. Ich muss mir glauben, ich bin der Autor.

FURIOS: Welche Konsequenz haben Sie aus dieser Erfahrung gezogen?

Greer: Ich habe gelernt, dass mein Berater austauschbar ist, aber ich bin es nicht. Dieser Wahrheit ins Gesicht zu sehen, war sehr hart. Doch ich habe diesen Schritt geschafft und das hat mich verändert. Ich musste ihn durch einen anderen Agenten ersetzen, was für mich eine sehr traurige Erfahrung war, denn die Agentenbeziehung ist keine Geschäftsbeziehung. Es hat was Romantisches. Agenten sind immerhin die einzigen, denen man das anvertraut, was im jeweiligen Augenblick das Allerwichtigste auf der Welt ist.

Andrew Sean Greer explains his experiences about wirting. Photo: Christopher Hirsch

Andrew Sean Greer in seinem Büro. Foto: Christopher Hirsch

FURIOS: Sie stehen an vorderster Front.

Greer: Richtig, Sie stehen an der Front und sie haben dich ausgesucht! Und wenn mein gesamtes Gefühlsleben sich gerade im Schreiben abspielt, bekommt das niemand mit, weder mein Mann noch sonst wer. Deinem Agenten aber kannst du dich anvertrauen. Darum war es wirklich eine herzbrechende Angelegenheit, ihn zu verlieren und zu merken, dass es mir alleine gut geht. Sogar besser. Ein Freund von mir, der Schriftsteller Jonathan Lethem, hat einmal zu mir gesagt: „Es kommt ein Punkt, da musst du auf dich selbst setzen und anfangen, deinem Instinkt zu vertrauen. Du bist ein Künstler und du wirst herauskriegen, wie du’s anstellst.“ Das ist nicht so einfach, wie es klingt. Vor allem, wenn du jung bist und es allen recht machen willst.

FURIOS: Der Erscheinungstermin Ihres neuen Buchs „The Impossible Lives of Greta Wells“ ist hierzulande für Ende Juni 2013 angesetzt. Was erwartet die Leser in diesem Roman?

Greer: Ich wollte eine Geschichte schreiben, die den Leser in den Bann zieht, in eine neue Welt. Die den Leser mit einem starken Erlebnisgefühl zurücklässt, mit einem Gefühl von Zauber. Nein – eher Staunen und Entzückung zugleich. Ich habe bisher sehr traurige Geschichten geschrieben und wollte dieses Mal ein Buch schreiben, das diesen „wonder“ vermittelt. Ich würde fast sagen Magie, aber das ist zu schmalzig. Eine Art bittersüße, nicht übervolle Wonne. Ich kann tragisch und diesmal habe ich eben fröhlich versucht. Das war meine Herausforderung. Dennoch ist es, glaube ich, eine sehr traurige Geschichte. Am Ende gibt es eine Stelle, an der manche weinen müssen, aber vor Freude.

FURIOS: Verraten Sie uns noch, woran Sie gerade arbeiten?

Greer: Ich arbeite an einer „Space-Opera“! Das ist alles, was ich sagen kann. Es handelt sich um einen ausgedehnten Science-Fiction-Roman in einem interplanetarischem Milieu. Weiß der Geier, was ich da gerade mache, ich hab’ jedenfalls meinen Spaß.

FURIOS: Vielen Dank für das Gespräch, Mister Greer.

Übertragung ins Deutsche von Alfonso Maestro. Das gesamte Gespräch mit Andrew Sean Greer in englischer Sprache gibt es hier.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2008

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