Squid Game: Kapitalismuskritik als Verkaufsschlager

Was eint kostümiert streikende Gewerkschafter*innen und TikTok-Videos, in denen Formen aus Keksen gestochen werden? Carl Friedrichs, Johannes Streb und Oliver Koch über den Hype um Squid Game.

In Squid Game spielen hoch verschuldete Menschen brutale Kinderspiele. Copyright/Foto: Netflix/Youngkyu Park, Illustration: Joshua Leibig

Die südkoreanische Netflix-Serie Squid Game schoss in mehr als 90 Ländern an die Spitze der Netflix-Charts und brach dabei alle Streamingrekorde. Sie erzählt die Geschichte hoch verschuldeter Menschen, die sich unter Einsatz ihres Lebens zu einer Reihe brutaler Kinderspiele verpflichten. In einer Symbiose aus Takeshi’s Castle, The Hunger Games und Black Mirror spielen alle gegen alle, bis eine*r übrig bleibt; es winken 45,6 Milliarden Won (33 Millionen Euro). Dabei amüsiert sich eine reiche Elite blendend und wettet darum, wer gewinnt. In Squid Game wird fast im Minutentakt gemordet. Aber: Alle nehmen freiwillig teil und sollen – anders als in der echten Welt – Gleichberechtigung und Chancengleichheit genießen. So entpuppt sich die Ästhetisierung brutaler Gewalteskapaden scheinbar als Abrechnung mit der menschlichen Sittlichkeit im Zeitalter des Spätkapitalismus.

Altbekannte Erfolgsformeln statt Innovation und Experimentierfreudigkeit

Doch das Werk des südkoreanischen Regisseurs Hwang Dong-hyuk lässt einiges zu wünschen übrig: Zwar etabliert er eine Handvoll Charaktere, die Emotionalität schaffen, setzt aber ansonsten eher auf altbekannte Erfolgsformeln statt auf Innovation und Experimentierfreudigkeit. Die Regie ist kaum erwähnenswert, die Kameraarbeit generisch und die immer ähnlichen Spielrunden bieten nur wenig Abwechslung: Die Sensationslust des Publikums kann schon schnell nicht mehr gestillt werden. Das dystopisch überspitzte Ausbeutungssystem, unmenschliche Brutalität und mehr oder weniger gut allegorisierte Kapitalismuskritik verlieren schnell ihre grausame Faszination. 

Sozialkritik mit dem Presslufthammer

Squid Game ist ein wenig zimperliches Gedankenexperiment und hämmert seinem Publikum die Sozialkritik mit dem Presslufthammer ein. Die symbolisch überspitzte Gegenüberstellung des gesichtslosen, elitären Bösen und seiner namen- und gesichtslosen Handlanger*innen auf der einen Seite und der zu Nummern und Spielfiguren entmenschlichten Systemverlierer*innen auf der anderen bietet nichts Neues. Squid Game ist eine Dystopie ohne Hoffnung auf ein Happy End. Die Regeln sind klar, aber menschlich nicht nachvollziehbar, Moral und Ethik fehlen – Kafka im turbokapitalistischen Blutrausch.

Die Serie verlässt sich auf schockierend exzessive Gewaltanwendung, anstatt ihre systemkritische Aussagen zu vertiefen, und desensibilisiert die Zuschauer*innen so für Gewalt. Mehr noch verklärt diese Art stark überspitzter und oberflächlicher Kapitalismuskritik das reale kapitalistische System zu einem nicht nachvollziehbaren, nicht änderbaren Mysterium. Dies verschleiert, dass menschenverachtende Systeme gleichsam menschengemachte Systeme sind.

Kapitalismus durchdringt Kapitalismuskritik

Squid Game nutzt das übliche Schema der Streaminggiganten und erfindet dabei wenig neu, doch der Erfolg der Serie ist dennoch bemerkenswert. Er unterstreicht die Rolle Südkoreas als popkulturelles Powerhouse, das beispielsweise durch K-Pop längst global etabliert ist und westliche Kulturhegemonien aufweicht. 

Die südkoreanischen Streikenden gegen das „System der Ausbeutung“ trugen übrigens die Kostüme der brutal mordenden Squid-Game-Spielleiter. So zeigen die Serie und der Hype um sie auch, dass der Kapitalismus sogar die Kapitalismuskritik durchdringen und aus ihr Profit schlagen kann. In anderen Worten: Der Kapitalismus boomt. Wenn das dennoch eine Solidarisierung unter Arbeitenden schafft, entwächst der Serie neben dem finanziellen vielleicht doch noch ein kapitalismuskritischer Nutzen. Bis dahin, und solange die Streaming- und Abonnent*innenzahlen weiterhin explodieren, produziert die Netflix-Maschinerie weiterhin ihre Fließbandware.


Squid Game wurde am 17. September weltweit auf Netflix veröffentlicht und umfasst neun Folgen.

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