Wie zu Omas Zeiten

Reparieren, recyclen, Rettich anbauen – was früher selbstverständlich war, erfährt heutzutage ein Revival. Ist das fortschrittlich? Von Leonie Beyerlein und Lucie Schrage.

Hinter dem Gebäude des Asta erstreckt sich ein großer Garten, in dem die Mitglieder der studentischen Initiative Unigardening @ FU AStA ihr eigenes Obst und Gemüse anbauen. Foto: Leonie Beyerlein.

Antonias Hände sind dreckig. In der vergangenen Stunde hat sie das Beet vor ihr von Unkraut befreit. Wo zuvor noch wildes Grün spross, offenbart sich nun dunkle Erde. Dann legt sie die Samen für Möhren und Mangold aus. In einigen Monaten will sie das Gemüse ernten. „Das erfüllt mich jedes Mal mit Stolz”, sagt sie. Antonia studiert im vierten Semester ihres Masterstudiums Politikwissenschaft an der FU. Nebenbei kümmert sie sich als Teil einer studentischen Initiative um den Garten des Asta. Dort können FU-Studierende seit 2017 Obst und Gemüse selbst anbauen.

Ökologische Projekte wie ein eigener Garten oder das Reparieren und Wiederverwerten von Dingen sind im Trend: Immer mehr junge Menschen werden neben dem Studium oder der Ausbildung zu Selbstversorger*innen oder Handwerker*innen – um den Klimawandel aufzuhalten und mit der Natur im Einklang zu leben. Die Ursachen der Klimakrise werden offensichtlicher und ihre Folgen immer spürbarer. So erklärte das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe Anfang Mai die Rechte junger Menschen durch das unzureichende Klimaschutzgesetz der Bundesregierung für gefährdet. Für einen nachhaltigen Lebensstil greifen junge Menschen auf Verhaltensweisen und Konsummuster zurück, die zuletzt zur Zeit ihrer Großeltern aktuell waren. Ist das altmodisch oder gar rückschrittlich?

Nein, findet Philipp Lepenies, Leiter des Forschungszentrums für Umweltpolitik (ffu) an der FU: „Es kann durchaus fortschrittlich sein, mit 20 Jahren Lebensmittelreste zu verwerten wie die eigene Großmutter. Junge Menschen haben ihre Gründe, wieso sie so handeln. Sie wollen weniger Müll produzieren und einen Beitrag zum Umweltschutz leisten. Man macht etwas, das wie aus einer anderen Zeit anmutet, aber doch zeitgemäß oder sogar zukunftsweisend sein kann.”

Lepenies sieht in der Klimakrise die größte Herausforderung unserer Zeit. Daher müsse sich das gesellschaftliche Verständnis von Fortschritt wandeln – weg von Wirtschaftswachstum hin zu Nachhaltigkeit und nachhaltiger Entwicklung. „Seit Generationen werden wir darauf geprägt, dass die Ausweitung individueller Konsummöglichkeiten der Gipfel allen Fortschritts sei. Dabei ist Fortschritt eigentlich etwas, das jede Generation neu definiert”, erklärt er. Für junge Menschen liege Fortschritt eher im Verzicht aufgrund des wachsenden Bewusstseins für den Klimawandel. Bei älteren Personen löse dieses neue Ideal jedoch das Gefühl aus, man wolle ihnen etwas wegnehmen, das ihnen zustünde. Diesen Generationenkonflikt zu überwinden und ein gemeinsames Verständnis von Fortschritt zu etablieren, sieht der Politikwissenschaftler als eine der größten Herausforderungen unserer Gesellschaft. 

Auch die Initiative Sustain It! von der Stabsstelle für Nachhaltigkeit an der FU versucht seit zehn Jahren für mehr Umweltbewusstsein und Klimaschutz zu sorgen. Aufgrund des bereitgestellten Budgets konnte das Projekt eine gewisse Größe und Sichtbarkeit erlangen. Dennoch war es anfangs schwierig, Studierende neben ihrem gewohnten Alltag für weitere Projekte zu begeistern, wie Karola Braun-Wanke, wissenschaftliche Mitarbeiterin am ffu und Koordinatorin des Projekts, erklärt: „Wir haben mit Campusaktionen begonnen und sind nun verstärkt in der Lehre unterwegs um mit Seminaren und Vorlesungen möglichst viele Studierende mit dem Themen einer nachhaltigen Entwicklung zu erreichen und um im System sichtbar zu werden.” Mittlerweile sei das Interesse der Studierenden groß.

Sicher sei aber auch, dass das verstärkte Umweltbewusstsein eine Trendbewegung ist, die für mehr Engagement sorgt. Zudem sei der Einfluss von Fridays for Future als Vorbild junger umweltbewusster Aktivist*innen entscheidend. Denn viele Ideen wie der FUdsharing-Fairteiler für mehr Lebensmittelwertschätzung und eigene Gartenprojekte wie die Blätterlaube und UniGardening kommen von Studierenden und werden mit Hilfe von Braun-Wanke umgesetzt. Sustain It! ist darauf bedacht, benötigte Materialien gebraucht zu erwerben, zu upcyclen oder selbst herzustellen. Dadurch vermittelt die Initiative vor allem handwerkliche Fähigkeiten, denn „viele wissen gar nicht, wie man aus frischen Zutaten kocht, ein Fahrrad oder Klamotten reparieren kann”, sagt die Projektkoordinatorin. Die stete Auseinandersetzung mit nachhaltigen Methoden führe dazu, dass die Studierenden zusammen Dinge reparieren oder aus alten Autoreifen Portemonnaies herstellen. 

Doch es gibt auch Studierende an der FU, die sich seit ihrer Kindheit für Nachhaltigkeit und Umweltschutz interessierten, wie Johanna. Gemeinsam mit Antonia kümmert sich die Studentin der Sozial- und Kulturanthropologie und prähistorischen Archäologie um den Asta-Garten. „Meine Eltern haben einen großen Garten”, erzählt sie. Von ihren Mitschüler*innen wurde sie damals eher belächelt, wenn sie ihr Pausenbrot mit Gemüse aus dem eigenen Garten aß. Das hat sich mittlerweile geändert. Die neu gewonnene Begeisterung ihrer ehemaligen Klassenkamerad*innen überrascht sie, doch sie freut sich darüber. Schließlich sei es wichtiger, dass alle zum Klima- und Umweltschutz beitragen, als die Frage zu diskutieren, wer zuerst damit angefangen hat.

Fortschritt kann also auch die Rückbesinnung auf frühere Werte und Verhaltensweisen bedeuten. „Letztlich meint der Begriff die Überzeugung, dass sich die Dinge im Zeitverlauf nicht nur verändern, sondern auch verbessern können”, so Lepenies. „Das ist etwas Gutes.” In diesem Sinne ist Klimaschutz nicht nur wichtig geworden, sondern etabliert eine neue Mentalität in unserem Bewusstsein. 

Mit Initiativen wie Sustain It! oder dem Asta-Garten zeigen FU-Studierende Alternativen zu einer konsumorientierten Lebensweise. Dabei sind Foodsharing und Eigenanbau nicht nur gut für die Umwelt, sondern auch für die eigene Seele: „Hier bekomme ich den Kopf frei und beschäftige mich mal mit etwas ganz anderem”, erzählt Antonia und lächelt.


Nachhaltige Initiativen an der FU

Sustain It! ist die Initiative für Nachhaltigkeit und Umweltschutz an der FU. Hier können Studierende an verschiedenen Projekten wie dem UniGardening im Botanischen Garten oder dem FUdsharing-Fairteiler mitmachen. Vor Pandemieausbruch gab es zudem eine ganze Reihe an Campusaktionen.

Unigardening @FU AStA* ist eine studentische Initiative, die sich um den Garten des Asta kümmert. Dort bauen Studierende gemeinsam in eigenen Beeten Obst und Gemüse an.

FUrad ist die Fahrradwerkstatt der FU. Hier können Studierende selbst und mit Hilfe einiger Freiwilliger ihr Rad reparieren. Aktuell ist die Werkstatt montags von 16 bis 19 Uhr geöffnet. 

Blühender Campus ist eine fachbereichs- und einrichtungsübergreifende Initiative der FU für die Förderung der biologischen Vielfalt des Campus. Studierende können eigene Projekte realisieren und an naturkundlichen Führungen über den Campus teilnehmen.

*In der gedruckten Heftversion dieses Artikels wird die Initiative als AStA-Garten bezeichnet.

Autor*innen

Ähnliche Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.