„Halten Sie sich von mir fern!”

Tritte, Schläge und Schreie erfüllen den Freiraum im Studentenhaus. Doch zur Selbstverteidigung gehört weitaus mehr als das. Was genau, haben Dominique Riedel und Lucie Schrage im Kurs des Studierendenwerks herausgefunden.

Der Flyer des Selbstverteidungungskurses. Foto: Dominique Riedel

Grenzen, Sicherheit und Selbstbewusstsein, aber auch Angst, Überfälle und Flucht sind Begriffe, die auf den bunten Post-its geschrieben stehen. Begriffe, die die Teilnehmenden mit Selbstverteidigung verbinden und die zu Beginn des FLINTA*-Selbstverteidigungskurses gesammelt werden.

Die Stimmung ist positiv angespannt. Erste Grundlagen werden in einem Stuhlkreis erläutert. „In Selbstverteidigung haben wir unsportliche Ziele“, erklärt Trainerin Valerie Banik, die schon seit zehn Jahren Selbstverteidigung unterrichtet. „Was sind unsportliche Ziele?“ Die ersten Meldungen folgen und schnell wird gesammelt: Genitalbereich, Ohren, Augen und der Hals. Die Erwartungen an den heutigen Kurs steigen.

Aus dem Stuhlkreis mit den 30 Teilnehmer*innen entsteht schnell eine erste Übung. Auf die Theorie folgt nun Praxis. Der erste Impuls für heute: persönliche Grenzen aufzeigen. Denn oftmals höre Banik von Teilnehmenden, dass sie denken, dass durch den Verteidigungsakt eine Situation noch weiter eskaliert: „Ich sage immer: Die Situation ist bereits eskaliert, wenn Täter*innen versuchen, die Grenzen zu überschreiten.“ Die Teilnehmenden lernen somit Personen, die auf sie zukommen, abzuwehren, in einen sicheren Stand zu gehen und vor allem ihre Stimme zu erheben. Entscheidend sei hierbei zu siezen. Also Ausrufe wie: „Halten Sie sich fern!” zu benutzen, um auch für Außenstehende aufzuzeigen, dass sich Fremde gegenüberstehen.

Zu Beginn des Kurses fühlt es sich noch ungewohnt an, plötzlich laut zu werden, und es fällt schwer, ernst zu bleiben. Doch die anfängliche Peinlichkeit verfliegt schnell. Nicht zuletzt weil Banik es zusammen mit ihrer Kollegin Franziska Herms auf sympathische Art und Weise schafft, eine urteilsfreie Atmosphäre zu kreieren. Sie weisen immer wieder darauf hin, wie wichtig es sei zu lernen, für sich selbst einzustehen.

Die perfekte Abwehrmethode gibt es nicht

Im zweiten Block des Kurses geht es dann ans Eingemachte. Zunächst wird die Aufmerksamkeitsfähigkeit trainiert. „In der Selbstverteidigung geht es vor allem darum, strategisch zu handeln. Wie Angriffe stattfinden, ist unvorhersehbar und kann nicht immer so synchronisiert ablaufen wie im Kampfsport“, so Banik. Es sei wichtig, durch das Wiederholen und Festigen von Abläufen mentale Fähigkeiten und das eigene Selbstvertrauen zu stärken. In Stresssituationen fällt es oftmals schwer, auf die Umgebung und sein Gegenüber zu achten. Ein Blick darauf, wo sich die Ausgänge befinden, wie sich Personen im näheren Umfeld mit ihrer Körpersprache verhalten und was sie in ihren Händen halten, könne eine hilfreiche Maßnahme sein, um bereits präventiv zu handeln.

Anschließend werden die sogenannten Pratzen ausgepackt, kleinere und größere Polster zur Schlagdämpfung. An einer Station werden Schläge geübt, an der anderen Tritte. Ein Hinweis, der im Laufe des Kurses wiederholt aufkommt: Es geht darum, Schockmomente beim Angreifenden zu schaffen und sich möglichst schnell aus der Konfrontationssituation zu ziehen. Durch diese Augenblicke der Verwirrung gewinnt die belästigte Person Zeit, um sich zu entfernen oder Hilfe zu holen.

Der Eingang zum Studentenhaus. Foto: Dominique Riedel

Nach der körperlichen Anstrengung findet sich die gesamte Gruppe erneut in einem Stuhlkreis zusammen. Die Teilnehmenden sollen ihre Taschen zur Hand nehmen und überlegen, welche Gegenstände darin geeignet wären, um sich zu wehren. Dazu zählen Wasserflaschen, Regenschirme oder auch die gesamte Tasche selbst. Ein Tipp von  Banik lautet, immer eine kleine Taschenlampe dabeizuhaben, zum Beispiel um Angreifende zu blenden.

Die Stärkung der eigenen Haltung

Zum Schluss haben die Teilnehmenden das Wort und bedanken sich großzügig. Alle nehmen heute eine Vielzahl von Impulsen mit und einige haben nach dem Pratzen-Kreis Interesse daran, Boxstunden wahrzunehmen. Wichtig sei es nun, diese Impulse nicht zu vergessen und sich im Alltag immer wieder spielerisch in Umweltbeobachtung, Orientierungsfähigkeit und Aufmerksamkeit zu üben. Banik sei es jedoch wichtig, dass dies nicht angstbesetzt passiere. 

Aus dem zweistündigen Kurs so viel mitzunehmen, ist überhaupt erst möglich, da keine schwierigen Techniken erlernt wurden. Stattdessen lag der Fokus immer darauf, was realistisch und für jeden persönlich umsetzbar ist. So betont auch Banik: „Ich finde es wichtig, erst mal überhaupt eine Haltung zu entwickeln, die aussagt: Ich entscheide, wo meine Grenzen sind und wer sie wie überschreiten darf. Ganz nach der Idee: Warum bilden sich manche Menschen ein, diese zu überschreiten?“


Der Kurs war Teil der neuen Diversity-Sparte des Studierendenwerks. Weitere Infos und kommende Events gibt es hier.

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