„Das Bild wird zum Tyrannen”

Warum finden wir andere nicht einfach schön, sondern konkurrieren mit ihnen? Liv Strömquists neuer feministischer Comic Im Spiegelsaal dreht sich um Schönheit, Körperkult und das Attraktivitätsdiktat. Von Anna-Lena Schmierer.

Der feministische Comic Im Spiegelsaal von Liv Strömquist thematisiert Schönheit. Foto: Anna-Lena Schmierer Illustration: Joshua Leibig

„Es waren einmal fünf Schwestern. Sie waren die schönsten Schwestern auf der ganzen Welt. Und genau wie in allen vernünftigen Märchen war die jüngste Schwester die schönste. Ihr Name war Kylie.“ Mit dieser Persiflage der Kardashians leitet Liv Strömquist in ihre Graphic Novel ein. Allein dieser kurze Absatz offenbart viel über die Welt, in der wir leben, und wie das Thema Schönheit alles durchdringt. Schon in den Märchen und Geschichten, mit denen Kinder aufwachsen, geht es um Schönheit. Um weibliche Schönheit, um genau zu sein. 

In fünf Comic-Essays beleuchtet Liv Strömquist in Im Spiegelsaal das Thema Schönheit aus verschiedenen Perspektiven. Dies tut sie auf eine humorvolle, schlaue und erfrischende Art, denn nicht umsonst ist sie eine der einflussreichsten feministischen Comiczeichnerinnen der Welt. Ihre Sachcomics Der Ursprung der Welt, Im every woman und Ich fühls nicht gehören zu den meistgekauften Graphic Novels weltweit.

Er liebte sie mehr, weil sie hübscher war.”

Liv Strömquist stellt im Comic wissenschaftliche Theorien und Fakten vor und verwebt sie mit Erzählungen von Ikonen, Kaiserinnen und Social-Media-Sternchen. Sie spricht beispielsweise vom „erhöhte[n] Druck, konstant, das ganze Leben hindurch vorzüglich fuckable zu sein”. Darüber, dass schon in der Bibel „Leas superhässliche Augen“ ein Grund waren, sie nicht zu begehren und weniger zu lieben. Und davon, warum die Mordlust von Schneewittchens Stiefmutter, nachdem ihr der Titel der „Schönsten“ (vom Spiegel) aberkannt wurde, eine „völlig normale Reaktion“ ist.

Die Mischung aus nahbaren, bekannten Geschichten und Figuren wie zum Beispiel Kaiserin Sisi, Marilyn Monroe oder Schneewittchen, wissenschaftlichen Theorien wie die der mimetischen Rivalität (René Girard) und eigenen Schlussfolgerungen ist eine gelungene Mischung, die zum Weiterlesen anregt und Leser*innen hungrig nach mehr zurücklässt. Es geht um Sexualität als Konsumgegenstand, einen Körperkult, der auch vor Altersgrenzen nicht haltmacht, und um die Verbindung zwischen hübsch sein und geliebt werden.

Binäre Geschlechter und westliche Perspektiven 

Dennoch ist Liv Strömquists starke Differenzierung zwischen Männern und Frauen und deren Problemen und Verhaltens- sowie Denkweisen zu kritisieren. Einerseits sind diese beim Thema Schönheit statistisch gesehen tatsächlich sehr verschieden. Dennoch stört die Binarität, da sie Intergeschlechtlichkeit und auch queere Themen an den Rand drängt und stereotypische Geschlechterrollen aufleben lässt. Auch macht der Schönheitswahn, verstärkt durch soziale Medien, keinesfalls vor heterosexuellen cis Männern halt. 

Zudem berichtet Liv Strömquist, die selbst Schwedin ist, von westlichen Schönheitsidealen und eben einem westlichen Umgang mit diesen. Die Figuren in ihrem Buch sind weiße cis Personen, die unmöglich den Rest der Weltbevölkerung und dessen Verhältnis zu Schönheit repräsentieren können. Durch die Digitalisierung werden jedoch Menschen in allen Teilen der Welt von diesen Schönheitsidealen beeinflusst, sodass der Comic allgemeine Relevanz besitzt. Auch sind viele der wissenschaftlichen Theorien grundsätzlich universal anwendbar. Dennoch sollte beim Lesen mitbedacht werden, dass es sich um eine westliche Sicht auf die Thematik handelt.

Schnörkel und Macken

Visuell setzt Liv Strömquist diese Sicht schnörkellos um. Nichts wird beschönigt, sondern Menschen mit genau den Macken, die sie auch in der Realität haben, dargestellt. Die Zeichnungen der Graphic Novel sind schlicht gehalten und zweidimensional. Jeder Strich ist wohlüberlegt und weniger an Schönheit als an Aussagekraft interessiert. Bilder werden als Mittel genutzt, um klar und effektiv einen Punkt zu machen. Das geschieht durch klare Farbkontraste, Signalfarben und stilisierte Figuren. 

Liv Strömquists Im Spiegelsaal bietet eine erfrischende feministische Perspektive auf ein Thema, welches schon seit jeher Menschen umtreibt. Sie arbeitet mit Humor, Ironie und ihrer direkten Art die verschiedenen Aspekte von Schönheit wirkungsvoll heraus und lässt die Leser*innen empört über das, was sie eigentlich schon wussten, zurück. Ihre Aussagen provozieren und treffen dabei ins Schwarze. Dennoch schafft sie es, der Thematik Leichtigkeit zu verleihen. Ein absolutes Must-read für alle, die bei einer visuellen Lektüre mit einem Schmunzeln auf den Lippen die eigenen Schönheitsideale hinterfragen wollen.


Der Comic von Liv Strömquist Im Spiegelsaal erschien im Oktober 2021 im avant-verlag und kann hier für 20 Euro gekauft werden. Einige ihrer anderen Comics sind auch in der Universitätsbibliothek verfügbar.

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